Sturzparade am Sachsenring: MotoGP-Feld über Gründe und Konsequenzen
Acht gestürzte Fahrer, nur zehn Piloten im Ziel: Das MotoGP-Feld sucht nach Gründen für die hohe Ausfallquote und stellt dabei auch sicherheitsrelevante Fragen
Ai Ogura stürzte in Kurve 1 übers Vorderrad und riss Joan Mir mit
Foto: Ronny Hartmann / AFP via Getty Images
Das MotoGP-Rennen am Sonntag auf dem Sachsenring sorgte nicht nur für eine weitere Marquez-Sternstunde, sondern auch für viele Stürze: Acht Fahrer gingen zu Boden, sechs davon in Kurve 1. Am Ende kamen nur zehn Piloten ins Ziel.
Die Ursache für diese Häufung von Unfällen wurde nach dem Rennen intensiv diskutiert, sowohl was die Streckensicherheit betrifft als auch die konkreten Bedingungen am Renntag.
Was war in Kurve 1 bloß los?
Marc Marquez, der auf einer seiner Paradestrecken vom Start weg dominierte, erklärt: "Kurve 1 war ziemlich kritisch. Weil es am Samstag geregnet hatte, war kein Michelin-Gummi mehr auf der Strecke. Es war rutschiger als sonst. Der Wind hat zusätzlich die Bikes nach außen gedrückt, das hat das Bremsen erschwert."
Auch andere Fahrer beschrieben Kurve 1 als besonders tückisch. Fabio Di Giannantonio war einer der dort Gestürzten. Er spricht von einem persönlichen Fehler: "Ich bin fünf Meter später auf der Bremse gewesen und hatte zwei Grad mehr Schräglage."
Marco Bezzecchi sagt hingegen, er habe sogar etwas sanfter gebremst als zuvor, aber beim leichten Gefälle in der Kurve plötzlich das Vorderrad verloren. "Ich konnte es leider nicht retten. Als Diggia gestürzt ist, habe ich versucht, etwas weniger hart zu bremsen. Im Nachhinein hätte ich einfach weiter wie vorher gebremst."
Auch Ai Ogura beobachtete vor seinem eigenen Sturz, dass bereits viele Fahrer in Kurve 1 Probleme hatten. "Bis zu meinem Sturz fühlte ich mich in Kurve 1 gut", betont der Rookie. "Viele Fahrer sind in der Runde davor weit gegangen. Es war von Runde zu Runde unterschiedlich. Ich war eigentlich konstant, aber ich hätte vielleicht mehr darüber nachdenken sollen, warum so viele dort gestürzt sind."
Reifentemperatur ein Problem
Ein zentrales Thema war die Reifentemperatur, insbesondere am Vorderrad. Johann Zarco führte seinen Sturz direkt darauf zurück. "Der Vorderreifen hatte weniger als 70 Grad. Normalerweise sind es über 80, eher 85 bis 90 Grad", erklärt der LCR-Pilot.
"Der Druck war zu niedrig, und die Temperatur fiel Runde für Runde. Ich wollte dann das Tempo erhöhen, um den Reifen aufzuwärmen, aber dann bin ich beim Einlenken gestürzt."
Auf die Frage, warum der Reifendruck so niedrig gewesen sei, antwortet Zarco: "Wir dachten, wir wären in einer größeren Gruppe unterwegs. Aber auch allein hätten wir eigentlich im Temperaturbereich sein sollen. Aber die Temperaturen waren viel niedriger als im Vorjahr. Wir wurden davon einfach überrascht." Die wechselhaften Bedingungen am Wochenende hätten dabei nicht gerade geholfen.
Miguel Oliveira stürzte in der Zielkurve. Er sagt, dass die Kombination aus einem harten Vorderreifen und fehlendem Gummi auf der Strecke nach dem nächtlichen Regen zu Problemen geführt habe. Die Stürze seien typische Vorderradrutscher gewesen. "Das könnte an der Temperatur liegen oder am Grip", so Oliveira.
Luca Marini kam als starker Sechster ins Ziel, berichtete aber von zwei aufeinanderfolgenden Beinahe-Stürzen, weil der Vorderreifen plötzlich zu rutschen begann. "Vielleicht war der Druck zu hoch oder die Temperatur, ich weiß es nicht genau."
"Wir verlangen inzwischen sehr viel vom Reifen. Die Bikes haben mit der Aero jetzt ganz andere Kurvenfähigkeiten. Vielleicht haben die Reifen einfach mehr zu kämpfen. Aber das ist Teil des Jobs. Es ist nicht die Schuld des Reifens", so Marini.
Streckensicherheit im Fokus
Zahlreiche Fahrer äußerten auch gewisse Bedenken zur Sicherheit des Sachsenrings, vor allem angesichts der gestiegenen Geschwindigkeiten der aktuellen MotoGP-Motorräder.
"Einige Wände sind im absoluten Grenzbereich, besonders bei nassen Bedingungen. Man kommt den Barrieren extrem schnell nahe", räumt Marc Marquez ein. Sein Bruder Alex fordert Anpassungen: "Es müssen ein paar Dinge verändert werden. Zum Beispiel Kurve 5 oder Kurve 8, da könnte man etwas verbessern. Wenn der Vertrag verlängert wird, werden sie sicher auch Anpassungen vornehmen."
Pedro Acosta kritisiert, dass die Strecke nicht mehr dem heutigen Tempo entspreche: "Wir fahren auf den gleichen Strecken wie vor zehn Jahren, sind aber zehn Sekunden schneller - sinnbildlich gesprochen. Deshalb ist es hier einfach sehr eng."
Man müsse sich immer auf den schlimmsten Fall vorbereiten, und dafür sei der Sachsenring an einigen Stellen nicht geeignet. "Hier sind die Mauern einfach sehr nah. Es gibt viele Airfences und Sicherheitsmaßnahmen, aber innerhalb eines sehr begrenzten Raums. In Jerez haben sie viel getan. Jetzt ist es eine gute Strecke."
Francesco Bagnaia äußert sich ähnlich. "Die Bikes werden immer schneller, aber die Strecken bleiben gleich. Es ist schwer, da immer im Sicherheitslimit zu bleiben." Auch er verweist auf andere Traditionsstrecken wie Jerez, wo nachgebessert wurde.
"Dort war es früher sehr einfach, in die Mauern zu fahren. Aber sie haben sich angepasst. Wenn man das bei allen alten Strecken machen würde, könnten wir viel sicherer sein."
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