Tech3-Team vor dem Umbruch: Warum Herve Poncharal mit Investoren spricht
Nach der KTM-Krise und dem Einstieg von Liberty Media denkt Tech3-Chef Herve Poncharal über Investoren, Veränderungen und seine persönliche Zukunft nach
Herve Poncharal denkt über die Zukunft seines Rennstalls nach
Foto: Alexander Trienitz
Das französische Tech3-Team ist seit Anfang der 1990er-Jahre in der Motorrad-Weltmeisterschaft am Start. Der bisher größte Erfolg gelang im Jahr 2000 in der 250er-Klasse. Die Teamkollegen Olivier Jacque und Shinya Nakano duellierten sich um den WM-Titel, den schließlich Jacque gewann.
Seit 2001 ist Tech3 in der MotoGP am Start. Zunächst lange als Kundenteam von Yamaha und seit 2019 als Partner von KTM. Miguel Oliveira eroberte im Jahr 2020 zwei MotoGP-Siege mit dem Tech3-Team.
Teamchef Herve Poncharal ist mittlerweile 68 Jahre alt und denkt darüber nach, den Rennstall für die Zukunft neu aufzustellen. Der Einstieg von Liberty Media und das neue technische Reglement ab 2027 sind diesbezüglich ein passender Zeitpunkt.
"Zunächst möchte ich sagen, dass nichts ewig währt", sagt Poncharal im Gespräch mit Motorsport-Total.com. "Und ich kenne mich selbst. Denn wenn man 20, 25, 30 oder 40 ist, denkt man nie so. Man denkt: Ich bin für immer hier."
"Man denkt nicht daran, dass es ein Ende gibt. Jetzt weiß ich, dass es ein Ende gibt, und ich kann nicht ewig hierbleiben. Bis zum vergangenen Winter habe ich eigentlich nie wirklich darüber nachgedacht. Denn ich war immer mitten im Geschehen, mitten in der Action."
"Aber dann kam, was im Winter geschah: die große finanzielle Turbulenz, in der KTM steckte. Sie hat mich wachgerüttelt. Und ich sagte mir: Statt nie darüber nachzudenken, musste ich plötzlich nachdenken."
"Denn irgendwann bekamen wir sogar von der KTM-Führung die Information: Wir wissen nicht, ob KTM überleben wird. Und dann, selbst wenn KTM überlebt, was passiert mit der Rennabteilung, mit den Rennaktivitäten? Das war eine sehr ernste Frage."
"Das war plötzlich wie ein Weckruf. Man sagt sich: 'Wow, hör auf zu träumen!' Ich habe nicht geträumt, aber ich war fast 40 Jahre lang in diesem verrückten Rennen, ohne innezuhalten. Und dann denkt man: Wenn ich kein Motorrad habe, bleibe ich zu Hause."

Herve Poncharal und KTM-Motorsportchef Pit Beirer
Foto: KTM
"Und wenn ich zu Hause bleibe, ist das das Ende meiner Firma. Also beginnt man zu überlegen: Was tun? Gott sei Dank hat KTM überlebt. Sie haben es wirklich gut gemacht. Wir haben ein konkurrenzfähiges Motorrad. Ich bin sehr zufrieden damit, wie alles gehandhabt wurde."
"Aber trotzdem habe ich weiter nachgedacht. Und ich fragte mich auch: Kannst du das ewig allein machen? Nein, weil ich nicht ewig da sein werde. Und seit, sagen wir, März oder April, haben mich einige Investoren kontaktiert. Wie schon früher, aber früher waren es vielleicht zwei pro Jahr."
Tech3 muss fit für die neue Ära ab 2027 gemacht werden
Ende Juni stimmte die EU-Kommission der Übernahme von MotoGP-Promoter Dorna Sports durch Liberty Media zu. Es wird erwartet, dass die Promotion besser, der Sport größer wird und dadurch insgesamt der Wert der Meisterschaft und der Teams steigt.
"Wir wissen auch, dass es ab 2027 eine neue Ära geben wird", verweist Poncharal auf das neue technische Reglement. "Und man muss anfangen, neue Investitionen vorzubereiten. Denn jedes einzelne Team muss wachsen."
"Früher habe ich immer nein gesagt zur Möglichkeit, mit Investoren zu sprechen. Und dann sagte ich mir plötzlich: Vielleicht lohnt es sich. Vielleicht ist es interessant, ihnen zuzuhören. Genau das habe ich getan."

Für die Zukunft sucht Poncharal neue Partner für sein Team
Foto: KTM
"Ein Investor könnte jemand sein, der Minderheitseigner in meiner Firma wird. Zusammen mit der Möglichkeit, einen Sponsor mitzubringen. Denn ich weiß sehr genau, dass nach 2026 der Red-Bull-KTM-Deal nicht mehr verfügbar sein wird."
"Er wird ganz anders aussehen, weil KTM durch eine schwierige Zeit gegangen ist. Sie haben mir schon gesagt: Du wirst ein normaler Partner, ein normaler Kunde sein. Du musst alles selbst finanzieren - was im Moment nicht der Fall ist."
"Im Moment beteiligt sich KTM finanziell. Der Red-Bull-Deal ist mit KTM für das gesamte Rennprogramm. Es gibt also keinen direkten Vertrag mit mir. KTM ist ebenfalls sehr präsent auf dem Motorrad. Das hat seinen Preis."
"Und sie sagten, wir können in Zukunft nicht weiter so Werbung machen. Wir müssen uns finanziell anders aufstellen. Also werde ich mehr Geld finden müssen. Das ist sicher. Und als Unternehmer braucht man immer einen Plan B."
"Also habe ich Gespräche geführt. Möglichkeiten sind: Minderheitsbeteiligung, Mehrheitsbeteiligung oder der Verkauf der Firma. Aber im Moment ist nichts entschieden. Ich rede, tausche mich aus, denke nach."
Die Zukunft des Rennstalls soll abgesichert sein
Das Hauptziel für Poncharal ist es, dass das Tech3-Team langfristig weiterbesteht: "Das Personal zu behalten. Die Struktur zu behalten. Die Basis zu behalten. So, wie sie ist. Für die Leute draußen, die gar nicht genau wissen, wem wie viel Prozent der Firma gehören, spielt das keine Rolle."
"Und das ist es, was ich aufbauen möchte: Stabilität und Beständigkeit für die Firma. Und ich habe gute Kontakte und Verständnis von Investoren für dieses Projekt. Es wird in Zukunft für ein unabhängiges Team schwer sein, allein zu bestehen. Man braucht Leute an seiner Seite."
Im Idealfall will Poncharal noch in diesem Jahr die Entscheidungen treffen und die Weichen für die Zukunft stellen. Denn 2026 betrachtet er als Übergangsjahr, in dem alles für die neue MotoGP-Ära ab 2027 vorbereitet wird.

Miguel Oliveira hat die einzigen MotoGP-Siege für das Tech3-Team erobert
Foto: Motorsport Images
"Das aktuelle Kapitel endet Ende 2026. Denn Liberty wird dann voll eingreifen. Dazu kommen neue technische Regeln. Man muss seine Infrastruktur verbessern, die Firma, mehr Leute einstellen - Marketing, kommerzieller Bereich."
"Mein Ziel wäre, bis Ende 2025 eine endgültige Entscheidung zu haben. Damit wir 2026 zusammen mit neuen Partnern als Übergangssaison gestalten und ab 2027 als neue Organisation voll bereit sind. Das ist meine Idee, mein Wunschszenario. Ob es passiert, weiß ich nicht."
"Ich kann jetzt sagen: Von 2027 bis 2031 wird es eine andere Führungsstruktur bei Tech3 geben. Ich werde nicht mehr allein sein", bestätigt der Franzose. Denn aufgrund seines Alters denkt er auch über seine persönliche Zukunft nach.
Das Privatleben wird mit dem Alter wichtiger
"Niemand kann behaupten, Geld sei nicht wichtig. Das wäre eine Lüge. Aber auch: Geld ist nicht alles für mich. Sicher könnte man denken: Halte die Firma, nutze die Chance, weil Liberty die MotoGP wachsen lässt."
"Aber ich bin 68. Ich liebe Radfahren. Ich liebe Schwimmen. Ich liebe es, am Strand zu sein. Ich liebe es, Motorrad zu fahren mit meinen Freunden. All das habe ich 40 Jahre lang nicht getan. Und das ist mehr wert als x Millionen, ehrlich gesagt."
"Für mich ist die Priorität, frei zu sein. Tun zu können, was man liebt. Und ich weiß: Wenn ich noch zehn Jahre warte, werde ich zu alt sein - zu alt zum Schwimmen, zu alt zum Radfahren. Zu alt, um eine Woche mit dem Motorrad zu fahren, in kleinen Hotels oder beim Camping zu übernachten."

Das Privatleben spielt für den 68-Jährigen auch eine immer größere Rolle
Foto: Alexander Trienitz
"In meinem Kopf bin ich noch ein Teenager, aber ich bin es nicht", sagt Poncharal. "Die nächsten zehn Jahre sind für mich wegen meines Alters entscheidend. Will ich sie noch voll in diesem Job verbringen, um mehr Geld zu machen, falls ich meine Firma in zehn Jahren verkaufe?"
"Das ist ehrlich gesagt nicht meine Priorität. Also muss ich an die Zukunft meiner Firma denken. Aber auch ein Stück weit an mich selbst. Was will ich? Am Ende des Tages ist es dein Leben. Und man macht nur das gut, was man gerne tut."
"Wenn ich eines Tages spüre, dass ich müde bin, meine Koffer zu packen, müde vom Reisen, dann werde ich nicht mehr konkurrenzfähig sein. Deshalb denke ich jetzt darüber nach. Und deshalb spreche ich mit Investoren, möglichen Partnern, mit KTM über unsere Zukunft. Wir teilen und tauschen alles aus. Und ich finde, das ist gut so."
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