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Marco Melandri unterstützt eine Kampagne gegen Känguruleder im Motorradsport - Mit einer Tierschutzorganisation fordert er die MotoGP zum Umdenken auf

MotoGP-Debatte um Rennleder: Ex-Pilot wirbt für tierfreie Alternativen

Marco Melandri (links) an der Seite von Simone Pavesi von LAV

Foto: LAV LAV

Die Diskussion um Nachhaltigkeit und Tierschutz wird auch im Motorradrennsport immer lauter. So unterstützt Ex-MotoGP-Pilot und 250er-Weltmeister Marco Melandri eine Kampagne der italienischen Tierschutzorganisation LAV, die den Einsatz von Känguruleder in Rennanzügen beenden möchte.

Unter dem Motto "Ride Smart. Go K-Free!" fordert die Organisation Hersteller, Teams, Verbände und Fahrer dazu auf, auf tierfreie Alternativen umzusteigen. In Mugello machte LAV jüngst mit einer groß angelegten Aktion auf das Thema aufmerksam.

Känguruleder gilt seit Jahrzehnten als bevorzugtes Material im professionellen Motorradrennsport. Der Grund: Es verbindet geringes Gewicht mit hoher Abrieb- und Reißfestigkeit. Viele der modernsten Rennanzüge in der MotoGP, Moto2, Moto3 sowie in der Superbike-WM basieren deshalb zumindest teilweise auf dem Material. Doch genau diese Praxis stellt LAV nun öffentlich infrage.

Melandri, der zwischen 1997 und 2020 auf höchstem Niveau im Grand-Prix- und Superbike-Sport aktiv war, räumt ein, sich während seiner Karriere kaum Gedanken über die Herkunft des Materials gemacht zu haben: "Ich habe diese Anzüge jahrelang getragen, ohne mich jemals zu fragen, woraus sie eigentlich bestehen."

"Heute weiß ich es, und ich möchte, dass auch die anderen Fahrer und die Fans davon erfahren", erklärt der Italiener in einem Interview für die Kampagne von LAV.

Nach Angaben der Tierschutzorganisation verwenden noch immer 89 Prozent der Fahrer in der Motorrad-WM und der Superbike-WM Rennanzüge mit Känguruleder-Anteilen.

Überwältigende Mehrheit setzt weiterhin auf Tierleder

Die Organisation untersuchte dafür die Ausrüstung aller 102 Fahrer der Saison 2026 und analysierte Marken sowie Materialzusammensetzungen der eingesetzten Kombis. Das Ergebnis: Die Mehrheit des Feldes setzt weiterhin auf Leder tierischen Ursprungs.

Besonders verbreitet ist laut der Untersuchung Alpinestars. Der Hersteller stattet demnach 51 Fahrer aus, deren "Racing Absolute V2" aus Känguru- und Rindsleder gefertigt wird. Auf Platz zwei folgt Dainese mit 15 Piloten. Dessen Modelle "Mugello RR D-air" und "Demone GP" bestehen laut LAV vollständig aus Känguruleder.

Als einzige komplett tierfreie Alternative im aktuellen Feld nennt die Organisation den "Virus Power MultiProtective"-Anzug, der in der Superbike-WM von Alberto Surra getragen wird - ein Beleg dafür, dass leistungsfähige Alternativen bereits existieren.

Simone Pavesi, Leiter des Bereichs Animal-Free Fashion bei LAV, sieht deshalb die gesamte Branche in der Verantwortung: "89 Prozent der Fahrer nutzen noch immer Anzüge mit Einsätzen aus Känguruleder. Diese Zahl stellt die gesamte Produktionskette infrage, von den Herstellern technischer Bekleidung über die Teams bis hin zu den Motorradherstellern. Niemand sollte sich davon ausgenommen fühlen."

Im Zentrum der Kritik steht die kommerzielle Jagd auf Kängurus in Australien. Dort werden mehrere Arten im Rahmen staatlich genehmigter Programme bejagt.

Nach von LAV ausgewerteten offiziellen Daten liegt die Abschussquote für das laufende Jahr bei mehr als 4,4 Millionen Tieren. Hinzu kommen weitere Abschüsse im Rahmen nicht-kommerzieller Lizenzen sowie Jungtiere, die nach Angaben der Organisation als indirekte Opfer der Jagd ebenfalls zu Tode kommen.

Insgesamt könnten rund fünf Millionen Kängurus betroffen sein. Zwischen 2000 und 2018 seien bereits mehr als 44 Millionen Tiere für die kommerzielle Nutzung getötet worden.

Technologischer Fortschritt auch bei Rennanzügen

Melandri hält die technische Argumentation zugunsten von Känguruleder inzwischen für überholt. "Mit der Technologie, die wir heute haben, kann ich mir nicht vorstellen, dass es keine sichere, komfortable und innovative Alternative gibt", sagt er.

Der Italiener zieht dabei den Vergleich zu den Airbag-Systemen, die zunächst skeptisch beäugt wurden, inzwischen aber unverzichtbar sind. "Manchmal hält man zu sehr an Traditionen fest und hat Angst vor Veränderung. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis ein großer Hersteller einen anderen Weg einschlägt."

Gleichzeitig betont Melandri, dass die Materialfrage häufig überschätzt werde: "Das Material eines Anzugs ist wichtig, aber weniger wichtig, als viele glauben."

Stattdessen sieht er den technologischen Fortschritt bei modernen Verbund- und Synthetikmaterialien als Chance, Sicherheit und Tierschutz miteinander zu verbinden.

Interessant ist, dass die Regularien einer Umstellung längst nicht mehr im Weg stehen. Die aktuellen FIM-Regeln für MotoGP, Moto2 und Moto3 schreiben nicht ausdrücklich Leder vor.

Vielmehr dürfen Rennanzüge aus "Leder oder einem gleichwertigen Material" bestehen, sofern sie die vorgeschriebenen Werte bei Abrieb-, Reiß- und Nahtfestigkeit erfüllen. Nach Auffassung von LAV existiert somit kein technisches oder regulatorisches Hindernis für einen Wechsel zu synthetischen Materialien.

Die Entscheidung liegt demnach bei Herstellern und Teams, und genau dort setzt die Kampagne an. LAV fordert von Marken wie Alpinestars und Dainese einen schlüssigen Umstiegsplan auf vollständig tierfreie Materialien bis spätestens zur Saison 2027.

Teams und Hersteller sollen Nachhaltigkeitskriterien in ihre Beschaffungspolitik aufnehmen, während FIM und Dorna den Wandel aktiv kommunizieren und fördern sollen. Auch die Fahrer selbst werden aufgefordert, tierfreie Alternativen zu testen und ihre Entscheidung öffentlich sichtbar zu machen.

Mit einem vier Meter hohen aufblasbaren Känguru und Infoständen hat die Kampagne in Mugello bereits für Aufmerksamkeit gesorgt. Im weiteren Saisonverlauf soll sie beim Grand Prix von San Marino sowie am World Kangaroo Day auf Phillip Island fortgesetzt werden. Die Debatte darüber, welche Materialien die Zukunft des Motorradrennsports prägen werden, dürfte damit erst am Anfang stehen.

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