Gänsehaut und Angst: So erlebten die MotoGP-Fahrer die Barcelona-Unfälle
Alex Marquez reglos am Streckenrand, Trümmer auf der Geraden: Die MotoGP-Fahrer sprechen offen über Schock, Angst und mentale Belastung in Barcelona
Fabio Di Giannantonio duckte sich im Trümmerhagel
Foto: AFP
Die beiden schweren Unfälle von Alex Marquez und Johann Zarco beim MotoGP-Rennen in Barcelona haben ihre Fahrerkollegen geschockt. Vor allem der Sturz von Alex Marquez hinterließ Spuren, denn das gesamte Feld fuhr durch ein Trümmerfeld, während der Spanier reglos am Streckenrand lag.
"Wenn so etwas passiert", sagt Alex Rins, "rückt das Rennen für mich in den Hintergrund. Als ich Alex auf dem Boden liegen sah, hat mir das das Herz gebrochen."
"Ich war wirklich mitgenommen und habe versucht, in der Box tief durchzuatmen, weil es nicht schön ist, einen Kameraden auf dem Boden zu sehen. Am Ende sind wir alle Menschen, aber es ist wirklich hart, wirklich schwierig."
Die Hilfskräfte waren rasch bei Alex Marquez, um ihn zu versorgen. Zeitnah meldete die Rennleitung, dass der Spanier bei Bewusstsein war. Eine Nachricht, die bei allen für eine erste Erleichterung sorgte.
"Für mich ist die oberste Priorität, dass der Fahrer bei Bewusstsein ist", sagt Rins weiter. "Wenn der Fahrer bei Bewusstsein ist, beruhigt sich mein Herz wieder. Für alle Fahrer ist es wichtig, diese Nachricht zu lesen."
"Das ist wirklich wichtig. Nicht nur für uns, sondern auch für die Familien." Alex Marquez hat sich das rechte Schlüsselbein gebrochen und wurde noch Sonntagabend operiert. Auch der Halswirbel C7 ist angebrochen.
Im Trümmerhagel seiner Ducati wurden einige Fahrer von Teilen getroffen. Fabio Di Giannantonio, der später das Rennen gewann, kollidierte mit dem abgerissenen Vorderreifen und stürzte.
Der VR46-Fahrer schildert, wie er die dramatischen Momente erlebt hat: "Ich kam dort an und sah überall Teile herumfliegen. Viele Teile haben uns auf der Geraden bereits nach dem heftigen Aufprall erwischt."
"Ehrlich gesagt habe ich nicht wirklich gut reagiert. Ich habe versucht, mich hinter der Verkleidung zu verstecken, und ich hatte Angst. Als ich dann große, schwarze Teile herumfliegen sah, habe ich mich weiter versteckt."
"Aber das hat sicher nicht gereicht, und dann wurde ich von irgendetwas getroffen. Man hat mir gesagt, es war ein Reifen, aber ja, wie gesagt, ich weiß nicht wirklich, wie ich auf solche Dinge reagieren soll. Wir hatten einfach unglaubliches Glück."
"Ich müsste mir die Bilder noch einmal ansehen, aber ich denke, ich hätte mich etwas weiter nach links auf der Strecke bewegen können", meint Di Giannantonio und gibt zu: "Ich hatte einfach Angst und habe überhaupt nicht reagiert."
"Es war ein riesiger Schockmoment für mich in diesem Augenblick. Ich sah diese großen Dinge auf mich zukommen und konnte nicht reagieren, ich war irgendwie blockiert."

Valentino Rossi gratuliert Fabio Di Giannantonio zum Rennsieg
Foto: AFP
"Das war nicht die beste Reaktion, aber es ist immer schwierig. Man ist im vierten Gang, irgendwo bei über 200 Kilometern pro Stunde, und sieht etwas wirklich Schlimmes auf sich zukommen, ohne zu wissen, was als Nächstes passiert."
Bei dem Sturz schlug sich Di Giannantonio die linke Hand an und kühlte sie während der Rennunterbrechung mit einem Eisbeutel. Er war nicht der einzige Fahrer, der die beiden Neustarts mit Schmerzen fahren musste.
Auch Raul Fernandez wurde von Trümmerteilen der Gresini-Ducati getroffen. Der Trackhouse-Aprilia-Fahrer schildert ebenfalls die dramatischen Momente: "Ich habe versucht, keinen Fahrer zu treffen."
"Ich habe gesehen, wie Alex die ganze Strecke überquerte, als er mit Pedro zusammenstieß. Ich habe versucht, nicht in Alex' Motorrad zu fahren, und auch daran gedacht, nicht in Pedros Motorrad zu fahren."
"Ich habe versucht, meinen Körper zu schützen, aber leider hatte ich nicht sehr, sehr viel Glück." Dennoch konnte auch Raul Fernandez an den Neustarts teilnehmen. Mental war es für die Fahrer aber keine einfache Situation.
Wie die Fahrer mit den Unterbrechungen umgingen
Einige Fahrer hinterfragen die Entscheidung, dass nach dem zweiten Abbruch infolge des Startunfalls von Johann Zarco das Rennen erneut gestartet wurde. Nicht nur Pedro Acosta äußerte sich diesbezüglich kritisch.
Wie könnte die MotoGP in Zukunft besser mit solchen Situationen umgehen? "Das ist eine gute Frage", meint Jorge Martin. "Ich weiß es wirklich nicht. Ich denke, die Show muss auf jeden Fall weitergehen, wie immer."
"Aber nach drei Malen ist es vielleicht an der Zeit, die Sache zu stoppen. Es liegt nicht in meinen Händen, aber drei Starts sind meiner Meinung nach ziemlich gefährlich. Man verliert die Konzentration komplett."

Jorge Martin hinterfragt, ob der dritte Rennstart notwendig war
Foto: Getty Images Europe
"Ich bin zuversichtlich, dass ich das hinbekomme, aber es gibt andere Fahrer, die das nicht können. Ich denke, an dem Punkt ist es ziemlich gefährlich, immer wieder neu zu starten."
"Denn wie weit kann das gehen? Sechs, sieben Mal? Das ist etwas, worüber wir nachdenken müssen. Aber das Wichtigste ist, dass alle am Leben sind und wir weiterhin das tun können, was wir lieben."
Wie gehen andere Fahrer mit der Situation einer Rennunterbrechung nach einem schweren Unfall um? Fabio Quartararo sagt: "Das zweite Mal war schwierig, weil ... ich schaue nicht wirklich auf den Bildschirm, wenn so etwas passiert."
"Ich versuche, nicht hinzuschauen, aber als ich Kurve 10 durchfuhr und Alex so auf dem Boden liegen sah, hatte man eigentlich keine Lust mehr, das Rennen neu zu starten."
"Ich hatte eine Gänsehaut, wenn man das alles sieht - die Teile, die Reifen, die durch die Luft fliegen, das Motorrad... Also ja, es war nicht einfach, aber es gehört zu unserem Job, das durchzuziehen."
Rückhalt der Teams in der Box sehr wichtig
Der Rückhalt des Teams ist in solchen Momenten extrem wichtig. Ebenso wichtig ist, wie Rins betont hat, die Nachricht, dass die verunfallten Fahrer bei Bewusstsein sind. Dem stimmt auch Francesco Bagnaia zu.
"Ehrlich gesagt bitte ich das Team einfach: Sagt mir bitte, ob Alex bei Bewusstsein ist, ob Alex in Ordnung ist. Zum Glück kam kurz vor dem Start die Nachricht, dass Alex bei Bewusstsein war, und dann fühlt man sich etwas besser."

Francesco Bagnaia war bei Zarcos Unfall hautnah dabei
Foto: Getty Images Europe
"Aber die Bilder waren intensiv und der Sturz war sehr heftig, also ist es schwierig", so Bagnaia. Marco Bezzecchi pflichtet ihm bei: "Ja, es war nicht einfach. Wenn ich jemandem danken muss, dann meinem Team."
"Denn ich denke, sie haben die Situation in der Box sehr gut gemanagt. Und sie waren in der Lage, in diesem Chaos trotzdem eine Wohlfühlzone für mich zu schaffen. Natürlich war es auf meiner Seite, wie immer, nicht einfach."
"Aber ich habe von ihnen so viel Unterstützung bekommen, wie ich nur konnte, und dafür kann ich mich gar nicht genug bedanken. Dann ist es zum Glück so, dass das Motorrad für uns Fahrer eine Art Wohlfühlzone ist."
"Es stimmt, dass es ein heftiger Sturz war. Aber letztendlich haben sie die Wiederholung nicht allzu oft gezeigt, denn vor einiger Zeit war das noch anders. So ist es jetzt besser."
Beim nächsten Rennwochenende in Mugello werden die Unfälle, die Neustarts und der generelle Umgang mit der Situation ein Thema in der Sicherheitskommission sein. Auch die Frage, was man daraus lernen kann, soll besprochen werden.
"Vielleicht", meint Bagnaia, "brauchen wir eine Regel, dass, wenn die roten Flaggen aufgrund von Vorfällen auf der Strecke gezeigt werden, man vielleicht nicht dreimal starten muss. Denn der Aufprall war heftig und es war schwer, das anzusehen. Bei Zarco war ich dabei, das war auch nicht schön."
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