Valencia: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

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Valencia: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat
Autor: Sebastian Fränzschky
19.11.2018, 08:20

Redakteur Sebastian Fränzschky nominiert nach dem Saisonfinale der MotoGP in Valencia gleich zwei Fahrer für die traditionelle Montagskolumne

Liebe Leser,

wow, was für ein MotoGP-Saisonfinale! Die Königsklasse blieb sich auch beim finalen Rennwochenende der Saison 2018 treu und bescherte den Fans unvorhersehbaren Motorsport mit großartigen Emotionen. Zugegeben, es fiel uns innerhalb der Redaktion gar nicht so leicht, sich auf einen klaren Verlierer des Wochenendes zu einigen, der im übertragenen Sinne "schlecht geschlafen hat".

Im Grunde könnte ich an dieser Stelle über das komplette Fahrerfeld der Moto3 schreiben, denn es ist zugegeben schon etwas peinlich, sich von einem 15-Jährigen Rookie so vorführen zu lassen, wie es am Sonntagvormittag der Fall war. Moto2-Pilot Alex Marquez wäre ebenfalls ein Kandidat für diese Kolumne. Mit seinem Sturz brachte sich der jüngere der Marquez-Brüder um die Chance, in einer für ihn sehr durchwachsenen Saison doch noch ein Rennen zu gewinnen. Kein Sieg in 18 Rennen. Der Aufstieg in die MotoGP rückt für den ehemaligen Moto3-Champion wieder in die Ferne.

Marc Marquez verabschiedet sich mit einem Sturz aus der Saison

Doch zurück zur Königsklasse. Weltmeister Marc Marquez qualifizierte sich mit seinen Stürzen im Qualifying und im Rennen zweifellos für diese Kolumne. Stürze sind wir von der Nummer 93 ja irgendwie gewohnt, doch in Valencia ging Marquez im Gegensatz zur restlichen Saison in den entscheidenden Momenten zu Boden. Ich bezweifle dennoch, dass der alte und neue Weltmeister deshalb schlecht geschlafen hat.

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Sturz: Marc Marquez, Repsol Honda Team

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Marc Marquez, Repsol Honda Team

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Marc Marquez, Repsol Honda Team

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MotoGP-Weltmeister 2018: Marc Marquez

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MotoGP-Weltmeister 2018: Marc Marquez

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Top 3 der MotoGP-WM 2018: 1. Marc Marquez, 2. Andrea Dovizioso, 3. Valentino Rossi

Top 3 der MotoGP-WM 2018: 1. Marc Marquez, 2. Andrea Dovizioso, 3. Valentino Rossi
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Bereits kurz nach dem Rennen wirkte der wohl talentierteste Racer der Neuzeit sehr gelassen und war im Gedanken schon bei der Party am Abend. Außerdem ist Valencia traditionell immer der Ort, an dem auf die komplette Saison zurückgeblickt wird. Marquez selbst schätzte seine Leistung in diesem Jahr noch höher ein als in der Saison 2014, als er zehn Rennen in Folge gewann. Warum also schlecht schlafen?

Valentino Rossi: Wie in Sepang, nur im Nassen

Weiter zum nächsten Sturzopfer des Rennens: Valentino Rossi bekam nach dem katastrophalen Qualifying am Samstag doch noch die Chance, die Saison mit einem Sieg abzuschließen. Ich war beeindruckt, wie schnell sich die Nummer 46 von Startplatz 16 nach vorne kämpfte. Rossi hielt alle Trümpfe in seiner Hand, als die Pfützen auf der Strecke immer tiefer wurden. Ohne den Neustart wäre der "Doctor" der klare Sieger gewesen. Doch die Rennleitung traf ohne Zweifel die richtige Entscheidung, das Rennen zu unterbrechen und neu zu starten.

Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing, Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing

Valentino Rossi, Yamaha Factory Racing, Maverick Viñales, Yamaha Factory Racing

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Mit gebrauchten Reifen war Rossi im zweiten Rennen absolut chancenlos gegen Andrea Dovizioso, der noch einen frischen Hinterreifen übrig hatte. Rossis Sturz kurz vor Rennende ähnelte dem Abflug in Sepang in vielerlei Hinsicht. Doch zu diesem Zeitpunkt war der Sieg ohnehin außer Reichweite. Und Platz drei in der Fahrerwertung hatte Rossi nach dem Sturz von Teamkollege Maverick Vinales ebenfalls sicher. Ich glaube, Rossi spürte reichlich Genugtuung, im Alter von 39 Jahren das Supertalent Vinales hinter sich gelassen zu haben. Er hatte mit Sicherheit keine schlaflose Nacht.

Alex Rins stellt Andrea Iannone in den Schatten

Doch nun zu den wahren Verlierern dieses aufregenden Renntags. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Andrea Iannone einige Gedankengänge vom Einschlafen abhielten. Beim Abschiedsrennen für Suzuki stand der MotoGP-Laufsieger klar im Schatten von Teamkollege Alex Rins, der sein fünftes Podium der Saison einfuhr.

Andrea Iannone, Team Suzuki MotoGP

Andrea Iannone, Team Suzuki MotoGP

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Rins zeigte eine beeindruckend fehlerfreie Vorstellung, fuhr routiniert und erweckte bei mir stets den Eindruck, alles unter Kontrolle zu haben. Der Lohn dafür war Platz fünf in der WM, während Iannone beim Saisonfinale auf die zehnte Position abrutschte und das Kapitel Suzuki so begann, wie es 2017 in Katar anfing: mit einem Sturz.

Ich kann mich noch gut an Iannones glorreichen Sieg in Spielberg erinnern. Vor allem das enttäuschte Gesicht von Ex-Teamkollege Andrea Dovizioso schießt mir durch den Kopf, wenn ich an den Österreich-Grand-Prix 2016 denke. Iannone erlöste Ducati und beendete die jahrelange Durststrecke der Italiener. Zwei Jahre und drei Monate später hat sich Iannone in eine Sackgasse manövriert, während Dovizioso zur klaren Nummer eins im Ducati-Lager mutierte und nun zwei Mal in Folge Vizeweltmeister wurde.

Aprilia als Karriere-Killer?

Noch in dieser Woche tauscht Iannone die zuletzt sehr konkurrenzfähige Suzuki gegen die Aprilia ein – das laut Herstellerwertung schlechteste Motorrad im Feld. Bei Gresini-Aprilia trifft Iannone auf Aleix Espargaro, der im Team dank seiner unermüdlichen Arbeit große Sympathien genießt. Man muss sich nur anschauen, wie es Espargaros Teamkollegen bei Aprilia erging, um zu erkennen, was Iannone bevorsteht.

Scott Redding, Aprilia Racing Team Gresini

Scott Redding, Aprilia Racing Team Gresini

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Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin überzeugt, dass der Playboy aus Vasto mehr Potenzial besitzen dürfte als Sam Lowes und Scott Redding. Ich mache mir aber große Sorgen hinsichtlich der Motivation. Als es bei Suzuki im vergangenen Jahr nicht lief, betrieb Iannone stellenweise Arbeitsverweigerung. Bei Aprilia wird er im kommenden Jahr ein Motorrad vorfinden, das weder schnell noch zuverlässig ist. Ist Iannone menschlich so gereift, dass er Niederlagen besser verarbeiten kann?

Bei Ducati und Suzuki hatte Iannone stets die Chance, in den Trainings mit einer schnellen Runde ganz vorne zu landen. Diese Motivationshilfe wird er bei Aprilia nur auf vereinzelten Strecken vorfinden. Ich mache mir große Sorgen um Iannones Karriere. Auf keinen Fall möchte ich das Scheitern bei Aprilia prophezeien, aber nach zwei schlechten Jahren könnten einige MotoGP-Manager vergessen haben, wozu Iannone fähig ist.

Dani Pedrosa tritt leise ab

Etwas in Vergessenheit geraten ist auch, was Dani Pedrosa in den vergangenen Jahren leistete. Beim MotoGP-Saisonfinale trat der dreimalige Zweitakt-Weltmeister leise ab. Das dramatische Rennen inklusive Unterbrechung sowie KTMs sensationelles Podium rückten Pedrosas Abschied klar in den Schatten. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Pedrosa genossen hat, nicht im großen Scheinwerferlicht zu stehen. Doch ich denke auch, dass ihm einige Gedanken durch den Kopf schossen, als er sich nach den diversen Feierlichkeiten ins Bett legte. Man beendet ja nicht jeden Tag eine 18-jährige WM-Karriere.

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MotoGP-Legende 2018: Dani Pedrosa

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Dani Pedrosa, Repsol Honda Team

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Dani Pedrosa, Repsol Honda Team

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Dabei fuhr Pedrosa bei einer Abschiedsvorstellung so entschlossen wie lange nicht mehr. Seit der Umstellung auf die Michelin-Reifen kämpfte der langjährige Honda-Pilot mit stumpfen Waffen, vor allem bei Regen. Doch in Valencia ging der kleine Spanier in einigen Duellen sehr entschlossen zu Werke und wurde schlussendlich Fünfter.

Somit ging eine aus Pedrosa-Sicht enttäuschende Saison zu Ende. Kein Sieg, noch nicht einmal ein Podium – und das mit dem wohl besten Motorrad im Feld. Ich kann mir gut vorstellen, dass Pedrosa erleichtert ist, sich nicht weiter von Marquez demütigen zu lassen. Es sieht so einfach aus, wie Marquez seine über 270 PS starke Honda um den Kurs dirigiert. Man vergisst, wie bissig und gefährlich diese wilden Biester tatsächlich sind.

Der "Kleine Samurai" ein wahrer MotoGP-Gentleman

Pedrosa könnte stundenlang von seinen Verletzungen berichten. Der mittlerweile 33-Jährige zahlte in seiner aktiven Karriere einen hohen Preis. Sowohl Fahrfehler als auch technische Defekte katapultierten Pedrosa zahlreiche Male in die Krankenhäuser dieser Welt und raubten ihm die Chance, in der MotoGP nach der Krone zu greifen.

Im kommenden Jahr möchte er KTM bei der Entwicklung der RC16 helfen. Ich habe an dieser Partnerschaft meine Zweifel. Erstens wirkte Pedrosa in der abgelaufenen Saison schon nicht mehr besonders motiviert und zweitens frage ich mich, was KTM mit den Erfahrungswerten des 50 Kilogramm schweren Pedrosas anfangen möchte.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Pedrosa tagelang neue Teile testet und bei jedem Stint voll motiviert das Limit auslotet, um KTM zuverlässige Feedbacks zu liefern. Was ich mir aber sehr gut vorstellen kann, ist, dass die Österreicher Pedrosas Strahlekraft nutzen, um ihr MotoGP-Projekt weltweit zu vermarkten. Kaum ein MotoGP-Pilot genießt so einen blitzsauberen Ruf wie Pedrosa. Ich behalte den "Kleinen Samurai" als wahren Gentleman des Sports in Erinnerung und wünsche ihm einen wohlverdienten Ruhestand.

Ihr,
Sebastian Fränzschky

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