Lorenzo über die Zusammenarbeit mit Vinales: "Wie Apollo Creed und Rocky"
Jorge Lorenzo erklärt, wie Maverick Vinales sein komplettes Potenzial entfalten kann - Der Ex-Weltmeister nennt vier Säulen, die über WM-Chancen entscheiden
Maverick Vinales hofft, von Jorge Lorenzos Erfahrung zu profitieren
Foto: Jorge Lorenzo
Maverick Vinales hat bereits elf MotoGP-Saisons bestritten und zehn Grands Prix gewonnen. Zweimal wurde der Moto3-Weltmeister von 2013 WM-Dritter (2017 und 2019). Er hat Rennen mit Suzuki, Yamaha und Aprilia gewonnen und gilt als großes Talent. Doch für den endgültigen Durchbruch, um im WM-Kampf eine Rolle zu spielen, hat es bislang nicht gereicht.
Deshalb hat sich der 30-Jährige mit Jorge Lorenzo einen neuen Berater an die Seite geholt. Der dreimalige MotoGP-Weltmeister soll ihn dabei unterstützen, die Puzzlesteine richtig anzuordnen, um dem großen Ziel näherzukommen.
"Es ist klar, dass mein Hauptziel, die Nummer eins, darin besteht, den MotoGP-Weltmeistertitel zu gewinnen", hält Vinales im Video-Podcast Duralavita von Lorenzo fest. "Das ist das oberste Ziel meines Lebens."
"Vor allem durch die Rennen, die ich jüngst verpasst habe, ist es, als hätten sie mich wachgerüttelt. Mit der Botschaft: Wenn du dieses Ziel willst, kämpfe dafür. Geh All-in. Es gibt keinen anderen Weg, als All-in zu gehen, bei 100 Prozent zu sein und an jedem Detail zu arbeiten."
"Ich glaube, ich bin ein Fahrer mit viel Talent, mit viel Leichtigkeit, weil ich auf eine einzelne Runde sehr schnell bin, aber ich war nicht akribisch mit den Details, wirklich jedem Detail, in meiner Trainingsweise."
Die Karrieren von Lorenzo und Vinales haben sich überschnitten. Als Lorenzo Yamaha verließ, um ab 2017 für Ducati zu fahren, wurde Vinales als dessen Nachfolger engagiert. Bis Lorenzo Ende 2019 seinen Helm an den Nagel hängte, gab es viele Duelle auf der Strecke.
"Ja, er war einer der starken Rivalen", betont Lorenzo, "einer der fünf oder sechs sehr starken Rivalen, die ich hatte. Besonders, als er zu Yamaha wechselte und diesen Sepang-Test fuhr - er war so schnell, es war beängstigend."
"Maverick hatte schon immer Talent, ich würde ihn mit den vier oder fünf Großen vergleichen. Was reines Speed-Talent betrifft, steht ihm in nichts nach. Vielleicht ist Stoner der Einzige, der in Bezug auf reines Talent etwas mehr oder etwas Besonderes hatte."
"Aber im Vergleich zu Valentino, Pedrosa, sogar Marc und zu mir - Maverick steht in puncto Talent und Speed in nichts nach. Ich sage ihm immer, ich möchte keine Namen nennen, aber wenn Fahrer mit weniger Talent es geschafft haben, um WM-Titel zu kämpfen, warum sollte er es nicht schaffen?"
Welche Säulen laut Lorenzo für den Erfolg entscheidend sind
2026 steht Vinales vor seiner zwölften MotoGP-Saison, seiner zweiten mit Tech3-KTM. Im Januar wird er 31 Jahre alt. "Das ist kein junges Alter, aber auch kein Alter, in dem es physisch bergab geht", findet Lorenzo. "Ich denke, es ist das perfekte Alter - er ist sehr reif, sehr empfänglich, sehr hungrig."
"Er hört auf alles, was ich ihm sage, er macht alles, was ich ihm sage, oder fast alles. Mit der Meditation ist es etwas schwieriger. Da müssen wir an der Meditation arbeiten, so wie Phil Jackson es mit den Chicago Bulls gemacht hat. Das ist sehr wichtig."
"Denn am Ende geht es um die vier Säulen der Performance auf dem Motorrad, in folgender Reihenfolge der Wichtigkeit. Ich denke, Speed ist das Wichtigste. Wenn du keinen puren Speed oder kein Talent hast, ist es unmöglich."
"Man kann Einstein sein oder den privilegiertesten Verstand der Welt haben, aber wenn du kein Talent zum Motorradfahren hast, wirst du drei Sekunden zurückliegen, oder eine Sekunde. Also erstens der Speed."
"Manchmal kannst du die Konkurrenzfähigkeit des Motorrads nicht kontrollieren, weil du eben das Motorrad hast, das du hast. Mit diesem musst du versuchen, es so natürlich wie möglich für dich zu machen oder ein Set-up zu finden, das so natürlich wie möglich für dich ist."
"Dann der physische Aspekt. Gut, wir gehen davon aus, dass alle MotoGP-Fahrer Athleten sind. Man kann sich dort verbessern, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und dann der letzte, aber sehr wichtige Punkt: der mentale Aspekt."
"Diese vier Säulen sind die wichtigsten, die einzigen, die du brauchst, um schnell zu sein und Weltmeisterschaften und Rennen zu gewinnen", ist Lorenzo überzeugt. "Und du musst an allen arbeiten."
"Von außen betrachtet, aus meiner Sicht, mit meiner Erfahrung, kombiniert mit seinem bereits unglaublichen Talent und seinem Speed - wenn wir die Dinge richtig machen, werden die Ergebnisse von selbst kommen."
Vinales gibt zu, dass er Unterstützung braucht
Vinales gibt zu, dass er sich in seiner bisherigen Karriere zu sehr auf sein Talent verlassen hat. Es gab Tage, an denen er unschlagbar war. Aber diese Tage kamen viel zu selten, weshalb er bisher von 194 MotoGP-Starts "nur" zehn Rennen gewonnen hat.
"Talent und Geschwindigkeit haben mich immer aus jeder Situation gerettet, sie haben verhindert, dass ich zurückfalle", sagt Vinales und weiß mittlerweile: "Wenn ich aber mit den Großen kämpfen will, muss ich jedes Detail polieren."
"Letztlich hatte ich nie einen wirklich technisch versierten Fahrer an meiner Seite, jemanden, der mir bei genau diesen Details helfen konnte, die ich brauche, und bei dieser Mentalität - und das ist jetzt Jorge. Deshalb bin ich in diesem Sinne jetzt ein Schüler, um jedes Detail zu verbessern."
Vinales gibt auch zu, dass er vor wenigen Jahren wohl noch nicht so weit gewesen wäre, um sich einem Berater wie Lorenzo zu öffnen. Den aktuellen Zeitpunkt hält er deshalb für ideal. Auch Lorenzo erkennt eine mittlerweile reife Persönlichkeit.
"Ja, ohne Zweifel", bestätigt der 47-fache MotoGP-Rennsieger. "Er ist in einem super Zen-Zustand, super reif, denn solche Dinge zeigen sich. Man spürt es in der inneren Ruhe, die er hat, wenn er mit seiner Familie telefoniert, wie liebevoll er zu ihnen ist, die Gelassenheit, die er hat."
"Dass er erkennt, dass er bestimmte Fehler aus der Vergangenheit heute nicht mehr machen würde, und dass er geduldig bleibt, damit ein hitziges Temperament ihn nicht zu Fehlern verleitet. Das ist sehr wichtig, das ist der mentale Aspekt."
"Der mentale Aspekt sind auch die Entscheidungen, die du triffst, wenn du auf dem Motorrad bist, aber auch abseits des Motorrads: mit dem Team nicht auf den falschen Weg zu geraten, mit dem neuen Motorrad nicht die falsche Richtung einzuschlagen."
"Und vor allem keine falschen langfristigen Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen wie ein Teamwechsel oder eine schlechte Beziehung zu einem Team. Es ist sehr wichtig, jemanden an seiner Seite zu haben, der all diese Erfahrungen auf hohem Niveau erlebt hat."
Was das alles mit dem Film Rocky III zu tun hat
"Ich vergleiche diese Beziehung oft ein wenig mit dem Rocky-Film, mit Apollo Creed und Rocky", spricht Lorenzo den dritten Teil der legendären Filmreihe mit Sylvester Stallone an. "Denn am Ende ist dieser Film zwar Fiktion, aber letztlich geht es um Sport, um Leben."
"Es geht darum, wenn ein Athlet wichtige Dinge erreicht und Ruhm, Geld, Kinder bekommt, plötzlich Angst entwickelt und bequem wird. Also sagte Apollo Creed, der größer war als Rocky, zu ihm, er hat gegen den 'Eye of the Tiger' verloren und schlug vor, dass sie zusammen trainieren und Mr. T schlagen."
"Es gibt noch eine Parallele: Apollo und Rocky saßen auf der Couch vor dem Fernseher und sahen Mr. T, der zu viel redete, und sie sagten: 'Du redest, wir kommen.' Es gibt Leute, die auch sagen: 'Diese zwei, die halten vier Tage, vier Rennen.' Ich sage: 'Redet nur weiter - das Biest wird kommen.'"
Lorenzo will mit seiner Erfahrung Vinales eine Unterstützung zukommen, die er im Rückblick auf seine Karriere auch vermisst hat. Er erinnert sich: "Früher zum Beispiel arbeitete ich mit Alex Debon, er war mein Coach in meiner 250er-Zeit, er hat mir sehr geholfen."
"Und ich wünschte, ich hätte damals, in diesen Jahren in 125, 250, MotoGP, jemanden wie Max Biaggi als Coach gehabt, man weiß, dass er mein Idol ist, oder Mick Doohan, um mir alles beizubringen, was sie gelernt haben."
"Und mir alle Fehler sagen, die sie gemacht haben, damit ich sie nicht mache. Aber gut, Maverick wird dieses Glück, in Anführungszeichen, haben, das ich nicht hatte, und ich hoffe, dass die Beziehung fruchtbar sein wird."
"Kurz gesagt: Das Ziel ist, in allem so gut zu werden, dass die Ergebnisse unvermeidlich werden. Ich weiß nicht, ob wir in der kurzen Zeit, die wir haben werden, dieses Niveau erreichen können, aber wir müssen versuchen, ihm so nah wie möglich zu kommen. In allem exzellent zu sein, was es bedeutet, ein MotoGP-Fahrer zu sein."
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