Streit um Sinn der Safety Commission: Zu wenig Fahrer, zu wenig Wirkung?
Nach dem Chaos-Grand-Prix in Barcelona gerät die Sicherheitskommission der MotoGP in den Fokus: Warum das Fahrerfeld das Gremium gespalten sieht
An der Sicherheitskommission nahmen zuletzt immer weniger Fahrer teil
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Der Grand Prix von Barcelona hat die Sicherheitsdebatte in der MotoGP mit voller Wucht zurück auf die Agenda gebracht. Nach mehreren schweren Unfällen, roten Flaggen und Diskussionen um Streckenbegrenzungen, Auslaufzonen und Protokolle rückte vor allem ein Thema in den Mittelpunkt: die schwindende Bedeutung der Safety Commission und die geringe Beteiligung der Fahrer.
Auslöser der Debatte war unter anderem der heftige Trainingssturz von Jorge Martin in Kurve 12. Der Spanier zog sich dabei eine leichte Gehirnerschütterung zu und forderte anschließend Verbesserungen an der Auslaufzone der schnellen Rechtskurve.
Auch im Rennen überschlugen sich später die Ereignisse: Mehrere schwere Crashs führten zu insgesamt drei Rennstarts und erneuten Diskussionen über Sicherheitsstandards.
Vor diesem Hintergrund meldeten sich zahlreiche Fahrer zu Wort und zeichneten ein bemerkenswert offenes Bild der aktuellen Situation innerhalb des Fahrerlagers. Besonders deutlich wurde Francesco Bagnaia. Der zweimalige MotoGP-Weltmeister kritisierte vor allem die geringe Teilnahme an der Sicherheitskommission.
Bagnaia kritisiert sinkende Beteiligung
Mehrere Fahrer begründeten ihre Abwesenheit in der Vergangenheit damit, dass sie ohnehin keinen Einfluss auf Entscheidungen nehmen könnten. Doch Bagnaia lässt diese Ausrede nicht gelten: "Wie kann man denken, dass etwas nicht funktioniert, wenn man es nicht einmal versucht? Für mich ist das kompletter Unsinn."
Bagnaia betont, dass die Sicherheitskommission den Fahrern am Freitag vor jedem Grand-Prix-Wochenende ein Forum biete, um ihre Bedenken zu äußern, und nach wie vor ein wichtiges Instrument sei, um Veränderungen in der WM voranzutreiben.
Als Beispiel führt er Diskussionen in Le Mans an, bei denen es um eine kurzfristig eingeführte Änderung der Boxengassenregeln ging. Anlass war Marc Marquez' Wiesenfahrt im Flag-to-Flag-Sprint von Le Mans, die ihm den Sieg eingebracht, gleichzeitig aber auch Kritik an einer Grauzone in den Regeln ausgelöst hatte.
"Es war eine wichtige Sitzung, weil spontan eine Regel hinzugefügt wurde. Ich gehöre zu denen, die der Meinung sind, dass man eine Regel, wenn man sie schon hinzufügt, am Ende des Jahres einführt und nicht mitten in der Saison. Im vorangegangenen Rennen hat ein Fahrer [Marquez] dadurch zwölf Punkte geholt. Im nächsten Rennen hätte er eine Durchfahrtsstrafe bekommen, und das ist nicht richtig."
"Wir mussten also ein wenig Druck machen", betont Bagnaia und zeigt sich umso enttäuschter, dass nur drei Fahrer anwesend waren - er selbst, Jack Miller und Luca Marini.
"Wir waren uns völlig einig. Aber es ist schade. Um nicht in die Sicherheitskommission zu müssen, sagen manche, sie hätten keine Zeit. Doch wenn viele Fahrer kommen würden, könnten wir wirklich Dinge bewegen", glaubt der Italiener. Dass manche Kollegen mit Zeitmangel argumentieren, mache es für ihn noch "schwerwiegender".
Er fordert mehr gegenseitigen Respekt. "Und wenn es um wichtige Dinge wie die Kommision geht, dann müssen wir hingehen, ohne Diskussion." Schließlich seien die Fahrer diejenigen, "die die Show machen" und auf der Strecke die Grenzen spürten.
Marini schlägt einen Fahrervertreter vor
Honda-Pilot Marini schlägt ähnliche Töne an, allerdings differenzierter. Die Safety Commission sei weiterhin ein "großartiges Werkzeug", um mit der Dorna zu kommunizieren und Lösungen zu finden. Gleichzeitig räumt der Italiener ein, dass sich die Sicherheitsstandards über die Jahre massiv verbessert hätten.
"Die Dorna hat fantastische Arbeit geleistet", sagt Marini. Viele klassische Problemfelder seien inzwischen gelöst, weshalb es heute weniger grundlegende Diskussionen gebe.

Luca Marini sieht für eine gemeinsame Lösung zu wenig Einigkeit im Feld
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Das eigentliche Problem liege woanders: bei der fehlenden Geschlossenheit der Fahrer. "Es ist extrem schwierig, dass alle in dieselbe Richtung denken, weil jeder zuerst an sich selbst denkt", erklärt Marini. Es brauche mehr Kommunikation und einen offeneren Umgang. Einen Pflichtbesuch der Sicherheitskommission lehnt er jedoch ab. "Früher saßen 20 Fahrer in diesem Raum, und es war mehr Chaos als heute mit drei oder vier."
Stattdessen könne eine Art gewählter Fahrervertreter helfen, allerdings nur, wenn die Fahrer insgesamt geeinter auftreten würden. "Es muss bei uns selbst anfangen", meint Marini. Viele Piloten wollten sich zusätzlich zum ohnehin enormen mentalen Druck eines MotoGP-Wochenendes schlicht nicht noch mehr Stress aufladen.
Genau diesen Punkt greift auch Pedro Acosta auf. Der KTM-Pilot bestätigt, dass er früher regelmäßig an den Sitzungen teilgenommen habe, inzwischen aber nur noch sporadisch erscheine. "Ich habe schon genug Probleme in meiner Box, um überhaupt Zeit dafür zu finden", so Acostas Erklärung für sein Fernbleiben.
Wenn wirklich wichtige Themen anstünden, gehe er weiterhin hin. In den vergangenen Rennen sei aber "nichts wirklich Interessantes passiert". Grundsätzlich hält jedoch auf der Spanier die Sicherheitskommission in der MotoGP für unverzichtbar.
"Wir sind diejenigen, die ihr Leben riskieren, nicht die Leute im Büro", betont Acosta, wenngleich nicht jeder Unfall automatisch ein Thema für die Kommission sei. "Eine Safety Commission wird nicht verhindern, dass jemand den Bremspunkt verpasst", nennt er ein Beispiel. Entscheidend seien aus seiner Sicht Mauern, Bodenwellen oder andere Faktoren, die oftmals außerhalb der Kontrolle der Fahrer liegen.
Wird Barcelona langfristig etwas verändern?
Dazu zählen auch die turbulenten Ereignisse von Barcelona, die zu zwei Re-Starts führten - ein Umstand, den Acosta offen kritisierte. Die Fahrer müssten aus seiner Sicht künftig grundsätzlich überlegen, "wie viel Risiko wir eingehen wollen".
Miller befürchtet jedoch, dass der Effekt von Barcelona bald wieder verfliegen wird. "Nach solchen Dingen ist die Aufregung groß, aber dann verlieren viele schnell wieder das Interesse", sagt der Australier und wirbt für mehr Engagement seiner Kollegen.
Gleichzeitig betont er, dass die Safety Commission nicht dazu da sei, sich zu beschweren, sondern den Sport sicherer zu machen. "Ich nehme diese Verantwortung nicht auf die leichte Schulter. Du bist derjenige, der durchs Kiesbett rutscht und versteht, wie sich das anfühlt. Deshalb finde ich es wichtig, dein Feedback zu haben."
Zwar spricht sich auf Miller gegen eine verpflichtende Teilnahme aus. "Aber ja, es wäre schön, ein paar mehr Jungs dabei zu haben", sagt der Australier. In dem Zusammenhang erinnert er an frühere Zeiten mit Fahrern wie Valentino Rossi oder Andrea Dovizioso, die der Safety Commission großes Gewicht verliehen hätten.
Auch sie seien nicht immer ein und derselben Meinung gewesen, doch darum gehe es auch gar nicht. "Jeder kann seine Ansichten haben, und das ist völlig in Ordnung", so Miller.
Um diese Ansichten zu teilen, braucht es am Ende des Tages aber mehr Beteiligung. Damit steht und fällt die Sinnhaftigkeit einer Sicherheitskommission. Doch für viele scheinen die Sitzungen nicht praktikabel genug, wie etwa Raul Fernandez schildert.
In seinen ersten MotoGP-Jahren habe er versucht, an möglichst jeder Sitzung teilzunehmen. Inzwischen werde der Zeitdruck jedoch immer größer. "Jeden Tag haben wir mehr Verpflichtungen", sagt Fernandez. Wer zur Safety Commission gehe, habe oft kaum noch Zeit für Vorbereitung, Physiotherapie oder Regeneration.
Zugleich warnt der Spanier davor, jede gefährliche Situation automatisch verhindern zu wollen. Es bleibe eben ein gefährlicher Sport. "Manche Dinge können passieren", sagt er mit Blick auf die technischen Defekte und Zwischenfälle von Barcelona.
Der Grand Prix von Barcelona hat damit nicht nur erneut Fragen zur Sicherheit moderner MotoGP-Bikes und Strecken aufgeworfen. Er hat auch offengelegt, wie unterschiedlich die Fahrer den Sinn und die Rolle ihrer eigenen Sicherheitskommission bewerten. Zwischen Zeitmangel, Frustration, Eigeninteressen und echter Sorge um die Sicherheit scheint die MotoGP derzeit vor allem eines zu fehlen: eine gemeinsame Stimme.
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