MotoGP

Espargaro warnt vor MotoGP-Umbruch: "Mit Pirelli verändert sich alles"

Pol Espargaro erwartet für die MotoGP-Saison 2027 einen gewaltigen Umbruch, vor allem bei den Reifen - Dabei sieht er gewisse Hersteller und Fahrer im Vorteil

Juliane Ziegengeist Germán Garcia Casanova

Veröffentlicht: 07.09.2026, 06:24

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Espargaro warnt vor MotoGP-Umbruch: "Mit Pirelli verändert sich alles"

Pol Espargaro sieht die etablierten MotoGP-Piloten vor einer großen Umstellung

Foto: Getty Getty

Der Wechsel von Michelin zu Pirelli könnte die MotoGP ab 2027 stärker verändern als viele Fahrer derzeit erwarten. Davon ist Pol Espargaro überzeugt. Der KTM-Testfahrer arbeitet intensiv an der Entwicklung des neuen 850-ccm-Prototyps und warnt vor einem grundlegenden Wandel des Fahrverhaltens.

Besonders Fahrer mit Erfahrung aus der Moto2 und der Superbike-WM könnten zum Saisonstart einen entscheidenden Vorteil haben. "Das sind sehr unterschiedliche Reifen. Und ich habe das Gefühl, dass die Fahrer sich der Veränderung, die auf uns zukommt, nicht wirklich bewusst sind", sagt Espargaro.

Ab 2027 tritt in der MotoGP ein komplett neues technisches Reglement in Kraft. Die Motoren werden von derzeit 1000 auf 850 Kubikzentimeter verkleinert, gleichzeitig übernimmt Pirelli von Michelin die Rolle des exklusiven Reifenlieferanten.

Für Espargaro ist insbesondere der Reifenwechsel ein Faktor, der die Kräfteverhältnisse innerhalb der Startaufstellung deutlich durcheinanderwirbeln könnte.

Espargaro erlebt den Umbruch aus erster Hand

Der Spanier befindet sich derzeit in einer ungewöhnlichen Situation. Denn neben den Tests für 2027 wird er auch alt Ersatzfahrer eingespannt. Beim zweiten Grand Prix nach der Sommerpause sprang für Maverick Vinales. Der Tech3-Pilot war seit dem Deutschland-Grad-Prix nicht mehr auf einem MotoGP-Bike unterwegs.

Wie lange Espargaro Vinales noch vertreten wird, weiß er selbst nicht. "Es gibt keinen festen Plan. Normalerweise bekomme ich am Freitag der Woche vor dem Grand Prix einen Anruf und erfahre, dass ich Rennen fahren werde", verrät der Spanier.

"Das ist nicht ideal, aber es ist mein Job. Es lässt einem nicht viel Zeit zur Vorbereitung, aber ich beschwere mich nicht." Seine Rolle bringt allerdings einen besonderen Nebeneffekt mit sich: Er fährt parallel das aktuelle Bike und den 2027er-Prototypen.

"Das ist jetzt mein Leben. An einem Tag fahre ich das aktuelle Motorrad und am nächsten steige ich auf das neue 850-ccm-Motorrad", erklärt Espargaro. Dadurch erlebt er die Unterschiede zwischen den beiden Generationen unmittelbar. Und genau diese Erfahrung lässt ihn vor dem Einfluss der neuen Pirelli-Reifen warnen.

Reifenumbruch stärker als jener vor zehn Jahren

Espargaro kennt bereits einen vergleichbaren Umbruch. Er erlebte den Wechsel von Bridgestone zu Michelin 2016 und nun den bevorstehenden Wechsel von Michelin zu Pirelli.

Sein Urteil fällt eindeutig aus: Der bevorstehende Schritt sei deutlich größer. "Die Veränderung ist enorm, viel größer als das, was wir 2016 erlebt haben", sagt der Testpilot.

Beim damaligen Wechsel seien die Unterschiede zwischen den Reifenherstellern zwar vorhanden gewesen, die grundlegende Fahrweise habe sich aber nicht dramatisch verändert: "Damals hatte jeder Hersteller einige Stärken und einige Schwächen, aber die Art und Weise, wie man fahren musste, war sehr ähnlich."

"Jetzt, mit den Pirelli-Reifen, verändert sich alles komplett", warnt Espargaro. "Das Motorrad ist eine völlig andere Welt." Als Beispiel verweist er auf Toprak Razgatlioglu. Der Türke habe mehrfach die Unterschiede zwischen den aktuellen MotoGP-Michelins und den aus der Superbike-WM bekannten Pirelli-Reifen beschrieben.

"Ich habe Toprak schon oft die aktuellen Reifen mit den Pirelli-Reifen vergleichen hören, die er in der Superbike-WM verwendet hat. Er sagt, dass er mit diesen Michelins nicht fahren kann und sich damit nicht wohlfühlt." Für Espargaro zeigt das, wie groß die Umstellung für die etablierten MotoGP-Piloten werden könnte.

Moto2- und Superbike-Fahrer klar im Vorteil?

Eine ähnliche Verschiebung der Kräfteverhältnisse beobachtete Espargaro bereits 2024 in der Moto2. Damals wechselte die mittlere WM-Klasse von Dunlop zu Pirelli.

"In der Moto2 konnten wir sehen, dass Fahrer, die zuvor nicht konkurrenzfähig waren, plötzlich vorne mitfuhren, während andere schnelle Fahrer verschwanden. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass das auch in der MotoGP passieren wird."

Deshalb erwartet Espargaro einen Vorteil für Fahrer, die bereits mit Pirelli-Reifen vertraut sind. Dazu zählen insbesondere Piloten aus der Superbike-Weltmeisterschaft sowie Fahrer, die aus der Moto2 in die MotoGP aufsteigen. Und auch bei den Motorrädern selbst sieht der erfahrene Spanier mögliche Verschiebungen.

"Eine weitere Frage, die ich mir stelle, ist, welche Motorräder konkurrenzfähig sein werden. Wir wissen bereits, dass Ducati sehr schnell sein wird, weil die Motorräder gewissermaßen eine etwas größere Superbike-Maschine sein werden und Ducati diese Kategorie sehr gut kennt", verweist er erneut auf die WSBK.

Bei den Fahrern nennt Espargaro ebenfalls konkrete Beispiele. Razgatlioglu verfügt über umfangreiche Pirelli-Erfahrung aus der Superbike-WM. Ab 2027 soll zudem Nicolo Bulega aus der Superbike-Kategorie in die MotoGP wechseln.

"Sie werden einen enormen Vorteil haben, nicht nur diejenigen, die aus der Superbike-WM kommen, sondern auch die Fahrer aus der Moto2. Und ich glaube, dass sich die aktuellen MotoGP-Fahrer dessen nicht bewusst sind", betont Espargaro.

Bulega laut Espargaro schon jetzt auffällig schnell

Besonders Bulega traut er einen starken Einstieg in die MotoGP zu. Espargaro geht davon aus, dass dessen Erfahrungsvorsprung vom ersten Rennen an sichtbar sein wird.

"Ich denke, die jungen Fahrer, die aus der Moto2 kommen, werden einen sehr, sehr großen Vorteil haben. Und der Fahrer, der aus der Superbike-WM kommt - in diesem Fall Bulega - wird sehr schnell sein, sogar sehr, sehr schnell. Er ist bei den Tests bereits schnell, aber er wird von Beginn der Saison an schnell sein."

Damit könnte die Vorbereitung auf die neue Reifen-Ära zu einem entscheidenden Faktor werden. Genau hier sieht Espargaro allerdings einen Nachteil für die aktuellen MotoGP-Stammfahrer. Denn diese haben nur begrenzte Möglichkeiten, die Pirelli-Reifen vor dem Start in die neue Regelära ab 2027 kennenzulernen.

Wenig Testzeit mit den neuen Pirelli-Reifen

Einige Fahrer konnten und können während der beiden Reifentests innerhalb der Saison (22. Juni in Brünn, 21. September in Spielberg) Erfahrungen sammeln. Hinzu kommt der Test im Dezember in Valencia. Das sorgt jedoch für Kritik bei Fahrern wie Fabio Quartararo und Jorge Martin, die den Hersteller wechseln.

Sie werden die neuen Reifen erst am 1. Dezember testen. Dann könnten die Bedingungen jedoch so schwierig sein, dass die Aussagekraft der Daten begrenzt ist.

"Die MotoGP-Fahrer werden sehr wenig Zeit haben, während die Moto2- und Superbike-Fahrer ankommen werden und die Reifen bereits sehr gut kennen", mutmaßt Espargaro. Genau dieser Unterschied könnte den Saisonbeginn stark beeinflussen.

Weniger Leistung, kaum langsamere Rundenzeiten

Ob der Wechsel von Michelin zu Pirelli letztlich eine Verbesserung oder Verschlechterung darstellt, möchte Espargaro nicht pauschal beurteilen. Es wird anders sein. Für einige wird es gut sein, für andere schlecht", legt sich der Spanier nicht fest.

Das neue Reglement werde zwar zu weniger Motorleistung führen, gleichzeitig würden die Motorräder leichter. Dadurch müsse die reine Rundenzeit nicht zwangsläufig langsamer werden. "Es ist eine Kategorie, in der die Motorräder langsamer sein werden, aber sie werden nicht weniger Beschleunigung haben."

MotoGP-Regeln 2027

Die neuen MotoGP-Regeln an der Saison 2027 im Überblick

Foto: Dorna

Ein weiterer Effekt der geringeren Leistung und der niedrigeren Höchstgeschwindigkeit könnte die Sicherheit sein. Die 2027er-Motorräder werden nach Espargaros Einschätzung "weniger gefährlich sein", obwohl sie weiterhin sehr schnell sein werden.

Espargaro erwartet mit der Zeit engere MotoGP

Für die Entwicklung der Meisterschaft erwartet der KTM-Testfahrer zunächst eine gewisse Eingewöhnung. Erst wenn die Hersteller im Verlauf der Saison ein gutes Entwicklungsniveau erreicht haben, dürfte sich das Feld stärker zusammenschieben.

"Ich denke, dass es in der ersten Saisonhälfte noch nicht so sein wird", prognostiziert Espargaro. "Aber ab der Saisonmitte, wenn die Hersteller ein gutes Niveau erreicht haben, wird die Klasse viel ausgeglichener sein." Der geringere Topspeed könnte dabei zusätzlich für engere Abstände und mehr Überholmanöver sorgen.

Sein Fazit zur neuen MotoGP-Ära fällt deshalb positiv aus: "Es wird eine sehr unterhaltsame und weniger gefährliche Kategorie sein, und das ist gut für die Meisterschaft."

Für Espargaro steht jedoch schon jetzt fest: Der technische Umbruch von 2027 wird weit über einen kleineren Motor hinausgehen. Vor allem der Wechsel von Michelin zu Pirelli könnte die gewohnten Hierarchien aufbrechen und Fahrer mit entsprechender Reifen-Erfahrung überraschend weit nach vorne bringen.

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