Aprilias neuer Aerodynamik-Coup: Formel-1-Trick am MotoGP-Motorrad
Formel-1-Prinzip am MotoGP-Motorrad - Aprilia soll mit gezielten Öffnungen den Luftstrom beeinflussen und so den Topspeed steigern - Bezzecchi fährt Rundenrekord
Marco Bezzecchi stellte in Buriram am Freitag einen neuen Rundenrekord auf
Foto: Getty Getty
Marco Bezzecchi hat den Trainingstag für das erste MotoGP-Rennwochenende der Saison 2026 dominiert. Mit 1:28.526 Minuten stellte der Aprilia-Fahrer auf dem Buriram International Circuit in Thailand einen neuen Rundenrekord auf. Mit dieser Zeit nahm er Weltmeister Marc Marquez (Ducati) vier Zehntelsekunden ab.
"Das Motorrad funktioniert schon ziemlich gut", lobt Bezzecchi. "Trotzdem müssen wir noch viele Dinge anpassen. Aber der Test hat auf jeden Fall geholfen, einfach wieder mehr auf einer Strecke zu fahren und ein Rennwochenende auf derselben Strecke zu starten."
"Das hilft sicher, aber der Charakter des Motorrads ist immer derselbe, also gibt es dazu nicht viel zu sagen." Nach seinem erfolgreichen Trainingstag wurde der Italiener nicht auf ein Thema angesprochen, das am Freitag im Paddock die Runde machte.
Denn die Aprilia-Ingenieure sind offenbar auf eine findige Lösung für die Aerodynamik gekommen. Laut einem Bericht von TheRace soll Aprilia das F-Duct-Prinzip kopiert haben, das McLaren im Jahr 2010 beim Formel-1-Auto einführte und damit die Konkurrenz überraschte.
Beim damaligen MP4-25 führte ein Luftschacht vorne auf der Oberseite des Monocoques durch das Cockpit zum Heckflügel. Auf der linken Seite des Cockpits gab es ein Loch. Deckte der Fahrer diese Öffnung mit der Hand ab, kam es am Heckflügel zu einem Strömungsabriss.
Das sorgte dafür, dass das Auto je nach Länge der Geraden bis zu 10 km/h gewann. Aprilia soll nun als erstes MotoGP-Team dieses Prinzip für ein Motorrad angepasst haben. Einerseits generiert Aprilia mit der diffusorartigen Seitenverkleidung ein sehr gutes Kurvenverhalten.
Andererseits kostet diese zerklüftete Verkleidung Topspeed. Nun hat Aprilia vorne links und rechts neben der Airbox kleine Luftschlitze in die Verkleidung geschnitten. Auf der Oberseite der Seitenverkleidung gibt es links und rechts auf Höhe der Unterarme des Fahrers zwei Öffnungen.
Versteckt sich der Fahrer auf der Geraden hinter der Verkleidung, verdeckt er mit den Unterarmen diese Öffnungen. Das soll für einen Strömungsabriss in der Seitenverkleidung sorgen, womit im Endeffekt der Topspeed auf der Geraden steigt.
"Klar spürt man auf den Geraden ein bisschen mehr Luft", beschreibt Jorge Martin, "aber für uns Fahrer ist das ehrlich gesagt kein riesiger Unterschied. Ich hab es ohne das gar nicht ausprobiert. Für mich war es, sobald ich aufs Motorrad gestiegen bin, direkt so - mit der neuen Aero."

Der Unterarm verdeckt die Austrittsöffnung des Luftschachts
Foto: Alessandro Giberti/Anadolu via Getty Images
"Also ich meine: Das Motorrad funktioniert gut. Ob deswegen oder nicht, keine Ahnung, aber für mich passt es. Was ich nur spüre, ist ein bisschen mehr Luft auf den Geraden, aber ich mag das echt, weil du unter diesen Bedingungen merkst, dass du weniger schwitzt."
In beiden Freitagstrainings in Buriram zählte die Aprilia zu den schnellsten Motorrädern auf der Geraden. Ducati, KTM und Honda waren bei der Topspeed-Messung aber im gleichen Bereich zu finden. Bislang zeigte sich kein eklatanter Vorteil durch dieses neue, innovative System.
Die Aprilia-Ingenieure haben sich bisher nicht dazu geäußert. Rennmanager Paolo Bonora sagt bei MotoGP.com zur weiterentwickelten Aerodynamik nur: "Wir haben uns viel Zeit genommen, um die verschiedenen Aero-Lösungen zwischen der 2025- und der 2026-Version zu bewerten."
"Dann haben wir ziemlich schnell bestätigt, dass das 2026er-Motorrad besser ist. Mit dem 2026er-Motorrad haben wir viele unterschiedliche Aero-Teile getestet. Am Ende hat sich daraus dieses erste homologierte Aero-Paket ergeben." Die Seitenverkleidung zählt zu den homologierten Teilen.
Marc Marquez: "Wir müssen das verstehen"
Aprilia hat sich vor allem mit Bezzecchi in die Rolle des Favoriten gebracht. Vier Zehntelsekunden Vorsprung sind in der aktuellen MotoGP eine Welt. Auch Marc Marquez merkte nach dem Training an, dass sich Ducati das genau ansehen müsse.
Damit meint der Routinier aber nicht nur die Aerodynamik, sondern auch einen anderen Faktor. Michelin verwendet in Buriram eine härtere Karkasse, die sonst nur auf wenigen Strecken eingesetzt wird, etwa in Mandalika und Spielberg.

Weltmeister Marquez kassierte von Bezzecchi vier Zehntelsekunden
Foto: Getty Images AsiaPac
"Wir müssen das gut verstehen", sagt der Ducati-Fahrer. "Schon in Mandalika war Bezzecchi mit dieser Karkasse extrem schnell. Also sieht es so aus, als wäre er aus irgendeinem Grund in der Lage, super konstant zu sein und auf eine einzelne Runde super schnell."
"Es stimmt, dass ich ihm im Moment nicht folgen könnte, aber mal sehen, ob ich ihm morgen im Sprint ein paar Runden folgen kann, weil er im Moment der Favorit ist", schiebt der Weltmeister die Favoritenrolle auf Aprilias Speerspitze.
Bezzecchi schiebt Favoritenrolle zu Marquez
Bezzecchi seinerseits schiebt die Favoritenrolle aber wieder zu Marc Marquez zurück: "Weil Marc am Ende trotzdem der Fahrer ist, der etwas mehr Erfahrung hat, und ganz sicher der erfolgreichste Fahrer ist, den es gerade gibt."
"Im vergangenen Jahr habe ich gesehen, und wir haben es alle gesehen: Selbst an Wochenenden, an denen der Freitag vielleicht nicht perfekt war, schafft er es trotzdem. Er ist also nicht nur der amtierende Champion, er ist auch ganz klar der stärkste Fahrer."
"Deswegen sehe ich ihn als Favoriten", so Bezzecchi. "Klar hoffe ich, dass ich auch schnell bin und mit ihm und auch mit den anderen kämpfen kann, aber so ist mein Gedanke. Morgen, wenn es zählt, wird man sehen, dass sie viel näher dran sein werden."

Marco Bezzecchi schiebt die Favoritenrolle zurück zu Marc Marquez
Foto: Getty Images AsiaPac
"Heute mussten sich vielleicht einige erst noch ein bisschen sortieren. Manche haben eine bessere Runde erwischt, andere haben Kurven versemmelt. Die Session hat einen auch ein bisschen nervös gemacht, weil man den richtigen Moment finden musste."
"Und das ist nicht immer leicht, vor allem wenn du draußen bist und es rutschig wird, dann musst du ruhig bleiben. Ich bin sicher, morgen kommen sie mit voller Kraft." Aus dem Ducati-Lager haben sich neben Marc Marquez auch Fabio Di Giannantonio und Alex Marquez für Q2 qualifiziert.
Bei Aprilia schafften es ebenfalls drei Fahrer in die Top 10. Hinter Bezzecchi wurde sein Teamkollege Martin Fünfter und Trackhouse-Fahrer Ai Ogura, der im Vorjahr in Buriram glänzte, wurde Neunter. Das zeigt die Konkurrenzfähigkeit der RS-GP.
Kann Aprilia in diesem Jahr ernsthaft gegen Ducati um den Weltmeistertitel kämpfen? "Man darf keine Erwartungen haben", sagt Bonora. "Über den WM-Titel zu sprechen, ist viel zu früh. Wir müssen Schritt für Schritt gehen."
"Wir müssen die Daten und die Rückmeldungen der Fahrer sehr, sehr genau analysieren, so wie wir es im Vorjahr in der zweiten Hälfte gemacht haben. Also: Daumen drücken. Wir vertrauen voll auf unsere Fahrer und auf die Arbeit von Trackhouse. Für uns wird es eine Saison der Bestätigung sein. Wir machen einfach weiter mit der Arbeit."
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