MotoGP 2022: Sind acht Ducatis eine Gefahr für das Gleichgewicht der Serie?

Ducati rüstet in der MotoGP-Saison 2022 ein Drittel des gesamten Feldes aus: Die Fahrer von Yamaha, Honda und Suzuki machen sich große Sorgen

MotoGP 2022: Sind acht Ducatis eine Gefahr für das Gleichgewicht der Serie?

In der neuen MotoGP-Saison gehen acht Ducati-Piloten an den Start. Somit besteht ein Drittel des gesamten Feldes aus Ducatis. Bereits von 2016 bis 2018 rüstete Ducati acht Fahrer mit Material aus. Doch das Geschäftsmodell der Italiener hat sich grundlegend verändert.

Standen früher wirtschaftliche Interessen im Fokus, so sieht die Struktur heute ganz anders aus. Die Kundenteams werden wie kleine Werksteams behandelt und erhalten Ingenieure und Crewchiefs von Ducati. Der Großteil der Fahrer steht direkt bei Ducati unter Vertrag.

Ein kleiner Rückblick: 2003 debütierte Ducati in der MotoGP und verpflichtete Loris Capirossi und Troy Bayliss für das Werksteam. Drei Jahre später rüstete Ducati die Mannschaft von D'Antin aus. In der Saison 2009 kam eine fünfte Ducati dazu.

Acht Ducatis in der MotoGP sind nicht neu

Mit der Verpflichtung von Valentino Rossi in der Saison 2011 wuchs die Anzahl der Ducati-Piloten auf sechs an. Es gab die beiden Werksmaschinen, die zwei Pramac-Bikes und je ein Motorrad bei Aspar und Cardion AB. In der Saison 2016 wurden acht Fahrer mit Material aus Bologna versorgt. Pramac agierte als Satelliten-Team, Aspar und Avintia waren Kundenteams.

Troy Bayliss

Troy Bayliss holte mit der Desmosedici den Sieg im finalen Rennen der 990er-Ära

Foto: Ducati

Mit mehr finanziellen Mitteln bekamen die Teams aktuelleres Material. In der Saison 2018 ging Ducati einen Schritt weiter. Neben den beiden Werkspiloten bekam auch Danilo Petrucci bei Pramac aktuelles Werksmaterial. Seit 2020 erhalten beide Pramac-Piloten aktuelle Werks-Desmosedicis.

Ducati stellte das Geschäftsmodell auf den Kopf

Ducati verlangte in der Vergangenheit zwei Millionen Euro für einen aktuellen Prototyp und eine Million Euro für ein Modell aus dem Vorjahr. In den vergangenen Jahren nahmen die Italiener immer mehr Fahrer unter Vertrag und bezahlten somit auch die Gehälter der Kundenfahrer. Dennoch lohnt sich das System, denn auf exorbitant teure Fahrergagen wie im Fall von Jorge Lorenzos geschätzten 20 Millionen Euro verzichtete man zuletzt.

Mit Jack Miller, Francesco Bagnaia, Johann Zarco, Jorge Martin und Enea Bastianini standen fünf der sechs Ducati-Piloten der Saison 2021 direkt bei Ducati unter Vertrag. Nur Luca Marini hatte einen Vertrag mit VR46.

Die neue Strategie trägt bereits Früchte. Auch wenn Ducati nach wie vor auf den ersten Titel seit Casey Stoner 2007 warten muss, erarbeitete man sich den Ruf, das beste Motorrad im Feld zu haben. Der Gewinn der Hersteller- und Teamwertung untermauern diese These.

Die 2022er-Ducati soll noch besser sein als die 2021er-Version

Werkspilot Jack Miller kündigte bereits an, dass Ducati 2022 noch stärker sein wird: "Die 2022er-Ducati wird das dominierende Motorrad sein. Mit der GP21 wurden die Probleme der GP20 behoben. Am Ende der Saison konnten wir dominieren. Es wurden deutliche Fortschritte erzielt."

Teamkollege Francesco Bagnaia bestätigt das: "Die GP21 war bereits ein perfektes Motorrad und sie konnten es weiter verbessern. Ducati hat tolle Arbeit geleistet, weil es nicht einfach ist, ein bereits fantastisches Motorrad weiter zu verbessern."

Jack Miller

Werkspilot Jack Miller testete bereits einige Neuerungen

Foto: Motorsport Images

In der neuen Saison werden fünf Ducati-Piloten mit aktuellen Werksmaschinen ausgerüstet (Francesco Bagnaia, Jack Miller, Jorge Martin, Johann Zarco und Jorge Marini). Zudem wird es drei 2021er-Maschinen (Enea Bastianini, Fabio Di Giannantonio und Marco Bezzecchi) geben.

Fragt man bei den Fahrern der konkurrierenden Hersteller nach, dann wird offensichtlich, wie besorgt die Gegner sind. Weltmeister Fabio Quartararo weiß, wie schwierig es ist, mit der Yamaha eine Ducati zu überholen.

Yamaha-Werksduo schaut sorgenvoll auf die Saison 2022

"Mehr Ducatis, mehr Probleme", stellt der Franzose fest. "Es ist super schwierig für uns, sie zu überholen. Es sieht so aus, als hätten sie beim Motorrad einen riesigen Schritt gemacht und nicht nur beim Motor. Sie sind auf eine Runde sehr schnell, aber auch auf eine komplette Renndistanz."

"Nach der Sommerpause haben sie einen riesigen Schritt gemacht", erkennt Quartararo. "Sie haben sehr viel Schwung aufgenommen. In Valencia holten sie auf einer Strecke, die nicht zu den Ducati-Paradestrecken zählt, die Pole und stellten die Plätze eins bis drei sicher. Ich mache mir Sorgen mit Blick auf die neue Saison."

Fabio Quartararo

Fabio Quartararo ging mit Sorgen in die Winterpause

Foto: Motorsport Images

Yamaha-Teamkollege Franco Morbidelli bestätigt diese Eindrücke: "Es ist wirklich schwierig. Ducati hat etwas gefunden, um im Qualifying richtig schnell zu sein. Sie schaffen es immer wieder in die erste Startreihe. Es ist schwierig für uns, wenn sie im kommenden Jahr so weitermachen."

Warum man Ducati keinen Vorwurf machen darf

Ex-Weltmeister Joan Mir sorgt sich um das Gleichgewicht in der MotoGP. Mit seiner Suzuki hat er oft Probleme, an den Ducati vorbeizukommen, die auf den Geraden deutlich höhere Topspeeds erreichen. Acht Ducatis sind laut Mir zu viel. "Das ist nur für Ducati gut. Ehrlich gesagt finde ich, dass es zu viele sind", kommentiert der Spanier.

Landsmann Pol Espargaro sieht das ähnlich: "Es ist sehr negativ. Ich spreche nicht nur über die Meisterschaft sondern auch über mich und meine Interessen. Ducati arbeitet sehr gut. Wenn sie sich erneut so entwickeln wie im vergangenen Jahr, dann wird es für uns schwierig."

Joan Mir

Suzuki ist nach wie vor nicht bereit, ein Kundenteam auszurüsten

Foto: Motorsport Images

Ex-KTM-Pilot Iker Lecuona sieht das Problem pragmatischer: "Ducati hat nur deshalb acht Motorräder im Feld, weil sie die einzigen sind, die dafür bereit sind. Suzuki und Aprilia haben nur zwei Motorräder. Hätten sie diese Plätze gewollt, dann hätten sie sie auch bekommen. Wenn Ducati dank der acht Motorräder die Meisterschaft bestimmt, dann nur, weil die anderen das erlaubt haben."

Der Traum der Dorna lässt sich nicht in die Realität umsetzen

Die Dorna plante ursprünglich, dass jeder Hersteller zwei Werksmaschinen und zwei Satelliten-Bikes hat. Doch diese Vision konnte bisher nicht umgesetzt werden, weil Suzuki und Aprilia keine Ambitionen zeigen, mehr Fahrer auszurüsten.

"Aus romantischer Sicht würde ich mir wünschen, dass jeder Hersteller vier Motorräder im Feld hat. Das war die Idee der Dorna. Doch das hat leider nicht geklappt und Ducati hat sich seinen Anteil gesichert", stellt Aprilia-Pilot Aleix Espargaro fest.

Aleix Espargaro

Aleix Espargaro wünscht sich, dass jeder Hersteller vier Fahrer ausrüstet

Foto: Motorsport Images

"Ich frage mich, warum sie in der Meisterschaft nicht die drei ersten Plätze belegen, weil das Motorrad wirklich stark ist", grübelt Espargaro. "Die Ducati ist das stärkste Motorrad in der Meisterschaft. Da stimmen mir alle zu. Alle Ducati-Piloten sind sehr schnell."

Entwarnung bei Yamaha und Honda

Yamaha-Crewchief Ramon Forcada macht sich deutlich weniger Sorgen und sieht die Situation gelassen: "Es kann schon einen Einfluss auf die Meisterschaft haben, doch von den vielen Ducatis kann nur eine gewinnen."

Alberto Puig

Alberto Puig weist darauf hin, dass Ducati seit 14 Jahren auf einen WM-Titel wartet

Foto: Motorsport Images

"Am Ende wird es einen Weltmeister geben - das kann ein Ducati-Pilot sein oder ein Fahrer eines anderen Herstellers. In der vergangenen Saison war Ducati stark, es gab sechs Ducati-Piloten. Doch der Champion pilotierte eine Yamaha", kommentiert der erfahrene Crewchief.

Und auch Honda-Teammanager Alberto Puig versucht, die Situation zu beruhigen: "Ducati hat ein Motorrad, von dem jeder behauptet, dass es fantastisch ist. Doch sie haben seit Stoner keine Meisterschaft gewonnen. Und das ist lange her. 14 Jahre, um genau zu sein."

Mit Bildmaterial von Ducati.

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