MotoGP
Scott Redding: Marquez hatte den richtigen Pass und die Sponsoren
Scott Redding blickt zurück auf seine MotoGP-Karriere und erklärt, warum er sich gegenüber Marc Marquez finanziell und strukturell im Nachteil sah
Juliane Ziegengeist
Bearbeitet: 27.08.2026, 15:33
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Scott Redding sieht bei Marc Marquez ein Umfeld, dass er selbst nie hatte
Foto: Getty Getty
Scott Redding und Marc Marquez standen einst am selben Tag auf dem Podium und doch hätten ihre Karrieren kaum unterschiedlicher verlaufen können.
Beim Grand Prix von Großbritannien 2008 in Donington Park gewann Redding im Alter von gerade einmal 15 Jahren und 170 Tagen. Marquez wurde Dritter und feierte damit sein erstes Grand-Prix-Podium. Redding war damals der jüngste Grand-Prix-Sieger der Geschichte, bis Can Öncü diesen Rekord zehn Jahre später übernahm.
Was folgte, ist bekannt: Marquez stieg bis zum neunfachen Weltmeister auf, Redding absolvierte zwar eine bemerkenswerte Karriere, konnte sich in der MotoGP aber nie dauerhaft an der Spitze etablieren und wechselte später in die Superbike-WM.
Im Gespräch mit dem Podcast Scruff Bags by HMY hat der heute 33-Jährige nun erklärt, warum er die Ursachen dafür nicht ausschließlich bei sich selbst sucht.
Für Redding geht es dabei vor allem um die Rahmenbedingungen, unter denen ein Fahrer seine Karriere aufbaut. "Es war nicht nur das Motorrad", sagt der Brite und blickt nachdenklich zurück: "Es war, als hätte er Mentoren und Menschen, die auf ihn aufgepasst haben, während ich einfach der wilde Junge war, der all die Dinge gemacht hat, die er wahrscheinlich nicht hätte machen sollen."
Der Unterschied begann hinter den Kulissen
Redding sieht Marquez' Vorteil nicht primär darin, dass der Spanier von Anfang an besseres Material gefahren sei. Entscheidend sei vielmehr gewesen, dass hinter Marquez früh eine leistungsfähige Struktur stand. Sponsoren, Personal und langfristige Planung hätten ihm ermöglicht, sich auf das Rennfahren zu konzentrieren.
"Das war erst der Anfang", erklärt Redding mit Blick auf Marquez' frühe Jahre in der Motorrad-WM. Der Spanier habe auf die Unterstützung von Repsol zurückgreifen können und später in der Moto2 ein eigenes Team samt Crew gehabt. Dieselben Leute seien anschließend mit ihm auch in die MotoGP gegangen.
Aus Reddings Sicht entstand dadurch ein Gesamtpaket, das weit über die reine Qualität eines Motorrads hinausging. "Er konnte auf sehr viel Finanzierung zurückgreifen und hatte immer das beste Material", fasst er Marquez' Ausgangslage zusammen.
Redding selbst hatte ebenfalls früh auf sich aufmerksam gemacht. Nach seinem Sensationssieg in Donington etablierte er sich in der Moto2, gewann dort drei Rennen und wurde 2013 hinter Pol Espargaro Vizeweltmeister. Erst eine schwierige Schlussphase inklusive Verletzung kostete ihn die Chance auf den Titel.
2014 stieg der Brite in die MotoGP auf. Doch während Marquez den direkten Weg in ein Werksteam einschlug, musste Redding seine Position Schritt für Schritt erarbeiten.
Für Nachwuchsfahrer war der Weg in die MotoGP zu dieser Zeit mit zusätzlichen Hürden verbunden. "Rookies mussten zwei Jahre in einem Satellitenteam verbringen, bevor sie zu einem Werksteam wechseln konnten", erinnert sich Redding.
Diese Regel sei jedoch ausgerechnet zu dem Zeitpunkt abgeschafft worden, als Marquez den Aufstieg vollzog: "Er konnte direkt ins Honda-Werksteam gehen." Dabei betont Redding, daraus keinen persönlichen Vorwurf an Marquez abzuleiten. Der Spanier habe die sich bietende Möglichkeit einfach genutzt. "Ich beschwere mich nicht. Es ist, wie es ist. Aber das sind möglicherweise die Unterschiede."
Der Kontrast wurde im weiteren Verlauf der Karriere erheblich. Marquez gewann bereits in seiner Rookie-Saison 2013 den Titel und entwickelte sich anschließend zum dominierenden Fahrer seiner Generation. Redding kam zwischen 2014 und 2018 auf zwei Podestplätze in der Königsklasse, in Misano 2015 und Assen 2016.
"Ich musste mit dem Rest Wunder vollbringen"
Genau diese Diskrepanz beschäftigt Redding rückblickend. Seiner Meinung nach habe bei britischen Fahrern häufig die Erwartung bestanden, mit begrenzten Mitteln Leistungen abzuliefern, die eigentlich nur mit einem Top-Paket realistisch gewesen wären.
Besonders deutlich formuliert er seine Kritik an der Sponsorenlandschaft. Marquez habe früh die Unterstützung großer Marken erhalten, während ein britisches Talent wie er selbst nicht auf vergleichbare industrielle Partner habe bauen können.
"Marquez hatte Repsol und Red Bull. Am Ende bekommst du das, was noch übrig ist, und dann erwarten sie von dir, dass du damit Wunder vollbringst", sagt Redding mit hörbarer Frustration. "Das funktioniert nicht. Ich habe das eine Zeit lang geschafft, aber irgendwann war meine Energie aufgebraucht."
Damit stellt Redding eine grundsätzliche Frage: Wie viel kann ein Fahrer tatsächlich ausgleichen, wenn ihm gegenüber der Konkurrenz dauerhaft Ressourcen fehlen?
Seine eigene MotoGP-Bilanz liefert dafür ein ambivalentes Beispiel. Redding fuhr für Gresini-Honda, Marc-VDS-Honda, Pramac-Ducati und Aprilia. In den Saisons 2015 und 2016 erreichte er jeweils als Dritter einmal das Podest, während seine beste WM-Platzierung in der Königsklasse Rang zwölf war.
Dass sein Potenzial größer war, zeigte sich spätestens nach seinem MotoGP-Abschied. 2019 wechselte Redding in die Britische Superbike-Meisterschaft und gewann auf Anhieb den Titel. In seiner ersten Saison holte er elf Siege und 20 Podien.
Besonders eindrücklich beschreibt Redding die Situation nach seinem MotoGP-Podium in Assen 2016. Damals fuhr er eine Ducati von Pramac und kämpfte sich unter schwierigen Bedingungen auf Rang drei. Für ihn hätte dieser Erfolg eigentlich ein Durchbruchssignal sein sollen. "Als ich in Assen auf dem Podium stand, dachte ich: Das ist mein Moment", erzählt Redding. Stattdessen stieg der Druck.
Der Brite beschreibt diese Phase als Versuch, mit einem nicht ebenbürtigen Paket Leistungen zu erzwingen. Fahrer wie Valentino Rossi, Jorge Lorenzo und Andrea Dovizioso saßen auf Werksmaschinen. Redding musste dagegen mit einem Satellitenmotorrad versuchen, den Abstand zu schließen.
"Mein Motorrad sollte eigentlich gar nicht dort vorne sein, und trotzdem haben sie mich gedrängt, es so nah wie möglich an die Besten heranzubringen", sagt der 33-Jährige.
Sein Fazit fällt entsprechend deutlich aus: "Du kannst so aggressiv fahren, wie du willst, aber wenn du über das Limit gehst, stürzt du." So passiert beim Rennen auch dem Sachsenring direkt im Anschluss an Reddings Podesterfolg in Assen.
Redding: Der Pass nur ein Teil des Problems
Redding will seine Karriere allerdings nicht als einfache Geschichte vom benachteiligten britischen Fahrer gegenüber dem bevorzugten Spanier verstanden wissen. Zwar glaubt er, dass die Nationalität durchaus eine Rolle gespielt habe. "Der britische Pass ist Teil des Problems, aber er erklärt nicht alles", sagt er.
Seine eigentliche Kritik richtet sich auf die fehlende Unterstützung durch britische Unternehmen. Redding fragt sich, warum ein Fahrer, der sein Heimrennen gewinnt und bereits als Teenager sein außergewöhnliches Potenzial beweist, nicht automatisch ein Umfeld bekommt, das ihm den nächsten Karriereschritt ermöglicht.
"Kein großes britisches Unternehmen hat jemals gedacht: Wir haben einen der besten britischen Fahrer der Welt. Er hat den britischen Grand Prix gewonnen, er hat eine großartige Zukunft vor sich, lasst uns ihn auf eine Werksmaschine von Ajo setzen."
Damit beschreibt Redding ein Problem, das über seine ganz persönliche Geschichte hinausgeht: Talent allein reicht im internationalen Motorradsport nur selten aus.
Gerade auf den Nachwuchsstufen entscheidet finanzielle Unterstützung darüber, in welchem Team ein Fahrer unterkommt, welche Techniker ihn begleiten und welches Material ihm zur Verfügung steht, und damit auch, welche Erfolgschancen er hat.

2016 wurde Redding hinter Jack Miller und Marc Marquez starker Dritter
Foto: Gold and Goose Photography / LAT Images / via Getty Images
Die vielleicht interessanteste Passage seiner Aussagen ist deshalb zugleich die spekulativste. Auf die Frage, ob seine Karriere mit einem Sponsor vom Kaliber Repsol oder Red Bull anders verlaufen wäre, antwortet Redding ohne große Zurückhaltung: ja.
Er glaubt, dass nicht nur das Motorrad einen Unterschied gemacht hätte. Marquez habe über Jahre ein Umfeld gehabt, das seine Entwicklung gezielt begleitete. Redding selbst sei dagegen stärker sich selbst überlassen gewesen. Gleichzeitig räumt er ein, dass auch seine Persönlichkeit dabei eine Rolle spielte.
Er bezeichnet sich selbst als den "wilden Jungen" und blickt mit einer gewissen Selbstironie auf seine Jugend zurück. Vielleicht hätte er sich stärker anpassen müssen, um andere Türen zu öffnen, grübelt er. Doch damit wäre möglicherweise auch ein Teil dessen verloren gegangen, was ihn als Fahrer ausmachte.
Trotzdem bleibt festzuhalten: Nach dem Ende seiner MotoGP-Zeit bekam Redding durchaus wieder die Gelegenheit, sich in einem konkurrenzfähigen Umfeld zu beweisen.
2019 dominierte er die British Superbikes und gewann den Titel mit Ducati. Anschließend wechselte er in die World Superbike und fuhr dort 2020 und 2021 für das Ducati-Werksteam. In seiner ersten Saison wurde er Vizeweltmeister und gewann fünf Rennen; 2021 folgten sieben Siege und WM-Rang drei.
Sein Erfolg nach der MotoGP zeigt, dass er über erhebliches fahrerisches Potenzial verfügte. Gleichzeitig lässt sich daraus nicht ableiten, dass er unter besseren Voraussetzungen zwangsläufig eine ähnliche MotoGP-Karriere wie Marquez hingelegt hätte.
Das behauptet Redding aber auch nicht. Vielmehr geht es ihm darum, dass ihm aus seiner Sicht Möglichkeiten fehlten, die andere Fahrer bereits früh erhielten. Dabei richtet sich die Kritik auch auf die Situation britischer Nachwuchsfahrer heute.
"Das ist das Problem, das wir immer noch mit jungen britischen Fahrern haben", betont Redding. "Wenn ich hier geblieben wäre, wäre ich niemals dort angekommen, wo ich jetzt bin. Und genau deshalb gibt es so wenige britische Fahrer, die es in die MotoGP schaffen." Seine eigene Geschichte liefert dafür nur ein Beispiel.
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