Aprilia-Analyse: Deshalb war Trackhouse besser als das Werksteam
Raul Fernandez und Ai Ogura sorgen im Assen-Sprint für den ersten Doppelsieg für Trackhouse - Marco Bezzecchi und Jorge Martin erklären, warum sie schwächer waren
Trackhouse stellte das Aprilia-Werksteam im Sprint in den Schatten
Foto: Gold Gold
Aprilia drückte den ersten beiden Tagen der Dutch TT in Assen den Stempel auf. Marco Bezzecchi war zunächst in allen drei Freien Trainings Schnellster, aber im Qualifying sicherte sich sein Teamkollege Jorge Martin die Poleposition. Es war seine erste, seit er für Aprilia fährt.
Das Qualifying war für die italienische Marke auch ein Meilenstein, denn erstmals in der MotoGP-Geschichte belegten Aprilia-Fahrer die ersten vier Plätze. Im Sprint stellte anschließend das Satellitenteam Trackhouse das Werksteam in den Schatten.
Raul Fernandez gewann vor Ai Ogura. Bezzecchi und Martin belegten "nur" die Plätze vier und fünf. Die Analyse der vier Fahrer offenbart, warum Trackhouse den ersten Doppelsieg feierte und das Werksteam das Podium verpasste.
"Raul war vor allem am Anfang derjenige, der den Reifen am besten genutzt hat", sagt Bezzecchi. "Er hat sich in der ersten Runde etwas zurückgehalten, ist dann aber sofort an Jorge vorbeigegangen. Sein Rhythmus zu Beginn war sehr gut."
Das bestätigt auch Fernandez, denn mit 178 Zentimetern Körpergröße ist er der größte und schwerste der vier Aprilia-Fahrer: "Weil ich im Vergleich zu Ai recht schwer bin, ist es für mich einfacher, den Reifen auf Temperatur zu bringen."
Oguras Schwäche ist bekanntermaßen die Anfangsphase eines Rennens. Mit Fortdauer eines Rennens wird der Japaner immer stärker und zählt in der Schlussphase regelmäßig zu den Schnellsten auf der Strecke.
Die Schwäche in der Anfangsphase liegt einerseits am Aufwärmen des Reifens und andererseits daran, dass Ogura nicht aggressiv genug agiert: "Die ersten Runden: Bei SkyTV hat mir [Mattia] Pasini gesagt, dass meine Linie in Kurve 5 nicht ideal war."
"Nicht falsch, aber ich habe zu viel Platz für die Fahrer hinter mir gelassen. Es war gut, dass er mir das gesagt hat", nimmt Ogura den Ratschlag des Ex-Rennfahrers dankend an: "An den ersten zwei, drei Runden kann ich für morgen arbeiten."
"Wenn ich ein bisschen aggressiver wäre. Ich meine, ich muss nicht aggressiv sein, aber wenn ich in den ersten zwei Runden keine wichtigen Positionen verliere, dann habe ich eine große Chance auf den Sieg."
"In Brünn habe ich Positionen verloren, hier habe ich Positionen verloren. Deshalb bin ich Zweiter." Zuletzt in Tschechien verlor Ogura im Sprint von der Poleposition gegen Francesco Bagnaia und im Grand Prix gegen Marc Marquez.
Warum Jorge Martin immer langsamer wurde
Zurück zur Anfangsphase des Sprints in Assen. Martin gelang eine sehr gute Startphase, denn er führte die ersten beiden Runden an, doch dann konnte er die Pace nicht mehr halten.
"Ich konnte in Führung gehen, aber dann habe ich gemerkt, dass ich keinen Grip am Hinterrad habe. Darunter habe ich bis zum Ende gelitten", seufzt Martin. "Jede Runde wurde es ein bisschen schlimmer."
"In den letzten drei Runden war es schwierig, die Ducatis hinter mir zu halten, und insgesamt war das Gefühl im Vergleich zum restlichen Wochenende sehr schlecht. Ich weiß also nicht genau, woran es lag, aber der Grip hinten war einfach nicht da."
Martin hat in den vergangenen Wochen festgehalten, dass er noch keine Basisabstimmung gefunden hat, die auf allen Strecken funktioniert. Das Set-up, mit dem er in Le Mans gewonnen hat, ist auf anderen Layouts nicht brauchbar.
Er würde sich einen Testtag wünschen, den es aber nicht gibt. Deshalb probiert Martin mit seiner Crew Änderungen während des Rennwochenendes aus. In Assen fand man ein besseres Gefühl für das Vorderrad.
"Ja, das hat sich stark verbessert. Das [Gefühl für das] Vorderrad wurde an diesem Wochenende deutlich besser", bestätigt er. "Schon ab FT1 haben wir etwas ausprobiert, das mir geholfen hat, und das hat auch im Qualifying sehr geholfen."
"Wir sind also auf dem richtigen Weg. Ich denke nur, dass im Sprint das Hinterrad nicht funktioniert hat. Wir ändern Dinge am Motorrad, und manchmal funktioniert es gut, manchmal nicht. Heute war es nicht der richtige Weg."
Marco Bezzecchi verliert seine Chance in der Startphase
Auch Bezzecchi hatte im Sprint nicht das gleiche gute Gefühl wie in den Trainings, wo er der Schnellste im Feld war. "In den ersten paar Runden habe ich etwas mehr Probleme gehabt, das stimmt", sagt der Italiener.
"Nach dem Start tue ich mich derzeit etwas schwer, und ich wurde von mehreren Fahrern überholt. Im Sprint sind diese ersten drei Runden entscheidend. Danach habe ich mich immer besser gefühlt, mein Tempo war leicht besser."
"Aber es war ein bisschen zu spät, und ich konnte nur noch auf Platz vier ins Ziel kommen. Ich war ähnlich wie Ai unterwegs, aber einfach ein bisschen zu spät, vielleicht ein oder zwei Runden zu spät."
Aggressives Überholmanöver von Bezzecchi gegen Martin
Was fehlte Bezzecchi in den ersten drei Runden? "Wenn ich das wüsste, dann würde es ja nicht fehlen. Es war vor allem ein bisschen Gefühl, etwas mehr Bewegung [im Motorrad] als sonst. Das waren insgesamt die beiden Hauptprobleme."
Bei seiner Aufholjagd setzte Bezzecchi auch ein aggressives Überholmanöver gegen Martin. Aber Martin sieht das gelassen: "Das ist Racing. Er hat mich überholt, ich habe versucht, zurückzuschlagen, um die Position zu halten."
"Das Gleiche habe ich mit Ogura gemacht. Wenn ich die Möglichkeit habe oder die anderen Fahrer, versuchen wir immer, direkt wieder anzugreifen. Ich hoffe, dass ich morgen etwas schneller bin und nicht mit den anderen kämpfen muss."
Hat Fernandez seine MotoGP-Zukunft nun gesichert?
Im Sprint musste Fernandez ab Runde drei mit niemandem kämpfen. In den vergangenen Wochen zeigte seine Formkurve nach oben: Er gewann in Mugello den Sprint, aber anschließend schwächte ihn in Brünn eine Blinddarmentzündung.
Nun war er in Assen am Samstag wieder ganz vorne. Dennoch ist seine Zukunft weiterhin nicht geklärt. Ein Verbleib bei Trackhouse soll wieder wahrscheinlicher geworden sein, aber einen Vertrag hat Fernandez noch nicht unterschrieben.
"So wie ich es sehe, habe ich eine großartige Zeit auf dem Motorrad", sagt er über seine aktuelle Situation. "Ich kann machen, was ich will, und es ist lange her, dass ich auf dem Motorrad nicht das tun konnte, was ich wollte."
"Jetzt hingegen kann ich genau das tun. Ich merke, dass ich mein volles Potenzial abrufe, und ich denke, genau das muss ich tun: ruhig bleiben. Und was nicht von mir abhängt, liegt nicht in meiner Hand. Ich sage das schon das ganze Jahr: Ich konzentriere mich darauf, ein besserer Fahrer zu werden."
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