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MotoGP-Paddock Inside Barcelona: Danke an alle Schutzengel!

Ein MotoGP-Rennen, das mit schweren Unfällen unter die Haut geht - Kolumnist Gerald Dirnbeck zieht ein nachdenkliches Fazit aus Barcelona

MotoGP-Paddock Inside Barcelona: Danke an alle Schutzengel!

Alex Marquez und die anderen Fahrer hatten bei dem Unfall sehr viel Glück

Foto: Getty Getty

Liebe MotoGP-Fans,

beim Rennen in Barcelona hatten alle Schutzengel ihre Hand über die Fahrer gehalten. Dass die Unfälle von Alex Marquez und Johann Zarco relativ glimpflich ausgegangen sind, war pures Glück. Wir müssen uns aber darüber im Klaren sein, dass der Tag kommen wird, an dem es auch anders ausgehen kann.

Technische Defekte können bei Prototypen immer auftreten. Ganz ausschließen lässt sich das nie. Allerdings muss man festhalten, dass die Zuverlässigkeit der Motorräder aller Marken grundsätzlich sehr hoch ist.

Trotzdem haben sich bei KTM an diesem Wochenende die technischen Probleme gehäuft. Maverick Vinales hatte im Sprint ein Problem mit der Hinterradbremse. Öl tropfte auf seinen Schuh, weshalb er aufgeben musste.

Brad Binder musste am Ende der Aufwärmrunde wegen eines Kupplungsproblems in die Boxengasse fahren und auf das zweite Motorrad wechseln. Kurz darauf rollte Enea Bastianini aus. Er hatte ein Motorproblem.

Und schließlich hatte Pedro Acosta keinen Vortrieb mehr. Plötzlich ging das Motorrad aus, der Gasgriff reagierte nicht mehr. Das löste leider diesen schweren Auffahrunfall von Alex Marquez aus.

Acostas Problem wurde von der Elektronik ausgelöst. Während der Unterbrechung meinte KTM-Teamchef Aki Ajo, dass, soweit man zu diesem Zeitpunkt wusste, die Probleme nicht miteinander zusammenhingen.

War es dennoch in Ordnung, dass drei der vier KTM-Fahrer beim Neustart wieder fahren durften? MotoGP-Technikdirektor Danny Aldridge von der FIM war sofort in der KTM-Box, um sich zu erkundigen und sich ein Bild der Lage zu machen.

Wir wissen nicht, was ihm die KTM-Techniker mitgeteilt haben. Aber Aldridge kam offensichtlich zu dem Schluss, dass sie weiterfahren können. Er ist die kompetente und zuständige Person dafür. Also respektiere ich seine Entscheidung.

Fahrer und Mechaniker ständig unter Druck

Startunfälle sind Teil des Motorsports, denn der Start ist neben dem Qualifying eine der kritischsten Phasen eines Rennwochenendes. Dazu möchte ich zwei Aspekte zur Sprache bringen.

Erstens den Kalender und das Wochenendformat. Ich war von Beginn an kein Fan der Sprints, weil 44 Rennen pro Jahr schlicht zu viele sind. Ein Rennen muss etwas Besonderes sein und darf nicht inflationär werden.

Die Fahrer werden extrem belastet. Im Prinzip gibt es ein Qualifying am Freitag, ein Qualifying am Samstag und für jene zwei, die es ins Q2 schaffen, gleich zwei Qualifyings. Und schließlich gibt es zwei Rennen.

Pedro Acosta, Joan Mir

Die Druck auf die Fahrer, die Ingenieure und Mechaniker ist enorm

Foto: AFP

Im Qualifying müssen die Fahrer ans absolute Limit gehen, dazu kommen zwei Starts. Früher gab es bei 18 Rennwochenenden ein Qualifying und einen Rennstart. Jetzt ist das Risiko bei 22 Rennwochenenden um ein Vielfaches höher.

Das ist nicht gesund. Auch für die Mechaniker ist es eine Riesenbelastung. Acosta meinte jüngst, dass dieses Format, der Druck und die Verletzungen kaum noch lange Karrieren über viele Jahre in der Königsklasse ermöglichen werden.

Ich finde, man hat mit dem aktuellen Format das Limit überschritten. Man darf nicht den Show-Charakter vor die Gesundheit der Fahrer stellen. Aber ob es bei Liberty Media ein Umdenken geben wird, wage ich zu bezweifeln.

Starts könnten 2027 etwas entschärft sein

Der Start in Barcelona ist besonders heikel, weil die Motorräder schon mit sehr hohem Tempo in der ersten Kurve ankommen und die Rechts-Links-Kombination relativ eng ist.

Mit dem vorderen Holeshot-System, dem hinteren Ride-Height-System, der Elektronik und den Kupplungseinstellungen gelingen praktisch meistens perfekte Starts. Dazu kommen die Luftverwirbelungen durch die Aerodynamik.

Johann Zarco, Luca Marini, Francesco Bagnaia

Im Hintergrund stürzt Johann Zarco beim Neustart

Foto: Getty Images Europe

Wenn am Freitag nach dem Vormittagstraining Starts geübt werden, sieht man, wie oft sie schiefgehen. Am Sonntag klappen sie dann perfekt, weil die Ingenieure das Motorrad für die jeweiligen Gripverhältnisse optimal einstellen.

Wenn dann alle beim Start praktisch am gleichen Punkt zur ersten Kurve kommen, wird es eng und es kann etwas passieren. Das könnte sich glücklicherweise im kommenden Jahr mit dem neuen technischen Reglement etwas ändern.

Dann sollte wieder mehr der Fahrer starten und weniger das Motorrad. Durch das Verbot der Ride-Height-Systeme werden die Motorräder etwas langsamer zur ersten Kurve kommen. Ob die Luftverwirbelungen geringer werden, bleibt abzuwarten.

War der letzte Neustart richtig?

Nach dem Startunfall von Zarco stellte sich die Frage, ob man das Rennen überhaupt noch einmal starten oder ob man es für diesen Tag gut sein lassen sollte. Das ist ein schwieriges Thema und dazu wird jeder seine Meinung haben.

Grundsätzlich fand ich es in Ordnung, dass man das Rennen noch einmal gestartet hat. Es gab keine Sicherheitsprobleme mit der Strecke. Aus Sicht der Rennleitung gab es also kein Problem, das gegen einen Neustart sprach.

Denn wenn man gesagt hätte, man lässt es für diesen Tag gut sein, wie würde man dann künftig entscheiden? Müsste man dann nach jedem schweren Unfall, der nicht tödlich ausgeht, Rennen absagen?

Deswegen ging für mich der Neustart in Ordnung. Ich weiß, das ist vielleicht eine Old-School-Sicht und mir ist bewusst, dass sich die Gesellschaft und die moralische Sicht auf solche Dinge verändern. Aber die Gefahr ist Teil des Motorsports und wird sie leider auch immer bleiben.

Euer

Gerald Dirnbeck

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