Babyface mit Killerinstinkt: MotoGP-Weltmeister Marc Marquez im Porträt

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Babyface mit Killerinstinkt: MotoGP-Weltmeister Marc Marquez im Porträt
Ruben Zimmermann
Autor: Ruben Zimmermann
21.10.2018, 06:01

Marc Marquez prägt die aktuelle MotoGP-Ära und ist mit seinem fünften Titelgewinn weiter auf Rekordjagd - Unumstritten ist der Champion allerdings nicht

Er hat es schon wieder getan: Am Sonntag krönte sich Marc Marquez in Japan vorzeitig zum MotoGP-Weltmeister 2018. Für den Spanier war es im sechsten Jahr in der Königsklasse bereits der fünfte Titel. Kein Mann hat der MotoGP seinen Stempel in den vergangenen Jahren so sehr aufgedrückt wie der 25-Jährige aus Cervera. Marquez jagt Rekord um Rekord. Und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Fotos: Marc Marquez ist MotoGP-Weltmeister 2018

Denn mit gerade einmal Mitte 20 hat der Mann mit der Startnummer 93 im besten Fall noch mehr als eine Dekade in der MotoGP vor sich. Eine Vorstellung, die allen aktuellen und zukünftigen Fahrern in der Königsklasse Angst machen dürfte. Denn der Erfolg von Marc Marquez ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von harter Arbeit und einem klaren Weg, den der Champion seit seiner Kindheit verfolgt hat.

Schon früh dreht sich im Hause Marquez - bestehend aus Marc, seinem kleinen Bruder Alex, Mama Roser und Papa Julia - alles um das Thema Racing. Die Eltern sind große Motorradfans, arbeiten in einem Motocrossverein, und mit vier Jahren sitzt Marc selbst erstmals auf einem Bike. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Und schnell stellt sich heraus, dass der Knirps auch nicht ganz untalentiert ist.

Motorrad-WM statt Schulhof

Marc bestreitet und gewinnt bald seine ersten Rennen - damals noch im Enduro- und Motocross-Bereich. Bis heute liebt es der Spanier, sich in seiner Freizeit auf einer Motocross-Maschine auszutoben. Doch seine professionelle Karriere führt in eine andere Richtung. Zu Beginn des neuen Jahrtausends führt es Marquez zum Straßenrennsport - und dann auch recht schnell bis in die WM.

2008 in Donington stand Marc Marquez in seinem sechsten Rennen erstmals auf dem WM-Podium

2008 in Donington stand Marc Marquez in seinem sechsten Rennen erstmals auf dem WM-Podium

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Während andere Jungs in diesem Alter gerade erste Erfahrungen mit Mädchen sammeln oder sich auf dem Bolzplatz zum Fußballspielen verabreden, gibt Marc kurz nach seinem 15. Geburtstag sein Debüt in der Weltmeisterschaft. Im Alter von 15 Jahren und 56 Tagen startet er beim dritten Rennen der Saison 2008 auf einer KTM erstmals in der 125er-Klasse. Fünf Rennen später steht er in Donington als Dritter erstmals auf dem Podium.

Das Talent des Spaniers ist unübersehbar. Gleiches gilt jedoch auch für sein hitziges Gemüt. Sowohl die ersten als auch die letzten beiden Rennen des Jahres muss er verletzt auslassen. Obwohl es ihm noch an Konstanz fehlt, folgen schon bald weitere Meilensteine. 2009 ist er in Le Mans mit 16 Jahren und 88 Tagen der jüngste Spanier, der in der WM je auf der Pole-Position stand. Der große Durchbruch folgt allerdings erst 2010.

Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn ...

Auf Derbi feiert Marquez seinen ersten Sieg, neun weitere Erfolge und am Saisonende seinen ersten Titel in der 125er-Klasse. Als Champion steigt er in die Moto2 auf, wo er den Titel am Ende des folgendes Jahres allerdings an Stefan Bradl verpasst - erneut kann er wegen einer Verletzung nicht an den letzten beiden Saisonrennen teilnehmen und verspielt somit alle Chancen auf die WM.

Kritik erntete Marquez erst kürzlich wieder von Jorge Lorenzo

Kritik erntete Marquez erst kürzlich wieder von Jorge Lorenzo

Foto: Gold and Goose / LAT Images

Schon damals zeigen sich die zwei Gesichter des Marc Marquez. Neben der Strecke hat der Spanier fast immer ein Lächeln auf den Lippen und macht den Eindruck, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Sobald er den Helm anzieht, scheint er zu einem komplett anderen Menschen zu werden. Auf dem Motorrad macht Marquez keine Gefangenen. Eigenschaften, die ihm den Spitznamen "Smiling Assassin" (lächelnder Attentäter) einbringen.

Frei von Kontroversen - wie später zum Beispiel auch in Argentinien 2018 - ist Marquez nämlich schon damals nicht. 2011 in Australien kracht er nach dem Ende des Trainings mit voller Geschwindigkeit ins Heck von Ratthapark Wilairot und muss daraufhin als Strafe vom letzten Platz ins Rennen starten. Dort wird er trotzdem noch Dritter - vom 38. Startplatz aus. Ein perfektes Beispiel für den bei Marquez bis heute häufig schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn.

Rekordjäger in der MotoGP

2012 holt er den verpassten Moto2-Titel nach und steigt 2013 mit Honda in die MotoGP auf. Der 20-Jährige bricht schnell einen Rekord nach dem anderen: jüngster Sieger in der Königsklasse, jüngster Pole-Setter - und am Ende des Jahres jüngster Weltmeister. Ohne Kontroversen geht es aber auch hier nicht: Durch eine Unachtsamkeit und eine damit verbundene Disqualifikation auf Phillip Island bringt sich Marquez am Ende fast selbst um den Titel.

2014 drückt er der Königsklasse endgültig seinen Stempel auf: Marquez gewinnt die ersten zehn Rennen in Serie, stellt damit einen neuen MotoGP-Rekord auf und krönt sich am Ende des Jahres ungefährdet zum zweiten Mal in Folge zum Weltmeister. Geschichte schreibt er außerdem ein weiteres Mal zusammen mit seinem Bruder Alex, der sich im gleichen Jahr den Titel in der Moto3 sichert.

Zum ersten Mal in der WM-Geschichte gewinnt ein Brüderpaar in einem Jahr zwei Titel. Immer mit dabei: Papa Julia, der bei jedem Rennen seiner Schützlinge in der Box mitfiebert. Der Name Marquez ist mittlerweile zu einer Marke im Motorradrennsport geworden. Und Marc ist auf dem besten Weg, dem Mann Konkurrenz zu machen, der als Kind sein großes Vorbild war: Valentino Rossi.

Plötzlich Staatsfeind Nummer eins

Eine alte Weisheit besagt, dass man seine Helden nie persönlich treffen sollte. Im Fall von Marquez und Rossi trifft das zu 100 Prozent zu. Hingen im Kinderzimmer in Cervera einige Jahre zuvor noch Poster des "Doctors", kommt es 2015 zum Bruch zwischen Rossi und Marquez - und der Spanier wird auf einen Schlag zum Staatsfeind Nummer eins auf fast allen Rennstrecken dieser Welt.

Das Rennen in Malaysia 2015 ändert das Image von Marc Marquez nachhaltig

Das Rennen in Malaysia 2015 ändert das Image von Marc Marquez nachhaltig

Foto: Repsol Media

Eigentlich sind die Ereignisse rund um den Vorfall in Malaysia, der als #SepangClash in die MotoGP-Geschichte eingehen wird, feinster Stoff für einen Hollywood-Blockbuster. Ob Marquez in jenem Jahr wirklich - wie von Rossi behauptet - bewusst versucht, den "Doctor" einzubremsen, und so seinem Landsmann Jorge Lorenzo zum Titel zu verhelfen, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Fakt ist jedoch, dass Marquez, der in diesem Jahr zum ersten und einzigen Mal nicht um den MotoGP-Titel mitkämpfen kann, die WM nachhaltig zu Ungunsten von Rossi beeinflusst - ob bewusst oder unbewusst. Eine Situation, die ihm die Rossi-Fans bis heute nicht verzeihen können. Pfiffe gegen den Spanier stehen seitdem - vor allem an den Rennstrecken in Italien - an der Tagesordnung.

2015 als Weckruf: Marquez erfindet sich neu

Und so bleibt die Saison 2015 ein schwarzer Fleck in der Vita von Marc Marquez - sowohl sportlich als auch im Hinblick auf seine Popularität. Doch während die Versöhnung mit Rossi und seinen Anhängern ausbleibt, gelingt Marquez in der Folge zumindest sportlich die Rehabilitation. 2016 kehrt er in die Erfolgsspur zurück - weil er sich lernfähig zeigt. Die Fans erleben 2016 einen "neuen" Marc Marquez.

Nach sechs Ausfällen in der Saison 2015 hat Marquez verstanden, dass Speed alleine nicht ausreicht, um Weltmeister zu werden. Ab 2016 glänzt er zudem mit Konstanz. Die "Alles-oder-Nichts"-Einstellung der vergangenen Jahr wirft Marquez über Bord. Auch ein zweiter Platz kann jetzt plötzlich einmal gut genug sein. Genau wie 2015 gewinnt er zwar "nur" fünf Rennen, weil er die Punkte aber nur ein einziges Mal verpasst, reicht es am Ende deutlich zum Titelgewinn.

Es ist diese Konstanz, die Marquez auch 2017 und 2018 zu zwei weiteren Weltmeisterschaften verhilft. Mit seinem fünften Titel in der Königsklasse hat der Spanier jetzt mit Mick Doohan gleichgezogen. Vor ihm stehen in dieser Statistik nur noch Rossi (7 Titel) und Giacomo Agostini (8). Und kaum einer zweifelt aktuell daran, dass Marquez auch diese beiden noch einholen wird.

Für immer und ewig bei Honda?

Denn Marquez ist nicht einfach nur schnell - und mittlerweile auch konstant. Er dominiert die MotoGP mit einem ganz eigenen Stil. Wenn andere Fahrer längst im Kiesbett liegen, ist er häufig in der Lage, einen Sturz doch noch abzufangen. Diese Fähigkeit verschafft ihm aktuell einen Vorteil gegenüber allen anderen Fahrern. Über die Jahre hat Marquez diesen Fahrstil auf der Honda RC213V perfektioniert.

Marc Marquez und Honda sind seit Jahren eine unschlagbare Kombination

Marc Marquez und Honda sind seit Jahren eine unschlagbare Kombination

Foto: Gold and Goose / LAT Images

 

Unbeantwortet bleibt deshalb vorerst die Frage, wie sich Marquez auf einem anderen Bike schlagen würde. Einige sagen, er müsse sich mindestens noch auf einem weiteren Motorrad beweisen, um eines Tages der größte Pilot aller Zeiten zu werden. Agostini gewann den Titel auf MV Agusta und Yamaha. Rossi auf Honda und Yamaha. Casey Stoner auf Ducati und Honda. Und Marquez?

Der ist noch bis mindestens 2020 an Honda gebunden und wird seine RC213V so schnell nicht aus der Hand geben. Vielleicht befindet es mit Mitte 20 auch noch zu früh in seiner Karriere, um über einen Wechsel nachzudenken. Trotzdem ist es aktuell noch ein Angriffspunkt für Marquez' Kritiker - einer von wenigen. Denn Jahr für Jahr bietet Marquez durch seine Leistungen auf dem Motorrad immer weniger Angriffsfläche.

Immer schnell, niemals unumstritten ...

2019 bekommt er mit Jorge Lorenzo zumindest erstmals in seiner MotoGP-Karriere einen neuen Teamkollegen. Seit 2013 fuhr bislang stets Dani Pedrosa an seiner Seite. Ein Duell auf Augenhöhe - und damit ein repräsentatives Ergebnis - sollte man zumindest im ersten Jahr aber nicht erwarten. Zu groß ist Marquez' Vorsprung, den er sich auf der Honda über die Jahre erarbeitet hat. Lorenzo hingegen muss wieder bei Null anfangen.

Und so ist die Dominanz von Marc Marquez auch ein Problem für Honda. Denn der Spanier hat die Messlatte mittlerweile so weit nach oben gelegt, dass sich kaum noch einer traut, neben ihm zu fahren. Kritiker warnen bereits, dass sich Honda auch auf die Zeit nach Marquez vorbereiten müsse, falls dieser doch irgendwann einmal eine neue Herausforderung suchen sollte. Das ist aktuell aber noch Zukunftsmusik.

Klar ist hingegen schon jetzt, dass Marquez seinen Platz in den Geschichtsbüchern bereits sicher hat. Zahlreiche Rekorde und fünf MotoGP-Titel sprechen eine eindeutige Sprache. Und momentan scheint er selbst es in der Hand zu haben, wie groß seine Legende noch werden kann. Unumstritten wird der "Smiling Assassin" dabei - trotz seiner Leistungen - vermutlich nie sein. Doch welcher wirklich große Rennfahrer ist das schon?

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