MotoGP-Paddock Inside: Marquez sieht sich trotz Bestzeit nicht als Favorit
Warum Marc Marquez trotz Bestzeit einen anderen Ducati-Fahrer für schneller hält - Die Hintergründe zu den wichtigsten Themen des Trainings auf dem Sachsenring
Laut Marc Marquez ist Fabio Di Giannantonio bei der Rennpace schneller
Foto: AFP
Liebe MotoGP-Fans,
das Freitagstraining auf dem Sachsenring endete so, wie viele erwartet haben: mit Marc Marquez an der Spitze. Der "King of the Ring" war um 0,166 Sekunden schneller als Raul Fernandez mit der Aprilia, aber noch viel entscheidender waren seine knapp drei Zehntelsekunden Vorsprung auf Fabio Di Giannantonio auf Platz drei (zum Ergebnis).
Mit Blick auf das Ergebnis möchte man meinen, dass die Verhältnisse klar sind. Aber Marquez sagt nach dem Training: "Heute war derjenige, der mehr Pace hatte, Di Giannantonio."
Auch auf mich machte "Diggia" den ganzen Freitag über einen sehr starken Eindruck. Deshalb habe ich ihn gefragt, ob er nach diesem Trainingstag das Gefühl hat, dass er mit Marc Marquez um den Sieg kämpfen kann.
Seine Antwort hat mich verblüfft. "Die Sache ist nicht, gegen Marc zu kämpfen. Die Sache ist, mich selbst zu verbessern und zu versuchen, die maximale Leistung zu bringen", sagt Di Giannantonio. "Marc ist hier immer einen Schritt voraus."
Marc Marquez wurde natürlich mit "Diggias" Aussagen konfrontiert, dass er ihn weiterhin als den großen Favoriten sieht. "Ja, er mag den Druck nicht, wisst ihr", meint Marc Marquez dazu, dass Di Giannantonio die Favoritenrolle von sich schiebt.
"Es ist immer so am Sachsenring", so der Ducati-Werksfahrer weiter. "Wenn ich gewinne, ist das die normale Sache. Wenn ich verliere, und verlieren heißt ein zweiter oder dritter Platz, dann wäre das für mich in Ordnung."
"Das bedeutet, dass es dann News sind. Also, schauen wir mal. Aber im Moment bin ich bei der Rennpace nicht der Schnellste", betont Marc Marquez, "auf der einzelnen schnellen Runde schon, aber bei der Pace muss ich noch einige Dinge verbessern."
Da wir alle wissen, dass er im Rennen immer noch einen Trumpf im Ärmel hat, rechne ich derzeit mit einem engen Duell zwischen Marc Marquez und Di Giannantonio.
Knapp dahinter würde ich bereits Alex Marquez einschätzen. Körperlich ist der Sachsenring nicht so eine starke Belastung wie zuletzt Assen, was es für den Gresini-Fahrer etwas einfacher macht.
Aber die Frage ist, wie es Alex Marquez am Sonntag bei prognostizierten bis zu 30 Grad Celsius gehen wird. Im Training waren einige Runden am Limit kein Problem, aber die lange Distanz ist für ihn selbst ein Fragezeichen.
Aprilia sieht sich hinter Ducati
Obwohl Raul Fernandez im Qualifying-Versuch die zweitschnellste Zeit fuhr, ist die Aprilia RS-GP am Sachsenring nicht ganz so stark wie zuletzt in Assen, weil hier die Kurvengeschwindigkeiten etwas niedriger sind.
Deshalb kann Aprilia nicht die eigene Stärke ausspielen. Raul Fernandez arbeitete vor allem an der Elektronik. Er hat das Gefühl, dass er für vier, fünf Runden die Pace von Marc Marquez mitgehen kann, dann spürt er aber beim Reifen den Einbruch.

Jorge Martin fehlt in den Linkskurven der Speed
Foto: Alexander Trienitz
Jorge Martin verlor die Zeit hauptsächlich in den Linkskurven 7, 8 und 9: "Wir müssen den Kurvenspeed verbessern. Im Moment spüre ich keinen Grip am Hinterrad, und die Front bewegt sich am Scheitelpunkt stark."
"Also habe ich im Moment keinen starken Punkt", seufzt der WM-Führende. Marco Bezzecchi fuhr zwar gute Runden, ihm fehlte aber die Konstanz. Die Qualifying-Versuche waren nach seinem schweren Assen-Sturz körperlich anstrengend.
Miller sensationell Fünfter
Die große Überraschung des Tages war die fünftschnellste Zeit von Jack Miller. Zweitbester Yamaha-Fahrer war Fabio Quartararo auf Platz 15, der um vier Zehntelsekunden langsamer als sein Markenkollege war.
Millers Performance sorgt auch bei Quartararo für Staunen: "Ehrlich gesagt war die 20.2, die ich gefahren bin, für mich eine wirklich schnelle Runde, aber trotzdem vier Zehntel hinter Jack. Also, ich bin wirklich erstaunt von seiner Runde."
Der Australier fuhr diese Runde hinter zwei KTM-Fahrern. Das half ihm als Referenz etwas, aber dennoch muss man erst so eine Zeit fahren können. "Am Freitag wieder dabei zu sein, ist eine Sache", sagt Miller.

Jack Miller holte alles aus der neuen Yamaha heraus
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"Ich glaube, ich bin einer der Besten im Feld, ich meine, wie wir alle. Man glaubt nicht, dass man es nicht ist, aber man weiß, was man hat, welche Werkzeuge man in der Tasche hat, sagen wir mal."
"Uns fehlen mindestens 15 bis 20 PS im Vergleich zu den anderen", nennt er konkrete Zahlen zum Leistungsmanko des neuen Yamaha-V4-Motors. Aber Spitzenleistung ist auf dem Sachsenring nicht notwendig.
"Man spielt hier die ganze Runde über nur mit dem Gas." Yamaha fand auch mehr Grip als mit dem alten Motorrad. Da Überholen auf dem Sachsenring schwierig ist, wird Miller in den Rennen bestimmt wie ein Löwe um ein Top-10-Ergebnis kämpfen.
Warum Bagnaia an den Top 10 scheiterte
Während Miller der Held des Tages ist, ist Francesco Bagnaia mit Platz 13 einer der Verlierer des Tages. Er büßte im Qualifying-Versuch sieben Zehntelsekunden auf seinen Teamkollegen Marc Marquez ein.

Francesco Bagnaia hat keinen Grip am Hinterrad
Foto: Alexander Trienitz
Was war bei der #63 los? "Was passiert ist, ist, dass mein Problem seit Beginn der Saison der Grip am Hinterrad ist. Und diese Strecke, die Sektoren 2 und 3, brauchen viel Unterstützung vom Hinterreifen. Ich habe null, komplett null."
"Ich fühle mich, als wäre ich auf Eis, ich fühle mich, als würde ich Flattrack fahren. Es ist also sehr schwierig, in diesen Sektoren konkurrenzfähig zu sein. Wenn man sich die Daten ansieht, gibt es Ducati-Fahrer mit viel mehr Performance."
Was sich Acosta mit der KTM ausrechnet
Auch im KTM-Lager gab es nicht viele glückliche Gesichter. Nur Pedro Acosta schaffte als Neunter den direkten Q2-Einzug. Enea Bastianini und Brad Binder scheiterten als Elfter und Zwölfter knapp.
Nach Assen hatte sich Acosta einer kleinen Operation beim rechten Handgelenk unterzogen, um Taubheitsgefühle des Karpaltunnelsyndroms zu lindern. Die Narbe behinderte ihn beim Fahren noch etwas.

Pedro Acosta rechnet mit einem Rennen in der Verfolgergruppe
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"Heute habe ich das Gefühl gehabt, dass ich nicht an derselben Stelle wie normal gebremst habe, denn, sagen wir mal, wenn ich den Lenker so einsetze, habe ich ein wenig Schmerzen, weil ich ziemlich anders bremse."
Beim Qualifying-Versuch war es deshalb nicht optimal, aber bei der Rennpace fühlte sich Acosta deutlich besser. Seine Einschätzung für die Rennen lautet: "Wenn wir zwischen fünftem und siebtem Platz abschließen, wäre es ein gutes Wochenende."
Der Sachsenring passt nicht zur Honda
Als einzige Marke brachte Honda keinen einzigen Fahrer in die Top 10. Joan Mir fasst die Situation kurz und knapp zusammen: "Ich hatte Probleme in den langen Kurven mit dem Grip und Turning."
"Wir haben in letzter Zeit von Honda kein Upgrade bekommen, um uns in diesem Bereich zu verbessern. Und wir haben Schwierigkeiten auf dieser Art von Strecke. Das ist ein bisschen die Realität."

Die Honda RC213V passt nicht gut zum Sachsenring
Foto: Alexander Trienitz
Honda versucht, mit dem bestehenden Paket das Optimum herauszuholen. Manche Strecken liegen der RC213V besser, andere weniger. Und der Sachsenring zählt zu den Strecken, wo sie weniger gut passt.
Warum so viele Fahrer im Omega gestürzt sind
Ein weiteres Thema waren am Freitag in allen Klassen zusammengerechnet acht Stürze im Omega. Auch Marc Marquez erwischte es dort am Vormittag. Dort ist neben dem Randstein auf der Ideallinie eine ungünstige Bodenwelle entstanden.
"Im Asphalt ist eine große Unebenheit", bestätigt Luca Marini, der die Sache anschaulich beschreibt: "Ich weiß nicht, was passiert ist, denn das ist wirklich eine merkwürdige Stelle."
Die Fahrer änderten daraufhin ihre Linie durch das Omega und fahren an dieser Stelle etwa einen halben Meter außen an der Unebenheit vorbei und nicht mehr wie früher innen am Randstein entlang.
"Das ist okay, das ist ein Kompromiss, und ich denke, es ist nicht wahnsinnig gefährlich", meint Marini. "Aber sie müssen das für nächstes Jahr in Ordnung bringen. An diesem Wochenende ist es unmöglich, das zu reparieren."
Morbidelli erhält die nächste Gridstrafe
Nach dem Training wurden zwei Fahrer bestraft: Franco Morbidelli und Diogo Moreira. Beide werden in der Startaufstellung am Sonntag um drei Plätze zurückversetzt.
Moreira hat am Ende des Nachmittagstrainings Marini in den Kurven 8 und 9 behindert. Morbidelli behinderte 20 Minuten nach Beginn des einstündigen Trainings Acosta in Kurve 7.
Für Morbidelli ist die Strafe besonders bitter, weil er es als Zehnter ins Q2 geschafft hat. Außerdem stand er mit dieser Strafe schon wieder am Pranger, denn für das gleiche Vergehen hat er schon in Assen die gleiche Strafe erhalten.
Aber diesmal weist Morbidelli ein Fehlverhalten zurück: "Es waren 39 Minuten vor Trainingsende. Ich kam gerade aus der Box, ich habe gepuscht, ich habe meinen Job gemacht."
"Meine 100 Prozent sind langsamer als die von Pedro. Ihr wisst, Pedro ist unglaublich schnell. Aus irgendeinem Grund habe ich ihn behindert. Aber ich kann euch versichern, dass ich zu 100 Prozent gepusht habe."
Das Problem ist die Reifentemperatur, denn wenn man in der Aufwärmrunde vom Gas geht, kann die Temperatur im Vorderreifen schlagartig sinken und in der nächsten Kurve liegt der Fahrer auf der Nase.
Das war es vom Trainingstag am Sachsenring! Jetzt freue ich mich mit euch auf zwei tolle Rennen. Ich gehe davon aus, dass Di Giannantonio ein harter Gegner für Marc Marquez werden könnte.
Euer
Gerald Dirnbeck
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