Keine überstürzten Comebacks: Paradigmenwechsel in der MotoGP?
Ai Ogura verpasst vorsichtshalber ein zweites Rennen - Ein Szenario wie 2013 in Assen mit Jorge Lorenzo wird sich in der MotoGP wohl nicht mehr wiederholen
Ai Ogura soll am kommenden Wochenende in Spielberg zurückkehren
Foto: Gold Gold
Ai Ogura muss aufgrund seiner Verletzung am linken Daumen auch ein zweites Grand-Prix-Wochenende auslassen. Nach dem Rennen im MotorLand Aragon fehlt der Japaner auch in Misano. Allerdings geht das Trackhouse-Aprilia-Team davon aus, dass Ogura am kommenden Wochenende beim Grand Prix von Österreich wieder dabei sein kann.
Ogura verletzte sich am Ende der Sommerpause beim Motocross-Training an der linken Hand. Am 27. August wurde er in Barcelona am linken Daumen operiert. In dieser Woche stand am 8. September ein Kontrolltermin auf dem Programm.
Das Ärzteteam um Dr. Xavier Mir riet jedoch dazu, das Wochenende in Misano auszulassen. Somit wurde diese Entscheidung am Mittwoch getroffen und vom Team öffentlich bestätigt.
"Diese Strecke ist für seine Verletzung ziemlich anspruchsvoll", verweist Teamchef Davide Brivio bei MotoGP.com auf eine weitere Tatsache, die gegen ein Comeback in Misano sprach.
"Hier gibt es viele Richtungswechsel nach links. Das wäre wahrscheinlich eine Belastung gewesen. Ein Sturz hätte die Situation noch weiter verschlimmern können. Wir nehmen uns also eine weitere Woche Zeit."
"Das Ziel ist, in Österreich wieder dabei zu sein. Die Strecke sollte aus dieser Sicht weniger anspruchsvoll sein: Die Kurven gehen überwiegend nach rechts, und man muss nur geradeaus bremsen."
"Wichtig ist, dass er vollständig genesen ist", betont Brivio. "Schließlich liegt noch das Saisonfinale vor uns, und in Asien können wir gute Ergebnisse erzielen, wenn Ai in guter Verfassung ist."
Oguras theoretische WM-Chance ist mit zwei verpassten Rennwochenenden deutlich gesunken. Nach Silverstone lag er auf WM-Platz drei und hatte 37 Punkte Rückstand auf Aprilia-Fahrer Jorge Martin. Dieser Rückstand ist bereits auf 53 Punkte angewachsen.
Keine überstürzten Comebacks mehr - ein Paradigmenwechsel?
Ist es im Motorsport ein Paradigmenwechsel, dass Ogura trotz keiner schweren Verletzung kein überstürztes Comeback hinlegt? Ähnlich ist die Situation bei Formel-1-Pilot Isack Hadjar, der nach einer Handverletzung drei Rennen auslässt.
"Das hat weniger mit der Einstellung zu tun, sondern vielmehr mit den Anforderungen", sagt Teammanager Francesco Guidotti, der 2027 die Aufgaben von Brivio übernehmen wird, im Gespräch mit Motorsport-Total.com.
"Vor einigen Jahren war es einfacher, ein Motorrad zu fahren, wenn man verletzt war. Heute sind die Motorräder so leistungsstark und körperlich anspruchsvoll, dass es wirklich gefährlich für den Fahrer selbst und für die anderen Fahrer ist, wenn man nicht fit ist."
"Es ist also insofern ein Mentalitätswandel, dass sich die Anforderungen an das Fahren drastisch verändert haben." Guidotti glaubt deshalb nicht, dass sich ein Szenario wie Assen 2013 noch einmal wiederholen wird.
Szenario wie bei Lorenzo in Assen 2013 wird sich nicht wiederholen
In Assen 2013 brach sich Jorge Lorenzo am Trainingstag bei einem Sturz im Regen das linke Schlüsselbein. Er flog nach Barcelona, ließ sich operieren, kehrte nach Assen zurück und wurde im Rennen Fünfter.
"Ich glaube nicht, dass so etwas noch einmal passieren wird. Wie gesagt: Die Motorräder sind körperlich extrem anspruchsvoll, und die Leistung ist viel, viel höher", vergleicht Guidotti die Situation mit heute.
"Natürlich brauchen Fahrer nach einer Verletzung Schmerzmittel und dergleichen. Das kann man einmal machen, vielleicht auch zweimal, aber es darf nicht zur Routine werden. Wenn man sich verletzt, wartet man deshalb auf die Genesung."

Assen 2013: Jorge Lorenzo steht nach Schlüsselbeinoperation am Start
Foto: Mirco Lazzari gp/Getty Images
Im Vergleich zu 2013 sind nicht nur die Motorräder anstrengender zu fahren, sondern auch die komplette Intensität ist höher geworden: 22 Rennwochenenden, Qualifying am Freitag, Qualifying und Sprint am Samstag, Rennen am Sonntag.
Seit 2013 wurde auch das medizinische Protokoll verändert. Muss ein Fahrer unter Vollnarkose operiert werden, darf er für die darauffolgenden mindestens 24 Stunden nicht fahren.
Außerdem gab es 2013 nur vier oder fünf siegfähige Motorräder im Feld. Bei der aktuellen Leistungsdichte könnte ein nicht fitter Fahrer außerhalb der Punkteränge ins Ziel kommen. "Das ergibt also keinen Sinn", findet auch Guidotti.
Warum Lorenzo Savadori nicht einspringt
In Aragon wurde Ogura von Lorenzo Savadori vertreten, aber der Italiener stand nun für Misano nicht zur Verfügung. Am Donnerstag und Freitag setzte er in Barcelona das Testprogramm mit dem neuen 850er-Motorrad fort.
Theoretisch hätte er am Samstag und am Sonntag in Misano statt Ogura fahren können. Aber sowohl Savadori als auch KTM-Testfahrer Pol Espargaro berichteten, dass es für sie schwierig ist, nach den Pirelli-Tests zurück auf Michelin zu wechseln.
Aus diesen Gründen wurde darauf verzichtet, Savadori in Misano einzusetzen. Trackhouse-Aprilia tritt deshalb nur mit Raul Fernandez an. Oguras WM-Rückstand beträgt vor dem Rennwochenende in Misano 53 Punkte.
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