MotoGP-Paddock Inside: Darum ist Aprilia in Silverstone so stark
Aprilia bestimmt das Training in Silverstone - Die schnellen Kurven spielen die Stärken der RS-GP aus - Ducati verliert vor allem in den flüssigen Sektoren
Marco Bezzecchi macht sich für die Renndistanz Sorgen
Foto: AFP
Liebe MotoGP-Fans,
das Streckenlayout von Silverstone mit vielen schnellen Kurven passt optimal zur Charakteristik der Aprilia RS-GP. Für das Duell zwischen Aprilia und Ducati war bereits im Vorfeld klar, dass das Pendel auf dieser Strecke zu Aprilia umschlagen würde.
Die Zeitenjagd, die wir am Ende im Training gesehen haben, war dennoch extrem beeindruckend. Der Rundenrekord aus dem Vorjahr lag bei 1:57.233 Minuten. Marco Bezzecchi hat diese Marke mit 1:56.280 Minuten um fast eine Sekunde unterboten.
Aprilia ist vor allem im ersten und im dritten Sektor bestimmend, wo es flüssige Kurvenkombinationen gibt. Von den Ducati-Fahrern konnte im ersten Sektor nur Fabio Di Giannantonio mit Bezzecchi und Raul Fernandez mithalten.
Marc Marquez verlor dort schon zwei Zehntelsekunden. Im zweiten Sektor, der sich von Aintree über Luffield und Woodcote zieht, ist es ausgeglichener, denn Alex Marquez und Di Giannantonio fuhren auf Augenhöhe mit Bezzecchi.
Der dritte Sektor mit Copse und dem Eingang zu Maggotts und Becketts gehört Aprilia. Bei den besten Sektorzeiten liegen alle vier Aprilia vorn. "Diggia" konnte noch halbwegs mithalten, aber die Marquez-Brüder verloren zwei Zehntelsekunden.
Im vierten Sektor war zwar auch Bezzecchi der Schnellste, aber die Ducati-Fahrer waren wieder näher dran, denn mit der Vale-Schikane und der Zielkurve Club sind spätes Bremsen und harte Beschleunigung gefragt.
Interessant ist zudem, dass alle vier Aprilia-Fahrer bessere Topspeed-Werte als die Ducati-Fahrer hatten. Zusammengefasst können wir sagen, dass die Aprilia in den schnellen Abschnitten den entscheidenden Unterschied ausmacht.
Marc Marquez sagt: "Natürlich haben die Motorräder Stärken und Schwächen. Wir haben in dieser Saison bereits verstanden, dass Aprilia in flüssigen Kurven schneller ist als wir. In Stop-and-Go-Kurven sind wir schneller als sie."
Bezzecchi spricht nach seiner Bestzeit von einem "fantastischen" Tag: "Es war eine große Genugtuung, diese Rundenzeit zu erzielen, auch wenn es Freitag ist und das noch nichts bedeutet."
Große Sorgen macht er sich über die beiden Rennen, denn schon nach dem Trainingstag war er müde: "Wenn ich vier oder fünf Runden am Stück fahren muss, fange ich an zu leiden."
Das operierte linke Schlüsselbein ist ein Thema, die Verletzung am linken Knie ist jedoch ein größeres. Beide Verletzungen hat er sich beim Sturz am Sachsenring zugezogen.
Es bleibt also abzuwarten, wie gut Bezzecchi die Rennen körperlich durchhält. Er hat übrigens eine Geldstrafe von 1.000 Euro erhalten, weil er im ersten Training einen Übungsstart nicht korrekt durchgeführt hat.
Mit Raul Fernandez, Ai Ogura und Jorge Martin hat Aprilia aber drei weitere potenzielle Sieganwärter im Feld. Auch bezüglich der Rennpace sahen die Aprilia-Fahrer etwas stärker als die Ducati-Fahrer aus.
Di Giannantonio konnte mit gebrauchten Reifen die Pace über mehrere Runden mitgehen. Marc Marquez hatte größere Mühe, einen konstanten Rhythmus aufzubauen. Silverstone zählt auch nicht zu seinen stärksten Strecken.
Ist es für ihn ähnlich wie in Assen? "Ein bisschen mehr Potenzial als in Assen, glaube ich, aber eine ähnliche Position. Trotzdem bin ich ein wenig optimistischer als in Assen", antwortet Marc Marquez auf diese Frage.

Der rechte Arm schränkt Marc Marquez auf in Silverstone ein
Foto: AFP
Er zieht zudem einen aufschlussreichen Vergleich mit dem Vorjahr: "Ich hatte hier letztes Jahr an den gleichen Stellen zu kämpfen wie dieses Jahr, aber ich konnte das damals mit den Richtungswechseln wieder wettmachen."
"In diesem Jahr nicht. Dieses Jahr habe ich an den gleichen Punkten zu kämpfen, aber an den Stellen, an denen ich letztes Jahr stark war, bin ich ein bisschen langsamer, und wir kennen den Grund dafür."
Damit meint er natürlich seine rechte Schulter. Insgesamt haben Di Giannantonio und Alex Marquez einen etwas stärkeren Eindruck als Marc Marquez gemacht. Sie sind wohl die ersten Aprilia-Herausforderer.
Joan Mir Achter: Guter Grip kaschiert Honda-Schwächen
Mit Platz acht hat Joan Mir für ein Ausrufezeichen gesorgt. Die Platzierung ist gut, auch wenn acht Zehntelsekunden Rückstand natürlich viel sind. Die meiste Zeit hat Mir im letzten Sektor verloren.
Ein Faktor war der gute Grip des Asphalts, dazu war auch die Asphalttemperatur von 46 Grad Celsius in einem guten Bereich. Das ermöglichte einerseits die Rekordrunden an der Spitze, half aber auch Mir.
Er glaubt nämlich, dass der gute Grip der Strecke einige Probleme der Honda verschleiert. Weiter nach vorn wird es laut Mir aber nicht gehen, denn Aprilia und Ducati sind auch auf dieser Strecke für Honda außer Reichweite.

Joan Mir holte alles aus der Honda heraus
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Teamkollege Luca Marini, der Zwölfter wurde, erklärt die Situation von Honda wie immer sehr gut: "Bei der Einfahrt in schnelle Kurven fehlt uns das Einlenkverhalten der Frontpartie des Motorrads. Ich würde gerne schneller in die Kurve einfahren."
"Im Moment denke ich, dass genau das fehlt. Also selbst beim harten Bremsen, aber auch beim leichten Bremsen, wenn man mit viel Speed zum Kurveneingang kommt: Der Frontpartie des Motorrads fehlt das Turning."
"Das Motorrad hat sich verbessert, unsere Rundenzeit ist schneller als im vergangenen Jahr, aber es reicht nicht. Der Schlüssel ist mit Sicherheit, weiter an der Aerodynamik zu arbeiten", meint Marini.
"Auf dieser Strecke arbeitet die Aero am effizientesten. Als Fahrer spürt man, dass das Motorrad gut funktioniert, wenn die Aero richtig genutzt wird." Ein Top-10-Ergebnis müsste für Honda möglich sein.
Jack Miller zeigt eine Fabelrunde
Die für mich größte Überraschung ist der neunte Platz von Jack Miller. Bei der Topspeed-Messung sind die Yamaha-Fahrer wenig überraschend ganz hinten. Es fehlen rund zehn km/h auf die Bestwerte.
Dass Miller trotzdem nur eine Sekunde Rückstand hatte, ist für die neue V4-Yamaha ein bemerkenswertes Ergebnis. Die zweitbeste Yamaha war mit Fabio Quartararo nur auf Platz 17 zu finden.
"Das Motorrad fühlt sich beim Bremsen und in den schnellen Richtungswechseln gut an", sagt Miller, "aber wir müssen den Grip hinten noch verbessern, vor allem, wenn wir mehr Kurvenspeed mitnehmen und die Reifenflanke maximal ausnutzen wollen."

Jack Miller solgte mit dem direkten Q2-Einzug für eine Überraschung
Foto: Getty Images Europe
Da ist Miller wirklich eine Fabelrunde gelungen, denn er hat Quartararo sechs Zehntelsekunden abgenommen. Der Ex-Weltmeister, der im Vorjahr in Silverstone fast gewonnen hätte, konnte am Trainingstag überhaupt nicht richtig fahren.
"Ich konnte keine Schräglage fahren, ich war nicht in der Lage, Kurvenspeed aufzubauen, dabei ist das auf dieser Strecke genau das, was man braucht: Trailbraking und Kurvenspeed, und ich war super langsam", so Quartararo.
Wo hat Miller also im Vergleich zu den anderen Yamaha-Fahrern die Zeit herausgeholt? Im ersten und im vierten Sektor war er der fünftschnellste Fahrer. Das heißt, er hat auf der Bremse die Zeit gutgemacht.
Die große Yamaha-Schwäche offenbart sich im dritten Sektor mit flüssigen Richtungswechseln. Die Beschleunigung ist dort auch wichtig. In diesem Abschnitt ist Miller nur 19.
Dieser Sektor legt die Defizite der M1 schonungslos offen. Überspitzt könnte man formulieren, dass die Yamaha derzeit nicht über Flow, sondern mit Gewalt (Millers Bremsstil) auf anständige Zeiten gebracht werden kann.
Zwei Stürze von Pedro Acosta
Mit Pedro Acosta auf Platz zehn hat es ein KTM-Fahrer direkt ins Q2 geschafft, wobei Enea Bastianini als Elfter nur um zwei Zehntelsekunden langsamer war. Acosta ist am Vormittag in Stowe gestürzt und am Nachmittag in The Loop.
Als Grund für den zweiten Sturz nannte er Chattering, das ihn überrascht hat. Bemerkenswerterweise ist er nach diesem Sturz weitergefahren und hat noch seine persönliche Bestzeit aufgestellt.
"Nun, nach allem, was wir wissen, war klar, dass diese Strecke für meinen Fahrstil und auch für das Motorrad schwierig werden würde", sagt Acosta. Er glaubt, dass es noch Luft nach oben gibt. Für einen Angriff auf das Podium wird es aber wohl nicht reichen.
Euer
Gerald Dirnbeck
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