WRTs Zittersieg: Frijns nach fehlender Balance "total erledigt"

WRT siegt auf Anhieb bei den 24 Stunden von Le Mans - Überzeugende Vorstellung über fast die ganze Renndistanz - Am Ende doch ein Hundertstelkrimi

WRTs Zittersieg: Frijns nach fehlender Balance "total erledigt"

0,727 Sekunden - auf die 363 absolvierten Runden in der LMP2 hochgerechnet bedeutet das, dass der siegreiche WRT-Oreca #31 (Frijns/Habsburg/Milesi) bei den 24h Le Mans 2021 pro Runde 0,002 Sekunden schneller gefahren ist als der zweitplatzierte Jota-Oreca #28 (Gelael/Vandoorne/Blomqvist).

Natürlich ist die Wahrheit etwas anders. WRT lag lange Zeit auf dem Weg zu einem sensationellen Doppelsieg beim Le-Mans-Debüt. In der Schlussphase überschlugen sich dann die Ereignisse. Erst funktionierte bei der #31 der hintere Wagenheber nicht mehr. Deshalb konnten die Hinterreifen nicht mehr zeitgleich mit den Vorderreifen gewechselt werden, die Balance geriet völlig aus dem Ruder.

In der letzten Runde blieb dann plötzlich der führende WRT-Oreca #41 (Kubica/Deletraz/Ye) stehen. Eine unfassbare Wendung, die sogar das Toyota-Schicksal von 2016 noch in den Schatten stellte. Robert Kubica, Louis Deletraz und Yifei Ye erlebten den wohl schlimmsten Moment ihrer Karriere.

Auf der anderen Seite der Garage war die Euphorie umso größer. Robin Frijns, Ferdinand Habsburg und Charles Milesi haben den Sieg natürlich nicht weniger verdient als die drei großen Pechvögel im Schwesterfahrzeug. Schließlich hatten sie bereits einen Vorsprung von 90 Sekunden rausgefahren, bevor das pneumatische Hebesystem hinten nicht mehr funktionierte.

Frijns' abenteuerlicher Schlussstint

"Ich bin komplett erledigt", sagt Frijns, der den größten Sieg seiner Karriere noch gar nicht verarbeitet hat. "Alles lief die Nacht hindurch sehr gut durch, aber in den letzten beiden Stunden ging alles schief. Wir konnten die Reifen hinten nicht mehr wechseln. Ich hatte dann alte Reifen hinten und neue vorne oder umgekehrt."

Und dann blieb er auch noch beim Überrunden an einem Porsche häängen, wodurch die Heckpartie beschädigt wurde und der Abtrieb auf der Hinterachse völlig verlorenging. "Die Balance lief völlig aus dem Ruder."

Von hinten kam der Jota-Oreca #28 (Gelael/Vandoorne/Blomqvist) angestürmt. Bis zu fünf Sekunden pro Runde war Tom Blomqvist schneller. Frijns wollte eigentlich nur noch den zweiten Platz absichern und musste alles geben.

Doch der Einsatz stieg in der letzten Runde gewaltig: "Ich habe am Funk gehört, dass das Schwesterauto kaputt geht und anhält. Auf einmal ging es um den Sieg. Das ist dann schon ein etwas anderer Druck auf deinen Schultern."

Er rettete 0,727 Sekunden Vorsprung über die Linie. Wahrscheinlich hätte schon eine weitere Durchfahrt der Dunlop-Schikane ausgereicht, damit Blomqvist vorbeigezogen wäre. Doch das Finish an sich war seinerseits schon dramatisch genug für Frijns.

Fast den Fahnenschwenker umgefahren

Denn Toyota verlangsamte wenige Meter vor ihm für das Fotofinish. Nur Sekunden nach den Toyotas kamen die beiden LMP2-Streithähne durch. Frijns nietete beinahe den Mann mit der schwarz-weiß karierten Flagge um. Eine Szene, über die nach diesem Rennen der ACO intern sehr intensiv wird diskutieren müssen, denn hier ist der Motorsport nur um Haaresbreite an einer Katastrophe vor laufenden Kameras vorbeigeschlittert.

"Die beiden Toyotas lagen vor mir und sie haben für das Zielfoto verlangsamt. Die Autos dahinter haben auch alle abgebremst und ich habe immer noch um den Sieg gekämpft", so der ehemalige DTM-Pilot. "Ich habe daher versucht, mich an all ihnen vorbei zu kämpfen. Ich habe den Mann mit der Zielflagge ein bisschen spät gesehen, aber zum Glück ist alles gut ausgegangen."

Für alle drei ist es der größte Sieg ihrer Karriere. "Das ist fühlt sich so crazy an!", jubelt Ferdinand Habsburg. "Zu Beginn der Woche haben wir den Nachhaltigkeitspreis vom ACO bekommen. Wir haben gehofft, danach auch die große Trophäe zu gewinnen."

"Für eine lange Zeit haben wir uns damit abgefunden, den zweiten Platz zu sichern und einfach die Trophäe mit nach Hause zu nehmen. Und mit unserer Leistung zufrieden zu sein, weil halt etwas gegen uns gelaufen ist. Und verdammt, dann gewinnen wir! Ich bin mehr als glücklich und freue mich, diesen Moment mit meinem alten Kumpel Robin und dem feurigen Rotschopf Charles genießen zu können!"

Ein weiterer Moment, der sich bei ihm ins Gedächtnis einbrennt: "Jemand hat mir [vor dem Rennen] eine Liste der bisherigen österreichischen Sieger der 24 Stunden von Le Mans gezeigt. Der Letzte darauf war Alex[ander] Wurz [1996]. Ich sah ihm vom Podium aus und wie er gefeiert hat. Ich kenne ihn sehr gut. Das war wirklich cool.

Seltsamer Mix der Emotionen

Natürlich gibt es auch Mitgefühl für die Teamkollegen. "Die Emotionen sind natürlich zwiegespalten" sagt Frijns. Milesi ergänzt: "Für das Team ist es ein bisschen schade, weil sie gerne beide Fahrzeuge auf den ersten beiden Plätzen gehabt hätten."

Teamchef Vincent Vosse weiß nicht wirklich, was er fühlen soll: "Das ist einfach unglaublich, gleich beim ersten Mal zu gewinnen, das ganze Team hat herausragende Arbeit geleistet! Natürlich gibt es Licht und Schatten. Es war eine Riesenenttäuschung, die #41 mit dem Sieg in der Tasche in der letzten Runde ausrollen zu sehen. Es ist einfach grausam. Es ist schwierig, solch einen Erfolg in so einer Situation zu genießen."

Nichtsdestotrotz: WRT hat eine der beeindruckendsten Leistungen für ein neues Team bei den 24 Stunden von Le Mans aller Zeiten hingelegt. Zwar war der Professionalisierungsgrad schon aus anderen Serien bekannt. Doch andere, auch sehr namhafte, Teams zeigen, dass der Wechsel von GT-Fahrzeugen auf Prototypen alles andere als einfach ist.

Eigentlich wollte WRT dieses Jahr zur Vorbereitung nutzen, 2022 gewinnen und dann ab 2023 bereit sein für die LMDh. Doch nun hat das Team gleich im ersten Anlauf den großen Preis abgeräumt. Wenn auch in einem höchst unkonventionellen Finale.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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