Pirelli erklärt, warum Reifendruck-Regel auch 2027 bestehen bleibt
Mit Wechsel des Reifenlieferanten von Michelin zu Pirelli zur MotoGP-Saison 2027 verschwindet die Reifendruck-Regel nicht - Giorgio Barbier lässt aber Hintertür offen
Giorgio Barbier ist Leiter der Motorrad-Rennabteilung bei Pirelli
Foto: Mirco Lazzari GP / Getty Images
Am 2. Juli gab Honda die Trennung von Joan Mir zum Ende der laufenden MotoGP-Saison 2026 bekannt. Im entsprechenden Social-Media-Beitrag an jenem Tag schrieb der japanische Motorradhersteller: "Drei Podestplätze und dein Kampfgeist als Champion sind die herausragenden Höhepunkte."
Ein Blick in die Statistiken genügt, um festzustellen, dass Mir als Honda-Fahrer bis dato nur zwei Podestplätze errungen hat: Japan und Malaysia 2025. Wenn man kurz nachdenkt, fällt einem ein, dass der Spanier beim diesjährigen Grand Prix von Katalonien in Barcelona zwar auf dem Podium stand, nachdem er als Zweiter ins Ziel gekommen war. Im offiziellen Rennergebnis aber taucht Mir nur auf P13 auf.
Was war passiert? Mehr als eine Stunde nach der Siegerehrung gaben die MotoGP-Rennkommissare bekannt, dass Mir gegen die Reifendruck-Regel verstoßen hatte. Deshalb verhängten sie nachträglich die vorgesehene 16-Sekunden-Strafe. Das Gleiche war im vergangenen Jahr Maverick Vinales widerfahren, als er beim Grand Prix von Katar in Lusail seinerseits als Zweiter ins Ziel gekommen war, mehr als eine Stunde später aber aus demselben Grund vom Podium gekickt wurde.
Es ist eine Situation, die dem Image der Königsklasse der Motorrad-WM ohne jeden Zweifel schadet und die, anhand des Social-Media-Beitrags von Honda zu urteilen, die Teams nicht gerade glücklich macht - von den Fahrern und den Fans ganz zu schweigen.
Seit ihrer Einführung in der MotoGP-Saison 2023 sorgt die Reifendruck-Regel immer wieder für Kontroversen. Mehr oder weniger alle Beobachter gingen davon aus, dass die Regel zur Saison 2027 mit dem Wechsel des Reifenlieferanten verschwinden würde. Diese Annahme allerdings wird von Pirelli nun dementiert - zumindest für den Beginn der neuen Ära.
"Wir haben immer gesagt, dass wir die Regel beibehalten werden. Ich weiß nicht, wo das Gegenteil herkommt", erklärt Giorgio Barbier, Leiter der Motorrad-Rennabteilung bei Pirelli, im exklusiven Gespräch mit Motorsport.com Spanien, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network.
"Wir müssen dem aktuellen MotoGP-Lieferanten [Michelin] großen Respekt entgegenbringen. Wenn er nach elf Jahren gemeinsam mit der Dorna eine Regel eingeführt hat, weil er der Ansicht ist, dass das Fahren mit niedrigem Reifendruck eine Gefahr darstellen könnte, dann kann ich nicht einfach sagen, dass eine solche Gefahr nicht besteht", erklärt Barbier.

Pirellii löst Michelin zur Saison 2027 als MotoGP-Reifenlieferant ab
Foto: Pirelli
In diesem Zusammenhang gibt der Leiter der Rennabteilung des zukünftigen MotoGP-Reifenlieferanten ganz offen zu: "Ich kenne die MotoGP-Bikes noch nicht im Detail. Woher kommt diese Überhitzung der Vorderreifen? Von der Aerodynamik? Von den Carbonbremsen? Davon, dass mehrere Motorräder im Windschatten fahren, wobei die Aerodynamik den Vorderreifen für den hinteren Fahrer stark erhitzt?"
"Das ist eine Situation, die ich in der Superbike-WM so nicht habe. Auch in der Moto2-WM kann ich diese Situation nicht testen", sagt Barbier mit Blick darauf, dass Pirelli in den beiden genannten Rennserien schon seit Jahren der alleinige Reifenlieferant für alle Teams ist. Bezogen auf die MotoGP-Regel, die einen Mindestluftdruck im Vorderreifen vorschreibt, merkt er an: "Ich kann also nicht behaupten, dass Pirelli dieses Problem überhaupt nicht haben wird."
Die seit drei Jahren gültige Reifendruck-Regel verpflichtet die MotoGP-Piloten, den Luftdruck im Vorderreifen in Grands Prix während 60 Prozent der Runden, in Sprints während 30 Prozent der Runden bei über 1,8 bar zu halten. Bei Nichteinhaltung dieser Grenzen gibt es eine Zeitstrafe: 16 Sekunden im Grand Prix respektive 8 Sekunden im Sprint.

Die Reifendruck-Regel wurde 2023 von Michelin aus Sicherheitsgründen eingeführt
Foto: Motorsport Images
Immerhin: Barbier lässt eine Hintertür offen, dass die umstrittene Reifendruck-Regel zumindest mittelfristig verschwinden könnte: "Fakt ist, dass wir eine andere Konstruktion, andere Materialien und andere Betriebsdrücke haben. Ich glaube nicht, dass ein Pirelli-Reifen bei 1,4 bar besser funktioniert als bei 2,0 bar. Daher werden wir dieses Problem wahrscheinlich nicht haben", sagt er und geht noch weiter ins Detail.
"Wenn wir es auf die für Pirelli korrekten Drücke beziehen, müssen wir mal abwarten, ob es zu einem Problem wird, wenn der Druck unter die Grenze fällt. Deshalb werden wir die Regel vorerst beibehalten, in der Hoffnung, dass wir sie nicht anwenden müssen. Danach werden wir dann entscheiden, ob wir sie ändern oder aufheben", so Barbier.
Ein Unterschied zu Michelin besteht darin, dass sich die Pirelli-Reifen bei sich veränderndem Druck dem Anschein nach konstanter verhalten. "Was mir aufgefallen ist, dass die Reifen des aktuellen Lieferanten sehr empfindlich auf Veränderungen des Drucks reagieren. Wird ein bestimmter Wert überschritten, besteht ein großes Risiko. Bei unseren Reifen haben wir einen relativ breiten Betriebsdruckbereich", schildert Barbier.
"Der Hersteller hat die Wahl. Das Verhalten unseres Reifens ändert sich bei unterschiedlichen Druckwerten nicht allzu stark", sagt der Pirelli-Verantwortliche und räumt abschließend ein, dass das negative Bild, wenn ein MotoGP-Pilot eine Stunde nach dem Rennen im Ergebnis zurückversetzt wird, etwas ist, das "wir nicht weiter hinnehmen können".
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