Jorge Martin für Startunfall bestraft: Kritik an Holeshot-Systemen wächst
Der Startunfall von Jorge Martin sorgt für Diskussionen - Neben Kritik rücken Holeshot-Systeme und Asphalt in den Fokus - Die Ursachen sind vielfältig
Jorge Martin löste beim Start einen Massencrash in Kurve 1 aus
Foto: Gold Gold
Jorge Martin löste beim Start zum Grand Prix von Ungarn im Balaton Park einen Unfall aus, der vier weitere Fahrer mitriss. Der Ex-Weltmeister fuhr auf der rechten Innenseite auf die erste Kurve zu, aber beim Bremsvorgang verlor er die Kontrolle über sein Motorrad und stürzte.
Er krachte in die Seite seines Aprilia-Teamkollegen Marco Bezzecchi. Infolge der Kettenreaktion wurden auch Raul Fernandez (Trackhouse-Aprilia), Fermin Aldeguer (Gresini-Ducati) und Fabio Di Giannantonio (VR46-Ducati) zu Boden gerissen.
Auf einen Schlag waren drei Aprilia-Fahrer ausgeschieden. Von den fünf in den Unfall verwickelten Fahrern konnte nur Di Giannantonio das Rennen fortsetzen. Der Italiener kam als Zwölfter ins Ziel und sammelte noch vier WM-Punkte.
Martin und Bezzecchi suchten das Medical Center auf. Aprilia gab rasch Entwarnung. Die Untersuchungen bei Martin ergaben keine sichtbaren Frakturen. Er hat lediglich Prellungen am Rücken und am rechten Fuß.
Auch bei Bezzecchi ergaben die Untersuchungen keine sichtbaren Frakturen. Er hat lediglich Prellungen am rechten Bein und an der Hand. Aldeguer und Fernandez blieben ebenfalls unverletzt.
Als Verursacher des Unfalls sprachen die Rennkommissare eine Strafe gegen Martin aus. Bei seinem nächsten Grand Prix muss der Spanier zwei Long-Lap-Strafen absolvieren.
Nach dem Rennen sagten alle drei in den Unfall verwickelten Aprilia-Fahrer ihre Interviews ab. Stattdessen stellte sich Aprilia-Motorsportchef Massimo Rivola den Fragen der Journalisten und äußerte sich zu dem Unfall.
"Das Erste, was Jorge gemacht hat, war, sofort zu Marco und zu allen Crews zu gehen, um sich zu entschuldigen", sagt Rivola. "Ich glaube, das Gute heute ist, dass sich niemand wirklich schwer verletzt hat."
"Denn das Risiko - man hat die Bilder gesehen - war extrem hoch. Und das frustriert mich: dass es einer unserer Fahrer war, der in der ersten Kurve einen solchen Fehler gemacht hat, den wir unbedingt vermeiden müssen."
"Ich denke, in der ersten Kurve sollten alle es etwas ruhiger angehen lassen", findet Rivola. Es war in jüngerer Vergangenheit nicht das erste Mal, dass Martin beim Start einen Unfall ausgelöst hat.
Laut Rivola kein Vergleich mit Japan-Crash im Vorjahr
Im vergangenen Herbst machte Martin in Japan im Sprint in der ersten Kurve einen Fehler und krachte auch damals ausgerechnet in seinen Teamkollegen Bezzecchi. Martin verletzte sich dabei und fiel für fünf Grands Prix aus.
Rivola will die beiden Unfälle aber nicht miteinander vergleichen, auch wenn der Ausgang sehr ähnlich war: "Der Fehler war ganz anders. Im vergangenen Jahr hat er zu spät gebremst."
"Dieses Mal war es, ich will nicht sagen ein kleiner Fehler, aber er hat die Vorderradbremse in diesem Streckenabschnitt in Kurve 1 nicht so eingesetzt, wie er es hätte tun sollen. Das ist ziemlich anders als in Japan."
"Also ein kleinerer Fehler, aber ein ähnlicher Ausgang." Die Rennkommissare sprachen für das erste derartige Vergehen in dieser Saison die Standardstrafe für so einen Zwischenfall aus: zwei Long-Lap-Strafen.
Di Giannantonio hält dieses Risiko beim Start für verrückt
Als einziger der in den Unfall verwickelten Fahrer sprach Di Giannantonio mit den versammelten Journalisten. "Mir geht es okay, ich habe nur ein wenig Schmerzen im Rücken", bestätigt auch er, dass er sich nicht ernsthaft verletzt hat.
Und was hat "Diggia" zum Startunfall zu sagen? "Was mit Jorge passiert ist, zeigt, dass wir so etwas vermeiden müssen. Ich denke, und das sage ich auch zu mir selbst, wir riskieren jedes Mal zu viel."
"Wir riskieren nicht nur zu stürzen oder die Kontrolle über das Vorderrad zu verlieren. Wir riskieren, das Leben aller Fahrer in Gefahr zu bringen. Denn heute hätte es wieder viel, viel schlimmer ausgehen können."

Fabio Di Giannantonio kritisiert das hohe Risiko, das die Fahrer beim Start eingehen
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
"Und das ist überhaupt nicht gut für unseren Sport und für unser Leben. Ich denke, wenn wir das nicht mit milden Strafen verstehen, dann müssen eben harte Strafen her."
"Ich finde es verrückt, dass ich vor dem Rennen beten muss - nicht, um ein gutes Rennen zu fahren, sondern um heil durch die erste Kurve zu kommen", findet Di Giannantonio deutliche Worte. "Das ist völlig verrückt."
"Ich will Rennen fahren, ich will hart um meine Position kämpfen, aber ich will auch wieder nach Hause kommen. Und im Moment erleben wir in den vergangenen Jahren verrückte Dinge bei den Starts."
"Und für mich ist das - ich sage es immer wieder, und es passiert mir selbst auch - im Rennsport völlig inakzeptabel." Nach Barcelona gab es nun innerhalb kürzester Zeit den zweiten Startunfall im Balaton Park, zum Glück ohne verletzte Fahrer.
Mehrere Faktoren spielten für den Unfall eine Rolle
Im Balaton Park haben mehrere Aspekte für den Unfall eine Rolle gespielt. Erstens die Form von Kurve 1, zweitens das Abbremsen auf rund 40 km/h, drittens das Holeshot- und Ride-Height-System beim Start und viertens der Asphalt.
Nachdem die Superbike-WM Anfang Mai auf dieser Strecke gastierte, wurde Kurve 1 neu asphaltiert. Zwischen dem Streckenbetreiber und der MotoGP gab es diesbezüglich ein Missverständnis, denn man war von den Arbeiten überrascht.
Der Asphalt hatte noch nicht genug Zeit, richtig zu trocknen und auszuhärten. Es sollen sich auch kleine Steine aus dem Belag gelöst haben. Als Folge bot Kurve 1 keinen Grip und fühlte sich für die Fahrer wie Glatteis an.

Jorge Martin hat für den Crash zwei Long-Lap-Strafen erhalten
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
"Meiner Meinung nach war das vorhersehbar", sagt Luca Marini über den Startunfall. Der Honda-Fahrer war direkt hinter Martin und konnte genau beobachten, wie der Aprilia-Fahrer beim Bremsen die Kontrolle verlor.
"Gestern [im Sprint] waren wir sehr vorsichtig. Aber heute im Rennen riskierst du dort alles, weil du weißt, dass du ein gutes Ergebnis erreichen kannst, wenn du die erste Runde unter den ersten drei beendest."
"Sicher, das Layout hilft nicht, weil du bis auf 40 km/h abbremsen musst", so Marini weiter. "Der Streckenverlauf hilft nicht, weil jede Position, die du dort gewinnst, ein Fahrer weniger ist, den du in 26 Runden überholen musst. Diese Kombination."
"Und außerdem haben sie beim Asphalt keinen guten Job gemacht, das müssen wir so sagen. Wir haben viel mit der MotoGP gesprochen, und es gab ein Missverständnis zwischen ihnen und der Strecke. Die Dinge sind nicht gut gelaufen."
"Aber letztlich ist es wie bei einem Start unter nassen Bedingungen: Es ist rutschig, du musst aufpassen. Gestern ist alles gut gelaufen - Moto3, Moto2, alles gut. Es kann passieren."
Miller sicher: Holeshot-Systeme führten zum Crash
Jack Miller äußerte sich bereits nach dem Startunfall in Barcelona kritisch über die Holeshot-Systeme beim Start und führt diese Devices auch in Ungarn als entscheidenden Mitgrund für den Unfall an.
Der Pramac-Yamaha-Fahrer sagt: "Jorge hat versucht, das Device zu lösen, aber das Motorrad hat angefangen zu springen. Und wenn es einmal springt, ist es schwierig, dass es sich wieder beruhigt."

Vier der fünf verwickelten Fahrer waren ausgeschieden
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
"Ich sage schon die ganze Zeit: Baut die Dinger aus. Dann sind alle auf dem gleichen Niveau. Am Ende des Tages machen wir ein unnatürliches Manöver, vor allem hier in Balaton, wo Kurve 1 ziemlich rutschig war."
"Mit dem neuen Asphalt war es nicht einmal wirklich möglich, ohne das Vorderrad zu blockieren, genug Lastverlagerung [auf das Vorderrad] zu erzeugen, um die Devices zu lösen."
"Ich glaube, es war wieder ein sturzbedingter Zwischenfall durch ein Device." Miller schätzt, dass man ohne die Holeshot-Systeme auf dieser Strecke zwischen 15 und 20 km/h langsamer zu Kurve 1 kommen würde.
Im Hintergrund wurde im Laufe des Ungarn-Wochenende darüber diskutiert, die Starts sicherer zu machen. Demnächst wird der Abstand zwischen den Startreihen erhöht und höchstwahrscheinlich die Nutzung der Devices beim Start untersagt.
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