Philipp Öttl macht sich Sorgen um deutschen Nachwuchs: "Geht ums Geld"

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Philipp Öttl macht sich Sorgen um deutschen Nachwuchs:
Autor: Maria Reyer
Co-Autor: Gerald Dirnbeck
16.12.2018, 08:00

Moto2-Pilot Philipp Öttl spricht über die Hürden, mit denen ein deutscher Nachwuchspilot konfrontiert wird - Jochen Kiefer unterstützt junge Talente

2019 wird kein deutscher Nachwuchspilot mehr in der Moto3 an den Start gehen. Mit dem Aufstieg von Philipp Öttl in die Moto2, werden in der mittleren Kategorie immerhin drei Deutsche (gemeinsam mit Marcel Schrötter und Lukas Tulovic) zu finden sein. Dennoch scheint Deutschland ein Nachwuchsproblem zu haben, das weiß auch Öttl. Der Bayer hat mit 'Motorsport.com' offen über die Hürden, die einem jungen Piloten in der Bundesrepublik aufgezeigt werden, gesprochen. Moto2-Teamchef Jochen Kiefer wiederum hofft, mit seiner Unterstützung zu einem Aufschwung beizutragen.

Ein Blick nach Spanien genügt: Joan Mir ist vor einem Jahr noch mit Öttl in der Moto3 gefahren und holte sich in seiner zweiten vollen Saison überlegen den Moto3-Titel. Nach nur einem Jahr in der Moto2 wird der Spanier 2019 im Alter von 21 Jahren in die Königsklasse aufsteigen. Öttl hingegen wird seine Debütsaison in der Moto2 absolvieren, von einem solch kometenhaften Aufstieg kann der 22-Jährige nur träumen.

"In der spanischen Meisterschaft bin ich auch gegen Alex Marquez und Francesco Bagnaia gefahren und war teilweise schneller. Aber es gibt eben unterschiedliche Entwicklungen, speziell die Spanier haben sehr gute Möglichkeiten. Als Nicht-Spanier oder -Italiener braucht man viel Zeit, um diesen Rückstand aufzuholen", weiß Öttl aus eigener Erfahrung.

Spanien: Staatliche Hilfe für Motorrad-Nachwuchs

Er schaffte in seiner sechsten Moto3-Saison 2018 seinen ersten und einzigen Sieg in Jerez. Mir hingegen siegte bereits in seinem ersten Jahr. "Wir haben schon so viele Dinge in Spanien gesehen, die bei uns unvorstellbar wären. Zum Beispiel waren wir für Tests in Jerez. In der Mittagspause sind 50 Fahrer in einer kleinen Kategorie gefahren. Die Top 2 sind in das Team von Andalusien aufgenommen worden. Zu 85 Prozent wird das von Andalusien bezahlt. Das wäre so, als würde es bei uns ein Team Bayern geben", zieht Öttl einen Vergleich.

Doch während in Spanien die Nachwuchsförderung teilweise vom Staat bezahlt wird, sei das in Deutschland nicht vorstellbar, meint der Sohn von Ex-Rennfahrer Peter Öttl. "Wenn der Pilot das Geld nicht hat, aber das Talent, dann wird er dennoch gefördert. Wenn du bei uns kein Geld hast, ist es ein wenig schwieriger." Ein weiterer Punkt: In Spanien darf auch in der Mittagspause gefahren werden. In Deutschland hingegen gelten strenge Lärmschutzbestimmungen, die Öttl in diesem Jahr sogar zum Verhängnis wurden.

"Ich bin nach meinem Grand-Prix-Sieg mit meinem Motorrad in Memmingen gefahren und habe mit meinem Standard-Auspuff ein Lärmproblem gehabt. Die Strecke liegt neben einem Flughafen. Die Flieger dort sind viel lauter", kann er das Problem nicht nachvollziehen. "Das ist der feine Unterschied." Ein weiteres Vorzeigeland in Sachen Nachwuchsförderung sei Italien, nicht nur dank Valentino Rossi.

Öttl: "Glaube nicht, dass Nachwuchs nachkommt"

"In Italien kann man außerdem gratis fahren, da wird man mit offenen Armen begrüßt. Dort gibt es auch mehr Strecken als bei uns. Das sind eben so kleine Beispiele. In Bayern gibt es nicht einmal eine Rennstrecke", gibt Öttl zu bedenken. Er weiß ganz genau, worauf es ankommt: "Ohne Geld geht nichts."

Daher versteht er die Sportpolitik nicht: "In Deutschland ist es so - wenn man Fußball jetzt mal weglässt -, dass man schon gern vorne mit dabei sein würde, aber es sollte halt ohne Subvention gehen. Aber ohne geht es nicht. Wenn man dann hinterher fährt, dann ist das auch nichts." Was ihn aber besonders ärgert: Es käme kein Nachwuchs nach.

"Ich glaube nicht, dass in den nächsten Jahren etwas nachkommt. Das kann man auch nicht so leicht verändern. Man braucht einfach ein paar Millionen, zwei oder drei, und selbst dann weiß man nicht, ob es was wird. Man muss eben investieren, wenn etwas rauskommen soll", so Öttl. Einer, der sich das zu Herzen genommen hat, ist Moto2-Teamchef Jochen Kiefer.

Kiefer möchte 2020 wieder zwei Bikes einsetzen

Im Gespräch mit 'Motorsport.com' hat der Deutsche über seine Nachwuchspläne berichtet. Als deutsches Team werde er sich auch 2019 wieder um den deutschen Nachwuchs kümmern, immerhin gäbe es vonseiten der Dorna und IRTA großes Interesse daran, dass er als Team in der Weltmeisterschaft erhalten bleibt und neues deutsches Talent nachrückt.

"Ich werde mich weiterhin um Nachwuchs kümmern", bestätigt Kiefer. "In der IDM fahren wir auf jeden Fall noch ein Jahr mit Toni Erhard, der schon in diesem Jahr für uns gefahren ist und deutscher Meister geworden ist. Das hat mich sehr gefreut, dass das geklappt hat." Außerdem können auch die Orgis-Brüder Leon und Kevin weiterhin auf Kiefers Unterstützung zählen.

Die beiden Brüder sind 2018 das erste Jahr in der spanischen Moto3-Meisterschaft unterwegs gewesen. Kiefer bezeichnet das erste Jahr als "Lernjahr" und möchte 2018 Erfolge sehen. "Das Leistungsjahr kommt jetzt. Sie sollen beweisen, dass sie da auch wirklich reingehören. Daher ziehen wir da auch mit. Und ich möchte gerne einen jungen Schweizer, Marcel Brenner, in der spanischen Moto2 mit unterstützen."

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Der Moto2-Teamchef weiß, wie er seine Talente einzuschätzen hat. Ein Einstieg in die Moto3-WM wäre in der kommenden Saison für die Orgis-Brüder noch zu früh gewesen, glaubt der Deutsche. Sollten die Leistungen 2019 stimmen, wird die Weltmeisterschaft der logische nächste Schritt sein. Da Kiefer selbst nur in der Moto2 vertreten ist, müsste man mit einem spanischen oder italienischen Team kooperieren. "Wenn ich jetzt sage, wir haben da einen talentierten Deutschen, dann kann er auch in ein spanisches oder italienisches Team oder auch beim Peter Öttl ins Team. Da gibt es viele Optionen."

2020 möchte das Kiefer-Team, das 2019 mit Rookie Lukas Tulovic an den Start gehen wird, jedenfalls wieder zwei Bikes in der Moto2 stellen. "Ich versuche für 2020 wieder ein Zwei-Mann-Team zu bekommen. Ob das klappt, sei dahingestellt. Aber probieren kann man's." Dann könnte womöglich ein zweiter Deutscher darauf Platz nehmen.

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Artikel-Info

Rennserie Moto2
Fahrer Marcel Schrötter , Philipp Öttl , Lukas Tulovic
Teams Kiefer Racing
Urheber Maria Reyer