MotoGP-Paddock Inside: Kurvenspeed der 850er ein Sicherheitsproblem?
Die künftigen 850er-Prototypen fahren wie Moto2-Bikes mit mehr Power - Enormer Kurvenspeed kompensiert den Verlust auf der Geraden - Steigt das Sicherheitsrisiko?
Ein früher 850er-Prototyp der Aprilia aus dem Frühling in Jerez
Foto: Aprilia Aprilia
Liebe MotoGP-Fans,
seit dem Montagstest in Spielberg wird viel über die Rundenzeiten der neuen 850er-Motorräder im Vergleich zu den noch aktuellen Bikes diskutiert, wobei man Testzeiten immer mit Vorsicht genießen muss.
Nach einem Rennwochenende hat eine Strecke in der Regel extrem guten Grip. Das kann schon bei einem normalen Montagstest mit aktuellen Motorrädern die Erkenntnisse der Arbeit beeinträchtigen.
Aus diesem Grund war in den vergangenen Jahren oft von Fahrern und Teams zu hören, dass diese Montagstests kaum aussagekräftig sind, weil die Gripverhältnisse nicht die normalen Rennbedingungen widerspiegeln.
Wenn jetzt, wie zuletzt in Spielberg, komplett neue Prototypen mit einem neuen Reifenhersteller testen, wird die Sache natürlich noch schwieriger einzuschätzen. Es ist auch nicht bekannt, welche Arbeitsprogramme die Teams durchgeführt haben.
Die neuen 850er-Motorräder mit den Pirelli-Reifen sind auf alle Fälle nicht langsam. Ein Fahrer, der in Spielberg getestet hat, beschrieb sie als ein Moto2-Bike mit einem richtig guten Motor.
Auf Strecken, die eine lange Gerade haben, sollte die Höchstgeschwindigkeit etwas zurückgehen. Das Verbot des Ride-Height-Systems und die Reduzierung des Hubraums sollten dafür sorgen.
Allerdings wird die Breite der Frontflügel von 600 Millimetern auf 550 Millimeter reduziert, zudem werden die Flügel um 50 Millimeter zurückversetzt. Das senkt natürlich bei den neuen Motorrädern den Luftwiderstand etwas.
Gleichzeitig werden die Motorräder um vier Kilogramm leichter. Das vorgeschriebene Mindestgewicht beträgt künftig 153 Kilogramm. Geringerer Luftwiderstand und geringeres Gewicht helfen natürlich beim Topspeed.
Um wie viel die Motorräder auf den langen Geraden tatsächlich langsamer sein werden, werden wir, glaube ich, im Frühling bei den Rennen in Katar und Austin erst richtig bewerten können.
Die neuen Bikes sind auf Kurvenspeed ausgelegt
Dass die Rundenzeiten dennoch je nach Strecke nicht weit hinter den 1.000er-Motorrädern zurückliegen, zeigt der Trend zu mehr Kurvenspeed. Auf einer kleinen Strecke wie Jerez sind die 850er vielleicht gleich schnell, oder sogar schneller.
Beim zurückliegenden Rennwochenende in Misano, also noch vor dem Test in Spielberg, habe ich mich mit KTM-Technikdirektor Sebastian Risse über diesen Aspekt der neuen 850er-Prototypen unterhalten.
Und er hat klar bestätigt: "Das Paket ist sicherlich am Ende mehr auf Kurvenspeed ausgelegt, allein schon konzeptionell, weil man die Rundenzeit eben nicht mehr so sehr auf der Geraden holen kann wie bisher."

Im Vergleich zum aktuellen Motorrad (auf dem Bild) wird sich das Fahren verändern
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
"Und deshalb müssen die Geraden nicht mehr so extrem verlängert und im V-Stil gefahren werden." Dennoch hat er mir erklärt, dass man bei den neuen Motorrädern grundsätzlich mehrere Aspekte betrachten muss.
"Was kommt jetzt aufgrund der Reifen, was kommt aufgrund der anderen Rahmenbedingungen aus dem Reglement und was kommt auch aus dem Learning vom aktuellen Bike", so Risse weiter.
"Und ich glaube, aus all den drei Bereichen ist da was dazugekommen. Die Reifen sind sehr gut, um Kurvenspeed mitzunehmen. Es war schon in den letzten Jahren in der Bikeentwicklung klar unser Ziel, mehr Kurvenspeed mitzunehmen."
Der Unterschied zur damaligen 800er-Ära
Schon die Motorräder der 800er-Ära von 2007 bis Ende 2011 ermöglichten im Vergleich zu den 990ern zuvor hohen Kurvenspeed. Das 850er-Motorenreglement unterscheidet sich in einem Aspekt von damals.
Bei den 800er-Motoren gab es kein festgelegtes Bohrung-Hub-Verhältnis. Das wurde erst mit den 1.000er-Motoren ab 2012 eingeführt. Bei den 850er-Motoren wird der maximale Zylinderbohrungsdurchmesser verringert.
Aktuell sind bei den 1.000er-Motoren noch maximal 81 Millimeter vorgeschrieben, bei den 850ern sind es maximal 75 Millimeter. Das bedeutet, dass der Hub der Motoren nahezu unverändert bleibt und auch die Drehzahl in etwa gleich bleibt.

Von 2007 bis Ende 2011 wurde mit 800er-Motoren gefahren
Foto: Andrew Northcott/Sutton Images
Ein wesentlicher Unterschied im Vergleich zur alten 800er-Ära ist die Entwicklung der Aerodynamik. Die Seitenverkleidung ist elementar geworden, um das Turning zu verbessern und schneller um die Kurve zu kommen.
Der Kurvenspeed der aktuellen Aprilia RS-GP demonstriert das eindrucksvoll. Weil die Seitenverkleidung so wichtig geworden ist, war das ein wesentlicher Aspekt, warum Yamaha das Konzept des Reihenvierzylinders aufgeben musste.
Der V4-Motor ist schmaler. Damit bleibt bei der Seitenverkleidung mehr Platz für die Aerodynamik. Außerdem ändert sich mit dem V4 die Gewichtsverteilung des Motorrads, wodurch Yamaha nun auch den Hinterreifen zum Bremsen verwenden kann.
Wird der höhere Kurvenspeed zum Sicherheitsrisiko?
Der Kurvenspeed der neuen Motorräder steigt also, und ich stelle mir die Frage, ob das ein Sicherheitsrisiko sein kann. Auf manchen Strecken sind die Sturzräume schon jetzt knapp bemessen und eigentlich zu klein.
Ich habe da zum Beispiel Marco Bezzecchis Rennsturz in Assen im Kopf. Was wäre passiert, wenn er in dieser Kurve einige km/h schneller gewesen wäre? Der Sturz war schon so brutal genug.
Es ist schon klar, dass die meisten Stürze in der Bremsphase und am Kurveneingang passieren, also bei etwas niedriger Geschwindigkeit und vermutlich ähnlich wie heute, und nicht am Scheitelpunkt.
Dennoch wird den Fahrern immer mehr abverlangt. Es wird 2027 ein zweites Qualifying für den Sprint geben. Wie die Details dazu aussehen, wurde noch nicht bekannt gegeben.
Es ist auch noch nicht bekannt, ob Pirelli weiche Qualifying-Reifen liefern wird. Aber stellen wir uns das theoretisch vor: Qualifying-Reifen (sollten sie kommen), höherer Kurvenspeed, zwei Qualifyings, Sprint und Grand Prix.
Das Verletzungsrisiko für die Fahrer wird wohl bei den 22 Rennwochenenden erneut steigen. Wenn Liberty Media die MotoGP in Zukunft besser vermarkten und neue Fans für den Sport begeistern möchte, dann sind häufige Meldungen über verletzte Fahrer kein guter Trend.
Euer
Gerald Dirnbeck
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