MotoGP

MotoGP-Titelkampf so eng wie nie: Will niemand der Gejagte sein?

Lediglich 24 Punkte trennen die Top 5 der MotoGP-Gesamtwertung bei Halbzeit der Saison 2026 - Warum es nach Ansicht der Fahrer so eng ist, und wer auf wen setzt

Mario Fritzsche Gerald Dirnbeck

Veröffentlicht: 29.07.2026, 11:50

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MotoGP-Titelkampf so eng wie nie: Will niemand der Gejagte sein?

Vier der Top 5 der Tabelle: Marc Marquez, Fabio Di Giannantonio, Jorge Martin, Ai Ogura

Foto: Mirco Lazzari GP / Getty Images

Der Kampf um den MotoGP-Titel ist in diesem Jahr so eng wie nie zuvor, zumindest wenn man den Stand nach 11 Rennwochenenden heranzieht. Im MotoGP-Kalender 2026 ist der Stand nach 11 Rennwochenenden genau der Halbzeitpunkt der Saison. Die Top 5 der Fahrer-WM liegen derzeit innerhalb von 24 Punkten. So eng war es in der seit 2002 laufenden MotoGP-Ära nach 11 Rennwochenenden noch nie.

Ähnlich eng wie in der aktuellen Saison ging es 2020 zu. Damals waren die Top 5 der WM-Tabelle beim vergleichbaren Zeitpunkt durch 28 Punkte getrennt. 2017 war es mit 35 Punkten Differenz ebenfalls eng. In allen anderen Saisons seit 2002 waren es schon deutlich mehr als 50 Punkte, die der Tabellenfünfte nach 11 Rennwochenenden hinter dem WM-Spitzenreiter zurücklag.

Den diesbezüglich größten Punkteunterschied zwischen den Top 5 gab es in der MotoGP-Ära ausgerechnet im vergangenen Jahr, und zwar mit sage und schreibe 205 Punkten Differenz. Das lag allen voran an der Siegesserie, die Marc Marquez in der ersten Saisonhälfte sowohl in Grands Prix (7 Siege bei 11 Starts) als auch in Sprints (10 Siege bei 11 Starts) hinlegte.

Nur ein Jahr nach Marquez' Durchmarsch sieht die Situation nun komplett anders aus und die Top 5 liegen innerhalb von nur 24 Punkten. Diejenigen vier Piloten, die Tabellenführer Jorge Martin (Aprilia) aktuell direkt folgen, sind Ai Ogura (Trackhouse-Aprilia), Marc Marquez (Ducati), Marco Bezzecchi (Aprilia) und Fabio Di Giannantonio (VR46-Ducati).

Will niemand die WM-Tabelle anführen?

Angesichts der Tatsache, dass die WM-Tabelle in der ersten Saisonhälfte erst von Pedro Acosta (KTM) angeführt wurde, dann von Bezzecchi, dann von Martin, dann wieder von Bezzecchi, und jetzt wieder von Martin, könnte man provokant die Frage stellen, ob im diesjährigen MotoGP-Titelkampf niemand der Gejagte sein will?

"Nun, es wird mit Sicherheit eine interessante zweite Saisonhälfte", sagt Tabellenführer Jorge Martin. "Die Herausforderung ist großartig, denn alles ist extrem offen. Mag sein, dass ich die Tabelle vielleicht mehr dank der Fehler von anderen als dank meiner eigenen Ergebnisse anführe. Aber ich führe sie nun mal an."

Jorge Martin, Pedro Acosta

Der aktuelle und der erste WM-Leader 2026: Jorge Martin und Pedro Acosta

Foto: Gold and Goose Photography / Getty Images

Pedro Acosta führte die Gesamtwertung 2026 nur ganz kurz an, nämlich direkt nach seinem Sprint-Sieg beim Saisonauftakt in Buriram (Thailand). Er spricht es direkt aus: "Es sieht so aus als wolle niemand die WM-Tabelle anführen. Ich finde aber, dass Marc im Moment derjenige ist, den es zu schlagen gilt."

Damit spricht Acosta natürlich auf Marc Marquez und dessen erfolgreiches Comeback nach der jüngsten Auszeit (Operation an Schulter und Fuß) an. Seit dem Mugello-Wochenende Ende Mai sitzt der Titelverteidiger wieder auf seiner Werks-Ducati. An den fünf Rennwochenenden seither hat er drei Grands Prix und zwei Sprints gewonnen.

Marco Bezzecchi hingegen, der die ersten drei Grands Prix des Jahres allesamt für sich entschieden hatte, ist bei Halbzeit der Saison nur noch Gesamtvierter, nachdem er an den vier zurückliegenden Rennsonntagen vier Nullnummern verbucht hat (zwei Ausfälle, eine Rennsperre, eine Abwesenheit mit Verletzung).

Betrachtet man nur diese vier zurückliegenden Rennwochenenden - Balaton Park, Brünn, Assen, Sachsenring - so hat Marquez sage und schreibe 108 Punkte auf Bezzecchi aufgeholt. Und am Sachsenring-Sonntag hat Marquez tatsächlich Bezzecchi nach WM-Punkten 2026 überholt.

Pedro Acosta sieht Aufwärtstrend gegenüber 2025, aber ...

Pedro Acosta, der erste WM-Spitzenreiter in dieser Saison, rangiert bei Halbzeit "nur" noch auf dem siebten Tabellenplatz. Auf seinen ersten Grand-Prix-Sieg wartet er weiterhin. Trotzdem stellt sich der KTM-Werkspilot persönlich ein gutes Zeugnis aus.

"Dieses Jahr ist das erste, in dem ich mir eine gute Bewertung für meine eigene Performance geben würde, ich würde sagen, eine 7 [von 10]. Wenn man aber das Gesamtbild betrachtet, wäre es wahrscheinlich eher eine 4", so Acosta.

Was Acosta mit "Gesamtbild" meint, das ist die ungewöhnlich hohe Anzahl an technischen Defekten, die ihn in der ersten Saisonhälfte jede Menge Punkte gekostet hat: "Wir hatten viele technische Probleme. In Barcelona habe ich dadurch Punkte liegengelassen, in Brünn ebenso, in Assen ebenso. Anderenfalls wären wir sicherlich weiter vorne zu finden, aber es ist wie es ist."

"Deshalb", so Acosta weiter, "würde ich als Bewertung insgesamt eine 5 oder 6 geben, sagen wir mal eine 5. Im Vergleich zum vergangenen Jahr habe ich diesmal in der ersten Saisonhälfte nicht viele Fehler gemacht. In der Sommerpause muss es für uns jetzt darum gehen, die technischen Probleme zu verstehen und zu verstehen, was wir tun müssen, um sie zu lösen".

Francesco Bagnaia fühlt sich an 2020 erinnert

Einer, der bei Halbzeit der MotoGP-Saison 2026 ebenfalls außerhalb der Top 5 der WM-Tabelle rangiert, ist der zweimalige MotoGP-Weltmeister Francesco Bagnaia. Zwar sind ihm in der ersten Saisonhälfte in 11 Grands Prix vier Top-3-Ergebnisse gelungen und in 11 Sprints ebenfalls vier Top-3-Ergebnisse (darunter ein Sieg), dennoch taucht er mit 65 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Jorge Martin nur auf Rang acht direkt hinter Acosta auf.

Wie lautet Bagnaias Einschätzung zum diesjährigen WM-Kampf? "Ich finde es falsch zu sagen, dass niemand diesen Titel gewinnen will. Jeder will ihn gewinnen, denn jeder gibt sein Bestes", stellt der Ducati-Werkspilot klar.

Bagnaia weiter: "Dieses Jahr ist nun das erste, in dem Ducati nicht so dominant ist wie noch in den vergangenen Jahren. Es gibt mehr Motorräder, die konkurrenzfähig sind. Es ist eher so wie es 2020 war. Das sorgt für einen engeren Wettbewerb."

"In einem Rennen kannst du mal 20 Punkte aufholen, in einem anderen nur einen einzigen Punkt, und wieder in einem anderen kannst du 20 Punkte verlieren. Viel hängt in diesem Jahr davon ab, wie gut du dich auf deinem Bike fühlst", so Bagnaia.

Ai Ogura der Geheimfavorit auf den Titel?

Wenngleich Marco Bezzecchi, der die WM-Tabelle über weite Strecken der ersten Saisonhälfte angeführt hat, derzeit nur noch Tabellenvierter ist, so ist "'Bez' meiner Ansicht nach immer noch der Schnellste bei Aprilia", sagt Bagnaia über seinen zukünftigen Teamkollegen.

Während Pedro Acosta zur MotoGP-Saison 2027 von KTM zu Ducati wechselt und dort Bagnaia ablöst, wechselt Bagnaia zu Aprilia und löst dort den aktuellen Tabellenführer Jorge Martin ab (MotoGP 2027: Wer fährt wo? Alle Wechsel und Verträge im Überblick.)

Und was ist mit Ai Ogura? Der Japaner in Diensten des Aprilia-Satellitenteams Trackhouse hat sich in der ersten Saisonhälfte 2026 mit konstant starken Ergebnissen, darunter in Assen sein erster MotoGP-Sieg überhaupt, auf den zweiten Tabellenplatz hinter Martin geschoben. Vor Beginn der zweiten Saisonhälfte liegen zwischen Martin und Ogura nur 14 Punkte.

Jorge Martin, Ai Ogura

Jorge Martin geht mit 14 Punkten mehr als Ai Ogura in die zweite Saisonhälfte

Foto: Loic Venance / AFP via Getty Images

"Ogura macht einen fantastischen Job. Er ist immer konkurrenzfähig", lobt Bagnaia und analysiert: "Wenn er es in Zukunft auch noch versteht, schon in den ersten Runden der Rennen konkurrenzfähig zu sein, dann wird er an jedem Sonntag um den Sieg mitfahren."

Crutchlow glaubt an Marquez, Martin glaubt an WM-Chance gegen Marquez

Übrigens: MotoGP-Rückkehrer Cal Crutchlow hat bei der Frage, wer 2026 Weltmeister wird, einen klaren Favoriten. Er glaubt, dass Marc Marquez trotz zweier verpasster Grands Prix (Frankreich und Katalonien) die erfolgreiche Titelverteidigung gelingen wird.

"Die technischen Pakete sind an der Spitze des Feldes ganz eng beisammen. Das heißt, es wird darauf ankommen, wer der beste Fahrer ist. Und ich denke, wir wissen alle, wer der beste Fahrer ist. Deshalb glaube ich noch immer, dass er derjenige ist, der den WM-Titel erringen wird", so Crutchlow.

Und was sagt Tabellenführer Jorge Martin zur Aussicht, gegen den siebenmaligen und amtierenden MotoGP-Weltmeister um den Titel 2026 zu kämpfen? "Den besten Fahrer aller Zeiten zu schlagen, das ist natürlich eine tolle Herausforderung. Ich werde mein Bestes geben und versuchen, mich von Tag zu Tag zu verbessern. Wenn es mir gelingen sollte, bis zum Saisonende gegen ihn zu kämpfen, wäre das unglaublich", so Martin über Marquez.

Als kompletten Underdog sieht sich der MotoGP-Weltmeister von 2024 im Titelkampf 2026 keineswegs. "Warten wir mal ab. Im Moment fährt Marc auf einem höheren Level als wir. Ich gehe aber fest davon aus, dass ich mit meinen 100 Prozent in der Lage sein werde, gegen Marc zu kämpfen. Momentan fehlt uns dazu noch eine Menge, aber ich glaube ganz fest daran", so Martin.

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