"Kann keinen Titel versprechen": Jorge Martin über Aprilia-Teamduell um WM
Jorge Martin spricht ausführlich über die Psychologie im MotoGP-Titelkampf 2026, in dem er gegenüber Aprilia-Teamkollege Marco Bezzecchi Erfahrungsvorsprung hat
Jorge Martin und Marco Bezzecchi kämpfen um die WM: Wird die Stimmung kippen?
Foto: Mirco Lazzari GP / Getty Images
Bevor im MotoGP-Kalender 2026 die nächsten zwei Rennwochenenden back-to-back anstehen, nämlich der Grand Prix von Tschechien in Brünn (20/.21. Juni) und der Grand Prix der Niederlande in Assen (27./28. Juni), sind Marco Bezzecchi und Jorge Martin an der Spitze der MotoGP-Fahrerwertung 2026 durch 20 Punkte getrennt.
Der Punkteabstand zwischen den beiden Aprilia-Teamkollegen war im bisherigen Saisonverlauf schon mal kleiner, er war aber auch schon größer. Obwohl Bezzecchi die ersten drei Grands Prix der Saison allesamt gewonnen hat und aktuell bei vier Saisonsiegen steht, hat auch Martin trotz nur eines Sieges die Punktetabelle in dieser Saison schon angeführt.
Es steht zu erwarten, dass das Duell der beiden Aprilia-Teamkollegen - ein Duell um Siege, um die Vorherrschaft im Team, und letztlich um den WM-Titel - in den kommenden Wochen und Monaten weitergehen wird.
Martin ist derjenige, der in der MotoGP-Klasse bereits über Erfahrungen in Titelkämpfen verfügt. 2023 unterlag er knapp gegen Francesco Bagnaia, 2024 setzte er sich knapp gegen Bagnaia durch. Für Bezzecchi hingegen sieht es danach aus, dass es 2026 sein erster ernsthafter WM-Kampf in der Königsklasse wird.
Eine Ansage, wie man das Duell Bezzecchi vs. Martin managen will, gibt es bei Aprilia (noch) nicht. Das Szenario, dass die beiden im Kampf um Rennsiege auch mal aneinandergeraten könnten, spukt zumindest in Martins Hinterkopf herum. Er blendet es aber bewusst aus.

Bezzecchi führt die WM aktuell an, aber Martin hat WM-Kampf-Erfahrung
Foto: Loic Venance / AFP via Getty Images
Nachdem er beim Grand Prix von Frankreich in Le Mans seinen ersten und bisher einzigen Sieg an einem Sonntag 2026 eingefahren hat, was zudem sein erster Grand-Prix-Sieg in Aprilia-Diensten war, wurde Martin erstmals auf das Thema WM-Duell gegen Bezzecchi angesprochen. Den Sieg in Le Mans hatte der Spanier eingefahren, nachdem er Bezzecchi drei Runden vor Schluss sauber überholt hatte.
Jorge Martin: "Mal angenommen, es würde etwas passieren ..."
"Marco und ich, wir haben ein großartiges Verhältnis", sagte Martin daraufhin. "Es ist klar, dass wir keine Freunde sind. Wir sind aber auch keine Feinde. Wir sind Teamkollegen und ich glaube, wir werden immer versuchen, uns gegenseitig dabei zu helfen, die anderen Hersteller zu schlagen. Das ist unsere Zielsetzung."
Angesprochen auf eine mögliche teaminterne Kollision, die unter Umständen Folgen haben könnte, antwortete Martin damals im Mai: "Ich komme gut mit Marco aus und sehe keinen Anlass, dass es zu diesem spekulierten Clash kommen könnte. Es ergibt keinen Sinn, daran zu denken, dass es passieren könnte."
"Mal angenommen, es würde etwas passieren, was es meiner Meinung nach nicht muss", so der MotoGP-Weltmeister von 2024, "dann würde das eine Veränderung dahingehend bewirken, wie die beiden Crews zusammenarbeiten. Und das wiederum würde dazu führen, dass wir mehr verlieren würden als wir gewinnen könnten, wenn wir uns auf der Strecke gegenseitig bekämpfen".
Seit diesen Aussagen von Martin sind ein paar Wochen vergangen. Am Barcelona-Wochenende, das dem Le-Mans-Wochenende folgte, ist er an vier Tagen (inklusive Montagstest) sechsmal gestürzt. Im Grand Prix am Sonntag riss Martin einen Aprilia-Fahrer mit ins Kiesbett. Es war in diesem Fall nicht Teamkollege Bezzecchi, sondern Raul Fernandez auf der Trackhouse-Aprilia. Am anschließenden Mugello-Wochenende fand Martin sein Selbstvertrauen wieder und belegte zweimal P2, wobei er im Sprint vor Bezzecchi ins Ziel kam.
Entschuldigung von Jorge Martin für Startunfall mit Marco Bezzecchi
Am vergangenen Wochenende im Balaton Park allerdings war es Martin, der im Grand Prix am Sonntag den Startcrash auslöste, in den (unter anderem) ausgerechnet Bezzecchi verwickelt wurde. Verletzungen sind zum Glück ausgeblieben und Martin veröffentlichte noch am Sonntagabend eine Entschuldigung auf Social-Media.
Martins Entschuldigung im Wortlaut: "Ich möchte mich bei allen meinen Fahrerkollegen entschuldigen, die heute in der ersten Runde des Rennens in den Zwischenfall verwickelt waren. Ich habe die Kontrolle über das Motorrad verloren und leider kam es dadurch zu einem Massensturz, den ich nicht verhindern konnte. Das Wichtigste ist, dass es uns Gott sei Dank allen gutgeht. In solchen Situationen ist das das Einzige, was wirklich zählt."
"Es tut mir aufrichtig leid für die Folgen, die dieser Unfall für sie, ihre Teams und ihre Karrieren gehabt haben könnte. Man möchte sich niemals in einer solchen Situation wiederfinden", schrieb Martin am Sonntagabend und wandte sich abschließend an seine Follower: "Vielen Dank für all die unterstützenden Nachrichten, für euer Verständnis und für den Respekt, den ihr mir heute entgegengebracht habt."
Wie Jorge Martin den Titelkampf 2026 angeht
Mit aktuell also 20 Punkten Abstand in der WM-Tabelle zwischen Spitzenreiter Bezzecchi und ihm selber als erstem Verfolger geht Martin in den Grand Prix von Tschechien am kommenden Wochenende. Glaubt er, dass am Saisonende sein Erfahrungsvorsprung in MotoGP-Titelkämpfen den Ausschlag geben könnte, weil Bezzecchi eben diese Erfahrungen noch nicht gemacht hat?
"Erfahrung ist immer wichtig. Ich kann aber niemandem Titelgewinne versprechen, denn das ist nun mal einfach unmöglich", sagte Martin am Ungarn-Wochenende, noch bevor es am Sonntag zum Startunfall kam. "Was ich versprechen kann ist, dass ich Tag für Tag versuche, um Siege zu kämpfen und dass ich Tag für Tag versuche, mich zu verbessern."
"Ich gebe meine 100 Prozent und versuche, von Rennen zu Rennen ein besserer Fahrer zu werden. Alles andere wird ein Mysterium bleiben. Je weiter wir in der Saison voranschreiten, desto besser werden wir die Situation verstehen. Ich hoffe, dass mir meine Erfahrung helfen wird, zu gewinnen."

Martin und Bezzecchi haben fünf von bisher acht Grands Prix 2026 gewonnen
Foto: David Buono / Icon Sportswire via Getty Images
Nachgefragt, ob er eher einen WM-Titel gewinnen kann, indem er direkt an den WM-Kampf denkt, oder aber indem er an jedes Rennen einzeln denkt, antwortete Martin am Ungarn-Wochenende: "Darüber habe ich nie nachgedacht. Ich glaube aber, wenn du anfängst, über die WM nachzudenken, beginnst du damit, Performance einzubüßen."
"Wie ich schon gesagt habe, liegt mein Fokus auf meiner Entwicklung als Fahrer. Ich arbeite Tag für Tag daran, um Siege zu kämpfen. Das ist eine Tatsache. Das ist der Grund, warum wir antreten. Das ist der Grund, weshalb ich ich Krankenhaus war und alles versucht habe, um zurückzukommen", so Martin, der damit auf seine von mehreren Verletzungen geplagte Saison 2025 anspricht.
"Aber wie ich schon gesagt habe, es ist unmöglich, Titelgewinne zu garantieren. Was ich garantieren kann ist, dass ich hart daran arbeitete, mich selber zu verbessern", so Martin.
Im Grand Prix von Tschechien in Brünn muss Martin am kommenden Sonntag zwei Long-Lap-Strafen absolvieren. Es ist die Konsequenz aus dem Startunfall beim Grand Prix von Ungarn im Balaton Park.
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