MotoGP-Hintergrund: Warum Gresini Ducati fast den Rücken gekehrt hätte
Fermin Aldeguers Wechsel zu VR46 erschütterte Nadia Padovanis Vertrauen in Ducati - Das Gresini-Team sondierte Alternativen - Auch Honda saß mit am Tisch
Nadia Padovani war verärgert über das Verhalten von Ducati
Foto: Gresini Gresini
Fermin Aldeguer wird in der MotoGP-Saison 2027 nicht mehr für Gresini fahren, sondern wechselt zum anderen Ducati-Satellitenteam, nämlich zu VR46. Das hat das Team von Nadia Padovani dazu gebracht, die wenigen Alternativen auszuloten, die ihr zur Verfügung standen, bevor sie sich auf eine Vertragsverlängerung mit Ducati einigte, die nun als so gut wie besiegelt gilt.
In vielen Familien mit zwei oder mehr Kindern sind es die Eltern, die bei häuslichen Konflikten vermitteln müssen, wenn Spannungen durch Eifersucht und Rivalitäten unter Geschwistern entstehen.
Überträgt man das auf das MotoGP-Fahrerlager, so übernimmt Ducati seit einigen Jahren die Rolle des Friedensstifters zwischen den beiden italienischen Satellitenteams VR46 und Gresini. Denn es läuft hinter den Kulissen nicht immer reibungslos.
Wenn man bei beiden Garagen nachfragt, wie das Verhältnis der zwei Teams zueinander ist, fällt die Antwort einheitlich aus: "Wir kommen überhaupt nicht miteinander aus." Ducati lässt es dabei jedoch nicht bewenden, sondern geht noch einen Schritt weiter, um zu schlichten.
"Genauso ist es, als müssten wir dauerhaft zwischen zwei Kindern vermitteln, die sich ständig in den Haaren liegen. Das zermürbt einen sehr", bestätigt eine Führungskraft des Ducati-Teams gegenüber Motorsport.com Spanien, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com.
Ducati sorgte für Aldeguers Wechsel zu VR46
Die Spannung zwischen den beiden Parteien hat sich zuletzt noch einmal deutlich verschärft, nachdem die Entscheidung gefallen ist, dass Aldeguer ab 2027 das Team wechseln wird. Der Murcianer wird auf Anweisung von Ducati in die Lederkombis von VR46 schlüpfen.
Diese Entscheidung verstimmte die Verantwortlichen in Faenza erheblich. So sehr, dass sogar die Vertragsverlängerung mit dem Hersteller aus Bologna, die zum Saisonende ausläuft, in Gefahr geriet.

Fermin Aldeguer wird im nächsten Jahr für das VR46-Team fahren
Foto: Getty Images North America
Selbst Aldeguer konnte seinen Wunsch nicht durchsetzen. Er hatte stets betont, dass er, wenn er freie Wahl hätte, sein aktuelles Team nicht verlassen würde. Die Lücke, die Alex Marquez hinterlassen wird, dessen Zukunft bei KTM liegt, wird nahezu unmöglich zu füllen sein.
Genau deshalb hatte Gresini darauf gesetzt, die #54 halten zu können. Ein Ziel, das aus mehreren Gründen nicht erreicht wurde. Zunächst darf man nicht außer Acht lassen, dass VR46 den Status als werksseitig unterstütztes Team übernommen hat, den zuvor Pramac innehatte.
Die Mannschaft aus Tavullia unterzeichnete einen Zweijahresvertrag (2025 und 2026) mit einer verlängerbaren Option auf drei weitere Jahre (2027, 2028 und 2029), die als reine Formsache galt und mittlerweile bereits bestätigt ist.

Alessio "Uccio" Salucci ist Teamchef von Valentino Rossis Rennstall
Foto: Getty Images AsiaPac
Dass eine offizielle Ankündigung noch aussteht, liegt am allgemeinen Einfrieren der Bekanntmachungen, das von den Herstellern (MSMA) als Druckmittel gegenüber der MotoGP Sports Entertainment Group (MSEG) initiiert wurde.
Es wird seit Monaten über die Bedingungen des neuen kommerziellen Rahmens verhandelt, der die Teams für die nächsten fünf Jahre an den Veranstalter der Motorrad-Weltmeisterschaft binden soll. Zuletzt gab es in Austin hochrangige Meetings mit Vertretern von Liberty Media.
Gresini bisher erfolgreicher als VR46
Das Label "werksseitige Unterstützung" sichert VR46 eine Reihe von Vorteilen gegenüber den übrigen Ducati-Kundenteams. Vorteile, die sich in den vergangenen beiden Jahren allerdings weder in Ergebnissen noch in entsprechender Sichtbarkeit niedergeschlagen haben.
2024 lag das Rampenlicht größtenteils auf Marc Marquez. Er und sein Bruder schlossen das Jahr in der WM-Tabelle vor Fabio Di Giannantonio und Franco Morbidelli ab. 2025 war es die Brillanz von Alex Marquez, der mit drei Siegen und insgesamt zwölf Podestplätzen Vizeweltmeister wurde.

Fabio Di Giannantonio war in den ersten drei Rennen 2026 bester Ducati-Fahrer
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Das stand im Kontrast zu Di Giannantonio (vier Podestplätze), der WM-Sechster wurde, und Morbidelli (zwei Podestplätze), der WM-Siebter wurde. Aldeguer schloss knapp hinter beiden ab, obwohl sein Sieg in Indonesien und seine zwei weiteren Podestplätze für viele Schlagzeilen sorgten.
Tatsächlich gibt es Stimmen, die argumentieren, dass die Desmosedici GP24, mit der Alex Marquez und Aldeguer in der Saison 2025 fuhren, ausgewogener war als Di Giannantonios GP25, auch wenn das im Vorhinein niemand erwartet hätte.
Um Aldeguers nächsten Schritt zu verstehen, ist ein Blick in seinen Vertrag unerlässlich, der ihn direkt an Ducati bindet. Trotz seines Wunsches, 2027 für das Werksteam zu fahren und an der Seite von Marc Marquez anzutreten, nahm er eine Option an, die schon im ursprünglichen Vertrag stand.
Der Vertrag mit Ducati wurde schon vor seinem letzten Moto2-Jahr (2024) unterzeichnet und gilt bis 2028. Eine Gehaltserhöhung des Spaniers war ein weiterer entscheidender Faktor, der ihn dazu bewogen hat, zum ersten Nicht-Italiener zu werden, der für VR46 fährt.
Aldeguer wird damit über die neueste Motorrad-Spezifikation verfügen, dieselbe wie Marc Marquez und Pedro Acosta. Es wird dennoch davon ausgegangen, dass alle Ducati-Modelle 2027, wenn das neue technische Reglement in Kraft tritt, nahezu identisch sein werden.

Erhält Nicolo Bulega doch noch einen MotoGP-Platz bei VR46?
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
Die weitere Entwicklung im Laufe der Saison wird dann den Unterschied zwischen den Werksfahrern und den Satellitenfahrern ausmachen. Deshalb geht Motorsport.com Spanien davon aus, dass Aldeguers Teamkollege das "Standard"-Paket erhalten wird.
Die starke Leistung von Di Giannantonio an den bisherigen drei Rennwochenenden bringt ihn in die Poleposition, um seinen Platz zu behalten, wobei VR46 auch einer Verpflichtung von Nicolo Bulega nicht abgeneigt wäre, der in der Vergangenheit bereits Teil der VR46-Akademie war.
Gresini sondierte Alternativen und hat einen Fahrer für 2027
Aldeguers Wechsel war der Auslöser dafür, dass Gresini die verfügbaren Alternativen bezüglich eines Motorrad-Partners sondierte. Die Möglichkeiten waren jedoch begrenzt. Das Verhältnis zu Aprilia ist ebenso schlecht, wenn nicht schlechter als das zu VR46.
Mit dem Hersteller aus Noale hatte man zwischen 2015 und 2021 zusammengearbeitet. Die Beziehung zerbrach, als Aprilia 2022 als eigenständiger Hersteller antrat und Gresini sich Ducati anschloss.

Sete Gibernau beim Grand Prix von Malaysia in Sepang im Jahr 2003
Foto: JIMIN LAI/AFP via Getty Images
Obwohl man sich mit Honda an einen Tisch gesetzt hat, bleibt unklar, ob eine echte Chance bestand, die Partnerschaft wiederzubeleben, durch die einst Sete Gibernau (2003 und 2004) und Marco Melandri (2005) Vizeweltmeister geworden waren.
Oder ob dies lediglich eine Strategie war, um Ducatis Angebot zu verbessern. Wie auch immer: Die Honda-Option kam nicht zum Tragen, was angesichts der wenig verlockenden Situation bei Yamaha dazu führte, dass eine Fortsetzung mit dem bisherigen Partner als beste Lösung erschien.
Was die Fahrer betrifft: Der erste, der für Gresini fahren wird, ist Daniel Holgado. Der Spanier, der derzeit in der Moto2-Gesamtwertung auf dem dritten Platz liegt, hatte Gespräche mit Yamaha geführt.

Daniel Holgado steigt 2027 von der Moto2 in die MotoGP auf
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
Doch Motorsport.com Spanien zufolge informierte Holgado die Verantwortlichen des Herstellers aus Iwata in den vergangenen Tagen über seine Entscheidung, dass er sich für Gresini entschieden hat. Für den zweiten Platz gibt es mehrere Kandidaten.
Favorit ist Enea Bastianini, der unbedingt zu dem Team zurückkehren möchte, mit dem er seine ersten Siege in der Königsklasse holte (2022). Das Problem für ihn: KTM besitzt eine Vertragsoption für ein weiteres Jahr und müsste ihn freigeben.
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