Interview mit Jorge Lorenzo: Warum MotoGP-Piloten mutiger sind als Formel-1-Fahrer

Der dreimalige MotoGP-Champion durfte im Jahr 2016 einen Mercedes-Formel-1-Boliden in Silverstone testen.

In Abu Dhabi wurde der Spanier dann sogar von Mercedes eingeladen, das Formel-1-Finale anzusehen. Dort hat er Zeit gefunden, mit Motorsport.com über seine Erfahrung in Silverstone zu sprechen.

Wie lief der Test?

"Die Power des Motors war beeindruckend. Vor allem hat mich aber der Grip begeistert. Man kann sehr spät auf die Bremse treten, weil das Auto so viel Bodenhaftung hat. Gerade in schnellen Kurven ist der Grip und der Anpressdruck besonders bemerkenswert."

"Die 1. Kurve nehmen wir in der MotoGP im 3. Gang. Im Formel-1-Auto nimmt man sie hingegen im 7. Gang mit Vollgas. Der Unterschied ist wirklich gewaltig."

"Ich hatte einen höheren Schwierigkeitsgrad erwartet, denn ich hatte 2 Tage zuvor einen Formel-2-Wagen in Snetterton getestet, der wirklich schwierig zu kontrollieren war. Der Motor verhielt sich nervös und die Lenkung war sehr schwerfällig."

"Dann habe ich einen Simulator von Mercedes genutzt und dachte mir: 'Wow, es ist viel einfacher'. Ich dachte, der Simulator würde zu einfach sein und die Realität viel härter. So war es aber nicht."

"Als ich mit dem Boliden auf der Strecke war, fühlte sich das Lenkrad ganz geschmeidig an, der Motor lieferte konstant Leistung und ich glaubte, in den Kurven wäre es einfach, die Kontrolle zu verlieren und sich zu drehen. Es gab aber viel Grip und es war einfach, schnell zu fahren."

Wurdest du zügig schneller?

"Zu Beginn hab ich mich ruhig verhalten, weil ich nicht Schuld an einem Desaster sein wollte. Im letzten Stint habe ich jedoch das Maximum herausgeholt und gute Rundenzeiten hingelegt."

Wo hast du noch etwas herausgeholt?

"Es ist relativ einfach, eine schnelle Runde auf neuen Reifen zu fahren. Schwierig ist es, eine Stunde oder mehr auf demselben Level zu bleiben. Mit alten Reifen verliert das Auto viel Grip."

"Das trennt die Rookies und Nicht-Formel-1-Piloten von den Profis. Normalerweise sind MotoGP-Fahrer, wenn sie in ein Auto steigen, relativ schnell auf einem guten Niveau. Das nächste Level ist jedoch, auch mehr als 1,5 Stunden schnell zu sein und das bei hohen Temperaturen. Man darf nicht die Konzentration verlieren und muss über viele Runden konstant fahren."

War es körperlich anstrengend?

"Nicht so sehr, wie ich es erwartet habe. Für mich wäre es aber schwierig, ein ganzes Rennen über mit derselben Geschwindigkeit und Präzision zu fahren."

"Wie ich bereits sagte, war die Lenkung sehr geschmeidig, der Motor lieferte gute Leistung und man kann im Fahrzeug auch mal etwas relaxen. Ohne diese Unterstützungen wäre es sehr hart gewesen."

Planst du weitere Formel-1-Tests?

"Falls sie mir noch einmal die Möglichkeit geben und ich Zeit habe, werde ich ein Angebot akzeptieren. Ich möchte den Test gerne wiederholen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt. Ich würde gerne auf einer anderen Strecke fahren und sehen, wie sich das Auto entwickelt."

Waren es zu viele Bedienelemente im Formel-1-Auto?

"Ja, das ist einer der schwierigsten Dinge, denn wir haben in der MotoGP nur 2 Schalter, einen für die Traktionskontrolle und einen für die Motorbremse. In der Formel 1 gibt es aber 30 oder 40 Knöpfe."

"Ich habe nur 2 oder 3 genutzt. Zu wissen, wie man alle in einem langen Rennen nutzt ist sehr schwierig. Vor allem im Vergleich zu vor 30 oder 40 Jahren, als sie nur ein Lenkrad und ein Schaltung zu bedienen hatten. Es ist eines der schwierigsten Elemente, wenn man die heutigen Formel-1-Piloten mit denen aus der Vergangenheit vergleicht."

War es jemals dein Traum, Formel-1-Fahrer zu werden?

"Nein, denn mein Vater war ein Motorrad-Mechaniker als er jünger war. Zudem war er ein Amateur-Fahrer. Seine Leidenschaft waren also Motorräder und nicht Autos."

"Wir waren keine sehr reiche Familie und daher hat mein Vater mit mir in seiner Freizeit ein Motorrad gebaut, das auf meine Größe angepasst war. Ich habe mit 3 Jahren mit dem Fahren begonnen. Ohne meinen Vater wäre ich kein Rennfahrer geworden."

Du bist vor einigen Jahren auch schon mit einem GT-Fahrzeug gefahren, wie war das?

"Ja, mein 1. Autorennen hatte ich im Jahr 2010. Ich habe am 3-Stunden-Rennen von Aragon mit einem Fiat 500 teilgenommen. Dann saß ich in einem Seat Leon und fuhr das 24-Stunden-Rennen von Montmelo."

Bildergalerie: Jorge Lorenzo testet einen Mercedes-Formel-1-Boliden

"Wir haben in unserer Kategorie gewonnen. Vor 3 Jahren kam ich beim 24-Stunden-Rennen von Abu Dhabi in einem Ferrari 458 zum Einsatz. Auch dort siegten wir in unserer Klasse."

Wirst du in der Zukunft mehr Autorennen fahren?

"Im Moment bin ich sehr beschäftigt. Wenn ich zurücktrete, möchte ich aber definitiv an mehr Autorennen teilnehmen."

Was macht den Reiz von Autorennen aus?

"Es ist dasselbe Adrenalin, aber dennoch unterschiedlich. Es ist eine völlig neue Erfahrung. Du bist ein Journalist. Wenn du nach Hause kommst, möchtest du sicher nicht schreiben. So geht es mir auch. Wenn ich zuhause bin, möchte ich etwas Anderes fahren als Motorräder."

Hast du auch dort das Gefühl, am Limit zu sein?

"Es kommt auf die Reifen an. In einem Auto ist man auf alten Reifen deutlich langsamer, weil man gleich 4 statt nur 2 davon hat. Es ist aber unglaublich, wie schnell mit einem Auto auf neuen Reifen fahren kann."

Wer hat mehr Mumm? MotoGP- oder Formel-1-Fahrer?

"Die Sicherheit eines Formel-1-Boliden ist auf einem sehr hohen Niveau. Sie haben das sehr gut verbessert."

"Auch die Bikes haben Fortschritte gemacht, aber wenn man fällt ist der Körper das Chassis. Man knallt einfach auf den Boden. Deshalb ist es einfacher, sich bei einem Motorrad-Rennen zu verletzen als mit einem Auto. Es ist schwierig, sich in einem Formel-1-Rennen schwerwiegende Verletzungen zuzuziehen. In diesem Fall haben wir etwas mehr Mumm."

Wie war das Feedback der Ingenieure?

"Sie waren sehr beeindruckt, denn ich war im Simulator von Beginn an schnell. Sie haben eine nasse Strecke simuliert, damit es schwieriger wird, denn im trockenen war es sehr einfach."

"Auch auf der realen Strecke habe ich sie überzeugt. Sie waren beeindruckt, wie schnell ein unerfahrener Fahrer ans Limit gelangen kann."

Wie würde sich ein Formel-1-Fahrer auf einem MotoGP-Bike schlagen?

"An nur einem einzigen Tag? Es wäre viel schwieriger, gute Rundenzeiten hinzulegen als für mich im Formel-1-Auto."

"In einem Formel-1-Boliden fühlt man sich sicher, denn man würde bei einem Crash nicht mit dem Körper auf den Boden aufschlagen. Zudem ist die Balance auf einem Motorrad viel wichtiger. Man muss sich viel mehr bewegen, während man in einem Formel-1-Wagen immer in derselben Position sitzt."

"Auf dem Motorrad hat man zwar die Sensibilität der Hände, aber der Körper muss ebenfalls mitmachen. Zudem ist das Körpergewicht wichtig, um Leistung zu erbringen."

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Rennserien MotoGP , Formel 1
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Teams Mercedes
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Tags formel 1, jorge lorenzo, motogp