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Brivio zieht Trackhouse-Fazit: "Wir wollten an der Spitze mitkämpfen"

Davide Brivio blickt auf seine drei Jahre bei Trackhouse Racing zurück und erklärt, wie aus einer ambitionierten Idee ein ernstzunehmender MotoGP-Faktor wurde

Brivio zieht Trackhouse-Fazit: "Wir wollten an der Spitze mitkämpfen"

Davide Brivio mit Trackhouse-Teameigentümer Justin Marks

Foto: Trackhouse Trackhouse

Als Trackhouse Racing Ende 2023 in die MotoGP einstieg, war das Projekt vor allem eines: ambitioniert. Ein amerikanisches Team wollte sich in der Königsklasse etablieren, zunächst als unabhängige Mannschaft mit Aprilia-Material.

Wenige Jahre später kämpft die Truppe regelmäßig um Podestplätze und Siege. Einen großen Anteil daran hat Davide Brivio. Der ehemalige Yamaha- und Suzuki-Teammanager brachte seit seiner Ankunft 2024 seine Erfahrung aus erfolgreichen Werksteams ein und half dabei, Trackhouse eine klare Struktur zu geben.

Für Brivio war der Anspruch von Beginn an größer als nur mitzufahren. Der Italiener erinnert sich: Die Vision sei gewesen, nicht einfach mitzuhalten, sondern langfristig eine der stärksten unabhängigen Mannschaften im Fahrerlager zu werden.

"Mit Justin Marks, dem Besitzer von Trackhouse, träumt man immer groß und setzt sich ehrgeizige Ziele. Man strebt Dinge an, die in diesem Moment fast unrealistisch erscheinen. Aber ich denke, es ist wichtig zu träumen", sagt Brivio im Gespräch mit Motorsport.com, einem Partner von Motorsport-Total.com.

Dabei ging es Brivio vor allem darum, die klassische Grenze zwischen Werksteams und Satellitenteams zu verschieben. Auch wenn sich die Wahrnehmung in der MotoGP verändert habe, gebe es weiterhin deutliche Unterschiede - etwa "bei den finanziellen, personellen und technologischen Ressourcen."

Der Anspruch: diese Nachteile durch Organisation, Entwicklung und Teamarbeit auszugleichen. "Das Ziel war es, uns als feste Größe im Fahrerlager zu etablieren, an der Spitze mitzukämpfen und als eines der Topteams wahrgenommen zu werden."

Trackhouse-Aprilia: Vom Außenseiter zum Siegkandidaten

Die Entwicklung von Trackhouse verlief schneller als viele erwartet hatten. Nach dem Einstieg 2024 beendete die Mannschaft ihre Rookie-Saison auf Rang neun der Teamwertung. 2025 folgte der nächste Schritt mit Platz sieben. Teammanager Brivio sieht darin eine Bestätigung des ursprünglichen Plans. "Unser Ziel in diesem Jahr ist es, diesen siebten Platz noch zu übertreffen", hält er fest.

Der Weg dorthin erinnert Brivio an frühere Stationen seiner Karriere - allerdings mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen. Bei Yamaha arbeitete er in einer Phase, in der das Team zwölf Jahre ohne WM-Titel und ohne große Erfolge gewesen war.

Mit Valentino Rossi begann anschließend eine erfolgreiche Ära. Suzuki wiederum sei ein komplett anderes Projekt gewesen: ein Neuaufbau ohne bestehende Strukturen.

"Suzuki war ein Projekt, das komplett bei null aufgebaut wurde. In gewisser Weise ist es einfacher, ganz von vorne anzufangen, als in eine bestehende Struktur einzusteigen und sie verändern zu wollen", räumt der Italiener ein.

Trackhouse sei erneut eine ganz eigene Herausforderung gewesen. "Ich hatte nur mit japanischen Werksteams gearbeitet, während dies ein amerikanisches unabhängiges Team ist, das mit Aprilia, einem italienischen Hersteller, zusammenarbeitet. Es war ein komplett anderes Umfeld", zieht Brivio den Vergleich.

Gerade das habe aber den Reiz ausgemacht: "Schritt für Schritt, durch harte Arbeit, und dank aller Menschen im Team sowie der Kollegen sind wir gemeinsam gewachsen."

Schwieriger Abschied: Warum Brivio früh Klarheit schaffen wollte

Trotz der erfolgreichen Entwicklung wird Brivio Trackhouse verlassen. Die Entscheidung fiel aus seiner Sicht bewusst früh, um dem Team Planungssicherheit zu geben. Als Nachfolger wurde Francesco Guidotti ausgewählt, der bereits viel Erfahrung aus der MotoGP mitbringt. Daran hatte auch Brivio einen Anteil.

"Eigentlich habe ich Justin seinen Namen vorgeschlagen, als ich ihm mitgeteilt habe, dass ich nicht bleiben werde", verrät er, dass er selbst Guidotti ins Gespräch gebracht habe.

Für den Italiener war vor allem wichtig, keinen abrupten Schnitt zu erzeugen. Er wollte nicht monatelang am Aufbau der Zukunft - auch in Bezug auf die Fahrerwahl - arbeiten, nur um später plötzlich seinen Abschied bekanntzugeben.

"Ich wollte nicht mit Fahrern verhandeln, Trackhouse bei Fahrerentscheidungen beraten oder das Team für die nächste Saison mit Mechanikern und Ingenieuren zusammenstellen und dann plötzlich sagen: 'Übrigens, nächstes Jahr bin ich nicht mehr da.' Das wäre nicht fair gewesen", betont Brivio. Deshalb er er seine Entscheidung dem Team gegenüber "so früh wie möglich kommuniziert."

Guidotti sei aus seiner Sicht eine ideale Lösung, weil er keine lange Eingewöhnungsphase benötige. "Francesco verfügt über enorme Erfahrung. Er ist praktisch eine Plug-and-Play-Lösung, jemand, der sofort loslegen kann", während sich Brivio darauf konzentriert, die aktuelle Saison erfolgreich abzuschließen.

Trackhouse und Aprilia: Mehr als nur ein Satellitenteam?

Ein entscheidender Faktor dafür ist und bleibt die Zusammenarbeit mit Aprilia. Die Beziehung zwischen beiden Seiten gilt inzwischen als besonders eng. Anders als klassische Kundenteams erhält Trackhouse tiefen Einblick in technische Entwicklungen und liefert seinerseits Daten zurück an den Hersteller.

Brivio sieht die Zusammenarbeit aber nicht als einseitigen Vorteil. Die meiste Entwicklungsarbeit führe zwar das Werksteam durch. Den größten Beitrag leiste Trackhouse über die Daten: "Vielleicht helfen wir am meisten durch den Datenaustausch und indem wir zeigen, was unsere Fahrer anders machen als andere."

Gerade die unterschiedlichen Fahrstile von Ai Ogura und Raul Fernandez liefern Aprilia wertvolle Informationen. "Wenn Ogura bestimmte Dinge anders macht oder Raul etwas besonders gut gelingt, schauen sich die Ingenieure unsere Daten an", so Brivio.

Es habe sogar Fälle gegeben, in denen Trackhouse mit Komponenten arbeitete, die Aprilia zunächst noch nicht vollständig überzeugt hatten. "Wir haben vergangenes Jahr ein Chassis verwendet, von dem sie nicht komplett überzeugt waren. Wir sind damit gefahren, und später in der Saison haben sie es selbst genutzt."

Für Brivio ist deshalb klar: Trackhouse ist zwar kein Werksteam, aber die Zusammenarbeit mit Aprilia geht weit über eine normale Kundenbeziehung hinaus.

Freie Fahrt im Titelkampf? Brivio vertraut auf Aprilias Haltung

Das spiegelt sich am Ende auch in den Ergebnissen wider. Dort hatte Trackhouse die Nase zuletzt sogar vorn. In der WM-Fahrerwertung liegt Ai Ogura zur Saisonhalbzeit nur 14 Punkte hinter Markenkollege und Spitzenreiter Jorge Martin.

Sollte Trackhouse tatsächlich um die Weltmeisterschaft kämpfen, stellt sich die Frage: Würde Aprilia eingreifen und eine Stallorder aussprechen? Brivio glaubt nicht daran.

Er verweist auf die Situation bei Ducati, wo Francesco Bagnaia und Jorge Martin trotz gleicher Herstellerinteressen 2024 frei gegeneinander kämpfen durften. "Ich muss Ducati dafür loben, wie sie die Situation mit Bagnaia und Martin gehandhabt haben. Sie durften frei gegeneinander fahren", blickt er zurück.

Auch Aprilia würde seiner Meinung nach diesen Weg gehen. Dabei beruft er sich besonders auf Technikchef Fabiano Sterlacchini: "Er sagt immer: 'Solange eine Aprilia gewinnt, bin ich glücklich. Es ist mir egal, welche Farbe das Motorrad hat.'" Für Brivio bleibt das allerdings zunächst Theorie. "Das ist alles noch eine sehr frühe Diskussion", sagt er. Denn der erste Schritt sei überhaupt, in diese Position zu kommen.

Unabhängig davon, wo Trackhouse am Ende der Saison landen wird, betont Brivio schon jetzt: "Wenn ich zurückblicke, bin ich stolz auf das, was wir erreicht haben. Aber jetzt ist es Zeit, nach vorne zu schauen." 2027 wird der Italiener als strategischer Berater zu HRC (Honda Racing Corporation) wechseln.

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