Assen: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Warum Maverick Vinales mehr Druck hatte als Fabio Quartararo und Marc Marquez - Der Assen-Sieg ist nur eine Momentaufnahme und nicht das Ende der Yamaha-Krise

Assen: Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Liebe MotoGP-Fans,

Assen ist immer für tolle Rennen gut! Und am Sonntag haben wir in allen drei Klassen viel Spektakel, Spannung und Action gesehen. Ungewöhnlich war am Rennwochenende nur das Wetter. Statt der typischen Regenkapriolen war es diesmal heiß und trocken. Mit offiziell 105.000 Zuschauern waren am Sonntag mehr Leute an der Strecke als bei jedem anderen Rennen in diesem Jahr. Neben den Fans vor Ort und vor den Fernsehgeräten war ein Mann der große Gewinner des Wochenendes: Maverick Vinales.

Der Sieg war für den Spanier und das gesamte Yamaha-Team Balsam für die Seele. Zu verkorkst war die bisherige Saison verlaufen. Je nach Rennstrecke war man hinter Honda, Ducati und Suzuki nur noch die vierte Kraft gewesen. Kritik gab es von allen Seiten. Yamaha entwickelt sich gar nicht oder zu langsam weiter. Es fehle an Innovationskraft und es müsste einen größeren Neustart im gesamten Team geben.

Maverick Vinales

Seit Rossis Assen-Sieg 2017 war es erst der zweite Yamaha-Triumph

Foto: Yamaha

Auch die Werksfahrer bekamen ihr Fett weg, vor allem seit Fabio Quartararo und zeitweise auch Franco Morbidelli schneller waren. Valentino Rossi ist nun wirklich zu alt und sollte seinen Helm endgültig an den Nagel hängen. Und Maverick Vinales ist doch nicht das große Zugpferd für die Zukunft, wie viele gedacht haben. Solche und ähnliche Kommentare waren in den vergangenen Monaten zu hören und zu lesen gewesen.

Klar, ein Rennsieg macht das Kraut nicht fett. Vor allem die flüssige Streckencharakteristik kam sowohl der Yamaha M1 als auch der Suzuki GSX-RR mit ihren Reihenvierzylindern entgegen. Auf dem Papier ist Assen neben Phillip Island jene Strecke, wo Yamaha die besten Siegchancen hat. Deswegen sollte man das gestrige Ergebnis nicht überbewerten. Die schwierige Phase ist für Yamaha damit noch nicht vorbei.

Warum Vinales am meisten Druck hatte

Aber natürlich fällt mit so einem Sieg viel Ballast und Druck vom gesamten Team. Vinales hat auch aus ganz persönlichen Gründen gut geschlafen. Deshalb ist er heute unser Kandidat für unsere traditionelle Montagskolumne. Ich will nicht zu weit ausholen, aber Vinales wurde für 2017 zu Yamaha geholt, um langfristig Marc Marquez auf der Strecke herauszufordern und zu besiegen.

Marc Marquez, Maverick Vinales

Ist Vinales der Mann, der Marc Marquez herausfordern kann?

Foto: Yamaha

Aber spätestens im vergangenen Jahr kamen Zweifel auf, ob Vinales wirklich derjenige ist, der den derzeit besten Fahrer schlagen kann. Das Zerwürfnis mit Crew-Chief Ramon Forcada war nur der Anfang. Yamaha reagierte und gestaltete seine Seite der Box um. Vinales ging mit einer frischen, motivierten Einstellung in die aktuelle Saison. Doch vom "neuen " Vinales war bisher kaum etwas zu sehen.

Als sich gestern Vinales, Marquez und Quartararo in Assen einen tollen Dreikampf um die Führung geliefert haben, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass von diesem Trio Vinales am meisten zu verlieren hat. Und das aus mehreren Gründen. Marquez hatte gar nichts zu verlieren, denn Alex Rins war gestürzt und das Ducati-Duo war keine Gefahr. Ein Podestplatz würde Marquez für seine WM-Ambitionen reichen. Unnötiges Risiko musste er nicht eingehen.

Talent Quartararo: Vinales rückt Hackordnung gerade

Und Quartararo hatte ebenfalls absolut nichts zu verlieren. Mit seinem Speed und seiner Leistung hat der 20-Jährige schon gehörig Eindruck gemacht. Den ersten Podestplatz hatte er in Barcelona bereits in der Tasche. Das hat schon mal Druck von den Schultern genommen. Alles weitere ist ein Bonus. Auch wenn die Yamaha M1 für einen Rookie das vermeintlich am einfachsten zu fahrende Motorrad ist, so ist glaube ich, dass jedem klar ist, dass Quartararo am Anfang einer erfolgreichen MotoGP-Karriere steht.

Maverick Vinales, Fabio Quartararo

Mit Fabio Quartararo (re.) hat Yamaha das nächste Talent in den eigenen Reihen

Foto: Yamaha

Bei Vinales war die Situation gestern völlig anders. Er wollte und musste Yamaha zeigen, dass er die Nummer 1 für die Zukunft ist. Dass er der Fahrer ist, auf den man setzen muss, wenn man gegen Marquez um die WM kämpfen will. Zu viele Augen der Yamaha-Box haben in jüngster Zeit hinüber zu Petronas und Quartararo geschielt. Denn zu oft glänzte Vinales in den Trainings mit starken Zeiten und dann klappte im Rennen nicht viel.

Vinales durfte sich das Rennen nicht mit einem schlechten Start vermasseln, durfte später nicht im Zweikampf stürzen, musste Quartararo in Schach halten und im Idealfall Marquez im Duell besiegen. Das sind viele Faktoren, die auf seinen Schultern lasteten. Hätte Vinales das Rennen verkorkst, wäre er vermutlich unser Kandidat für die Kolumne "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" gewesen. Er hatte gestern deutlich mehr zu verlieren als Quartararo und Marquez.

Einige kleine Fahrfehler sind Vinales im Rennen auch unterlaufen. Hat er den Druck gespürt? Im Endeffekt hat er es dann perfekt umgesetzt. Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen! Genau mit dieser Vorstellung ist Vinales vielleicht der Mann, der tatsächlich Marquez herausfordern kann, wenn auch Yamaha alles auf die Reihe bekommt. Denn eines darf man nicht vergessen: Assen war nur ein Rennen, eine Momentaufnahme. Die Yamaha-Krise ist damit noch lange nicht vorbei.

Ihr,

Gerald Dirnbeck

P.S.: Die Kolumne "Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat" finden Sie auf unserer Schwesterseite Motorsport.com.

Mit Bildmaterial von Yamaha.

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