Pol Espargaro über den wahren Marc Marquez: "Treibt alles bis zum Extrem"
Pol Espargaro spricht offen über Marc Marquez, als Rivale, als Teamkollege und als Ausnahmekönner - Warum der Spanier andere Fahrer "zerstören" kann
Marc Marquez hatte die Konkurrenz in der Saison 2025 fest im Griff
Foto: Getty Getty
Pol Espargaro hat wie kaum ein anderer Fahrer die Karriere von Marc Marquez aus nächster Nähe erlebt. Als Rivale in den kleineren Klassen, später als Teamkollege bei Repsol-Honda und heute als Beobachter in seiner Rolle als KTM-Testfahrer.
Im Gespräch mit der spanischen Zeitung AS zeichnet der 34-Jährige ein vielschichtiges Bild des neunmaligen Weltmeisters. Eines, das vor allem eines deutlich macht: Marquez ist ein Ausnahmefahrer, der andere an ihre Grenzen bringt und darüber hinaus.
Schon früh war Espargaro klar, dass Marquez etwas Besonderes ist. Ob man jedoch eine solche Karriere hätte vorhersehen können, bezweifelt er. Zwar habe Marquez' engstes Umfeld sehr früh an ihn geglaubt und "unglaubliche Arbeit" geleistet, doch die Zukunft eines so jungen Fahrers sei kaum planbar.
"Mit jungen Talenten können so viele Dinge passieren und auch schiefgehen, dass es sehr schwierig ist, eine langfristige Prognose abzugeben", erklärt Pol rückblickend.
Marc Marquez: kompromisslos kompetitiv
Als Gegner beschreibt Espargaro Marquez als extrem schwer zu schlagen. Schon in der 125er-Klasse sei klar gewesen, dass Marc Vorteile hatte, nicht nur durch sein Talent. "Er war sehr klein, sehr leicht. In einer Zeit, in der Gewicht extrem wichtig war, wusstest du: Früher oder später überholt er dich auf der Geraden."
Doch das allein erklärt es nicht. Marquez habe bereits als Teenager ein "übermäßiges Talent" gehabt und seine körperlichen Eigenschaften perfekt genutzt, trotz der Nachteile, die ein kleiner Körper beim Motorradfahren auch mit sich bringt.

Pol Espargaro und Marc Marquez waren 2021/22 Honda-Teamkollegen
Foto: Motorsport Images
Eine ganz andere Dimension lernte Espargaro kennen, als er 2021 und 2022 Teamkollege von Marquez bei Repsol-Honda wurde. "Marc ist extrem kompetitiv und treibt das alles bis zum Extrem, mit seinem Team und mit seiner Fahrweise", sagt er.
Im MotoGP-Paddock gelte schließlich: Der erste Gegner ist immer der eigene Teamkollege. Und genau so lebe Marquez das auch, "bis ins letzte Detail, bis auf die Tausendstel".
Gerade zu Beginn habe es Spannungen gegeben, etwa beim Saisonauftakt in Katar. Doch angesichts der schwierigen Situation bei Honda habe man schnell verstanden, dass man nur gemeinsam weiterkommt. "Die MotoGP-Honda funktionierte nicht gut, wir mussten uns zumindest ein Stück weit gegenseitig helfen, um das Projekt anzuheben", so Espargaro. Das sei im Verlauf der Saison auch gelungen.
Zeit bei Honda: ein Motorrad ohne Spielraum
Über die Honda jener Jahre spricht Espargaro offen: "Sie war kompliziert, sehr kompliziert." Damals habe er gedacht, man erlebe die schlimmste Phase Hondas. Mit etwas Abstand sehe er das anders. "Im Nachhinein waren das noch die letzten guten Jahre."
Podestplätze, eine Poleposition und sogar ein Doppelsieg in Misano mit Marquez seien Belege dafür. Später, mit Fahrern wie Joan Mir oder Luca Marini, sei es noch deutlich schwieriger geworden. "Insofern fühle ich mich fast privilegiert, diese Phase erlebt zu haben", blickt Espargaro mit Stolz zurück.
Auch die berühmte Szene von Marquez im Honda-Boxenfunk, in der er sagt, er sei besser als alle anderen, brauche dafür aber die richtigen Werkzeuge, ordnet er ein. Honda habe damals noch sehr stark an alten, japanischen Arbeitsmethoden festgehalten. "Die Zeiten haben sich geändert - Aerodynamik, Reifen, Reaktionsgeschwindigkeit. In diesen Punkten waren die europäischen Hersteller einfach besser."
Die schwierige Honda sei auch ein Faktor bei den vielen Verletzungen gewesen, bei Marquez wie bei ihm selbst. "Wir sind viel gestürzt, wir hatten viele Verletzungen."
Ohne die nötigen Werkzeuge habe man permanent ans Limit gehen müssen. "Du hattest keinen Spielraum, konntest nicht dosieren. Du musstest immer 100 Prozent fahren, und das führte zwangsläufig zu Stürzen." Mit Verletzungen werde das Risiko dann noch größer, weil man dieses Niveau kaum halten könne.
"Als Teamkollege kann Marc dich zerstören"
Auf die Frage, ob Marquez als Rivale oder als Teamkollege schlimmer sei, wird Espargaro sehr deutlich. Marc habe die Fähigkeit, das Limit früher zu erreichen als andere und damit zu spielen. Das helfe ihm, Probleme früher zu erkennen und sich anzupassen. Genau das sehe man aktuell im Vergleich zu Francesco Bagnaia.
"Wenn du selbst Probleme hast, dein Teamkollege aber genauso leidet, dann tröstet dich das. Aber wenn dein Teamkollege diese Probleme nicht spürt und auch noch gewinnt, dann zieht dich das runter. Es zerstört dich als Fahrer", weiß Espargaro.
Dass Marquez mit Ducati gewinnen musste, um seinen Status zu bestätigen, weist der Spanier jedoch entschieden zurück. Er zieht den Vergleich zu Dani Pedrosa: einer der besten Fahrer der Geschichte, auch ohne einen MotoGP-Titel.
"Ergebnisse und Zahlen erzählen nicht immer die ganze Geschichte", betont Espargaro. Ein Titel mit einer dominanten Ducati sei anders zu bewerten als ein Titel mit einer schwierigen Honda. Deshalb ist der KTM-Tester der Meinung: "Marc brauchte keinen Weltmeistertitel mit Ducati, um zu zeigen, dass er der Beste ist."
Nachdem er den Titel 2025 nun aber in überlegener Manier gewann, stellt sich die Frage: Gegen wen fährt Marc Marquez heute? Für Espargaro ist die Antwort klar: "Gegen sich selbst." Gegen seine eigene Ambition, seine Leidenschaft, seinen Hunger.
Vielleicht sei das nächste Ziel, Valentino Rossi mit Titeln zu übertrumpfen. Doch selbst danach werde Marquez nicht aufhören. "Er fährt nicht wegen der Zahlen. Er fährt aus Passion, aus dem Willen zu gewinnen. Und solange er kann, wird er genau das tun."
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