"Wir brauchen Chaos" - Vandoornes ernüchternde Diagnose nach Beginn
Peugeot kommt bei den 24 stunden von Le Mans 2026 wieder nicht mit - Stoffel Vandoorne macht wenig Hoffnung, dass sich die Lage bei Nacht ändert
Stoffel Vandoorne hofft auf ein baldiges Safety-Car, bevor Peugeot überrundet wird
Foto: Tobias Kindermann
Le Mans, drei Stunden nach dem Start. In der Peugeot-Hospitality, während vorne mehrere Teams um die Führung kämpfen, wirkt Stoffel Vandoorne ernüchtert: "Wir wissen, dass wir ein bisschen Chaos brauchen, um in diesem Rennen noch eine Rolle spielen zu können." Doch Regen ist nicht in Sicht es gibt bislang keine Unfälle und kein Safety-Car.
Der belgische Ex-Formel-1-Fahrer hat in diesen ersten drei Stunden des 24-Stunden-Rennens von Le Mans 2026 noch keinen Meter selbst zurückgelegt. Dennoch weiß er bereits, wie es um sein Auto steht. Die Daten lügen nicht, und Vandoorne macht keine Illusionen: Der Peugeot 9X8 fehlt schlicht die Pace, um im Kampf um die Spitze mitzureden.
Heiße Bedingungen verschärfen bekanntes Problem
Die Wetterbedingungen an der Sarthe haben sich gegenüber der gesamten Rennwoche spürbar verändert. Es ist deutlich heißer als an den Trainingstagen zuvor - und genau das trifft Peugeot stärker als die Konkurrenz.
"Unser Auto ist ziemlich hart zu den Reifen", erklärt Vandoorne. In der Hitze bedeutet das: Der 9X8 beansprucht seine Reifen stärker als andere Fahrzeuge, was die ohnehin angespannte Pace-Situation weiter verschärft.
Hinzu kommt ein technischer Faktor, der alle Hypercars gleichermaßen betrifft, den Peugeot aber überproportional: der vorgeschriebene Reifendruck von 2,1 bar. "Es ist definitiv schlechter, aber es ist für alle schlechter", räumt Vandoorne ein.
Doch dann folgt die entscheidende Einschränkung: "Ich glaube, wir haben wahrscheinlich etwas weniger Abtrieb als einige andere, weshalb wir von Natur aus etwas mehr rutschen." Weniger Abtrieb bedeutet mehr Schlupf, mehr Schlupf bedeutet mehr Energie im Reifen - ein Teufelskreis, der den 9X8 in heißen Bedingungen besonders anfällig macht.
Die Reifenwahl zu Rennbeginn war dennoch klar: Hartmischung. "Bei den heißen Temperaturen wollten wir klar auf dem Harten starten", sagt Vandoorne. Eine defensiv richtige Entscheidung - aber keine, die das grundlegende Pace-Problem löst.
Auf den Geraden konkurrenzfähig, in den Kurven verloren
Vor dem Rennen hatte man im Peugeot-Lager noch Hoffnung auf die Geraden gesetzt. Die Realität nach drei Stunden: "Die Topspeed-Werte sehen eigentlich ganz okay aus. Wir sind wahrscheinlich nicht die Schnellsten, aber auch nicht die Langsamsten."
Der Rückstand liegt also dort, wo er am schwersten zu kompensieren ist - in den Kurven. Vandoorne bringt es mit trockenem Humor auf den Punkt: "Wenn es nicht die Geraden sind, dann sind es die Kurven." Der Grund ist bekannt: Der Peugeot 9X8 wurde ursprünglich für ein anderes Reglement entwickelt, ein umfangreiches Update 2024 konnte das auch nicht ausbügeln.
Das Rennen läuft bislang ruhig, zu ruhig für Peugeot. Kaum Zwischenfälle, eine disziplinierte Fahrerschaft auf der Strecke, kein Safety-Car. "Ziemlich ruhig, ja", bestätigt Vandoorne. Für ein Team, das auf Chaos angewiesen ist, um Positionen gutmachen zu können, ist das eine schlechte Nachricht.
Strategie: Sauber fahren und auf die Nacht hoffen
Peugeot setzt auf eine konservative Strategie. Die Stintlänge ist auf 13 Runden festgelegt - keine Experimente, kein Versuch, durch verlängerte Stints Zeit zu gewinnen. "Immer 13, ja", bestätigt Vandoorne. Stattdessen soll die Crew in den Boxenstopps punkten.
"Unsere Crew war bei den Boxenstopps generell ziemlich gut", sagt er, und verweist auf die vergangenen WEC-Läufe, in denen Peugeot bei der Gesamtboxenstoppzeit regelmäßig zu den Besten gehörte. Ein Stopp von 1:12 Minuten - nach Vandoornes Einschätzung das Beste, was er bislang gesehen hat - zeigt, dass die Crew ihren Teil der Arbeit erledigt.
Die eigentliche Hoffnung richtet sich auf die Nacht. "Ich denke, es wird sich relativ gesehen wahrscheinlich etwas verbessern", sagt Vandoorne mit vorsichtigem Optimismus. Der 9X8 sei gut darin, die Reifen schnell auf Temperatur zu bringen - ein Vorteil, der bei kühlen Bedingungen zum Tragen kommt, in der Hitze aber zum Nachteil wird. Wenn die Temperaturen sinken, könnte sich das Blatt zumindest ein wenig wenden.

Dem Peugeot 9X8 fehlt es an Grip in den Kurven
Foto: Rainier Ehrhardt
Die Reifenwahl für die Nacht ist noch offen. "Das hängt wirklich von der Streckentemperatur ab", erklärt Vandoorne. Die Entscheidung zwischen Soft und Medium hängt nicht nur von der Streckenkühle ab, sondern auch von der Stintlänge: Wer zwei bis drei Stunden auf einem Satz fährt, muss eine Mischung wählen, die sowohl am Anfang als auch am Ende des Stints funktioniert - ein Kompromiss, der selten perfekt gelingt.
Auf die Frage, ob ihn die ersten drei Stunden überrascht hätten, antwortet Vandoorne knapp: "Ich glaube nicht, dass mich irgendetwas wirklich überrascht hat. Ganz cool, denen da vorne zuzuschauen. Leider sind wir nicht wirklich Teil davon."
Regen hätte geholfen. "Das wäre gut für uns gewesen", sagt Vandoorne. Doch der Himmel über Le Mans bleibt wolkenlos. Und so bleibt Peugeot das, was man an der Sarthe schon zu oft war: Zuschauer eines Kampfes, an dem man eigentlich teilnehmen wollte.
Ob am Ende noch Punkte herausspringen? "Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Wir werden auch ein bisschen Glück auf unserer Seite brauchen, damit das klappt."
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