368,6 km/h Topspeed: Jorge Martin bricht MotoGP-Rekord in Mugello
Aprilia-Technikdirektor Sterlacchini erklärt, wie fast 370 km/h mit einem MotoGP-Bike möglich sind - Marc Marquez zweifelt am Sinn der extremen Topspeeds
Aprilia hat nun das schnellste MotoGP-Motorrad auf der Geraden
Foto: Andrea Andrea
Aprilia-Fahrer Jorge Martin hat beim Grand Prix von Italien einen neuen Topspeed-Rekord für die MotoGP aufgestellt. Im zweiten Freien Training am Samstagvormittag raste der Spanier am Ende der 1,141 Kilometer langen Start-Ziel-Geraden des Mugello Circuits mit 368,6 km/h über den Messpunkt.
Noch nie zuvor war ein Motorrad in der Geschichte der Weltmeisterschaft, die seit 1949 ausgetragen wird, so schnell. Um diese neue Rekordmarke zu erreichen, nutzte Martin den Windschatten zweier Motorräder, aber weitere Faktoren spielten ebenfalls eine Rolle.
Der Ex-Weltmeister schildert: "Ich bin super aus der letzten Kurve herausgekommen und war hinter Marini und Bastianini. Da ist eine Bodenwelle, die ich perfekt erwischt habe, sodass ich keinen Wheelie hatte."
"Dann habe ich angefangen, sie einzuholen, und habe mir gesagt: 'Okay, ich bremse erst im allerletzten Moment.' Ich wusste, dass ich schnell bin, weil ich, als ich aus dem Windschatten rausging, plötzlich nichts mehr gesehen habe."
"Als ich dann an die Box zurückkam und die Geschwindigkeit gesehen habe, war ich beeindruckt." Auch in der Aprilia-Box konnte man zunächst nicht glauben, welcher Wert bei der Geschwindigkeitsmessung angezeigt wurde.
Noch vor wenigen Jahren war Aprilia nicht als schnelles Motorrad auf der Geraden bekannt. Mit dem Wechsel 2020 auf einen neuen V4-Motor mit einem Bankwinkel von 90 Grad (davor 72 Grad) markierte das den Beginn der Fortschritte.
Der Motor wurde kontinuierlich verbessert. Dazu kam die Aerodynamik-Entwicklung. "Es ist natürlich extrem reizvoll, den höchsten jemals erreichten Wert zu schaffen", sagt Aprilia-Technikdirektor Fabiano Sterlacchini gegenüber MotoGP.com.
"Das ist ganz klar das Ergebnis der Arbeit aller Mitarbeiter im Unternehmen, in Bezug auf die aerodynamische Perfektion, Motorleistung und generell das Zusammenspiel aller Aspekte des Motorrads. Es ist ein Gesamtpaket mit starken Synergieeffekten."
"Außerdem sehen wir immer wieder, dass die Höchstgeschwindigkeit eines Wochenendes oft im Rennen erreicht wird, aufgrund des starken Windschattens." Damit lag Sterlacchini richtig, denn Martins Wert wurde bereits im Sprint egalisiert.
Bezzecchi egalisiert Martins Topspeed-Wert
Teamkollege Marco Bezzecchi fuhr in einer Kampfgruppe, musste überholen und wurde dabei dank Windschattens ebenfalls mit 368,6 km/h gemessen. Der beste Wert der Konkurrenz lag bei 367,3 km/h, erzielt von Enea Bastianini (KTM) im Sprint.
Dass solche Werte in der MotoGP erreicht werden, ist laut Sterlacchini eine Kombination verschiedener Faktoren: "Wir haben zum Beispiel die Reibung reduziert, etwa bei der Kette, dazu kommt die Motorleistung."
"Hinzu kommt die Verringerung des Luftwiderstands durch die Aerodynamik. All das spielt zusammen. Gleichzeitig hängt ein Teil der Höchstgeschwindigkeit auch davon ab, wie man aus der letzten Kurve herauskommt."
Könnten auch 370 km/h geknackt werden? "Ich schließe das nicht aus", sagt Sterlacchini. "Wenn die Bedingungen passen, also etwa Rückenwind und zusätzlicher Windschatten, sind vielleicht noch zwei km/h mehr drin."
Ein Rekord für mehrere Jahre?
Der Rennsonntag in Mugello könnte eine der letzten Gelegenheiten sein, einen neuen Rekord aufzustellen. Anschließend wäre in der restlichen Saison eventuell noch die lange Zielgerade in Katar eine Möglichkeit für hohe Werte.
Da 2027 der Hubraum der Motoren auf 850 Kubikzentimeter reduziert und das hintere Ride-Height-System verboten wird, sollte die Höchstgeschwindigkeit auf der Geraden sinken.
Martins Rekord könnte demnach für einige Jahre Bestand haben. Dass es vernünftig ist, die Motorräder auf der Geraden etwas einzubremsen, findet Marc Marquez, denn zu Beginn seiner MotoGP-Karriere waren solche Topspeed-Werte noch Utopie.
"Zum Glück wird es nächstes Jahr etwas runtergehen, weil dieser Topspeed keinen wirklichen Sinn mehr ergibt", sagt Marquez. "Heute hatten wir Rückenwind auf der Geraden, dazu kam der Windschatten und all diese Faktoren."
"Aber wenn man dort fährt, kann schon eine kleine Veränderung einen großen Unterschied machen." Als Beispiel führt er das Duell im Sprint mit LCR-Honda-Fahrer Diogo Moreira an.
"Wir sind beide weit gegangen, nur wegen eines kleinen Unterschieds im Windschatten, der dann eine große Auswirkung hatte. Deshalb bin ich froh, dass die Höchstgeschwindigkeit nächstes Jahr reduziert wird."
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