Vor 15 Jahren: 1. Rennen der MotoGP-Ära und fast ein Überraschungssieg

Das 1. Rennen in der MotoGP-Ära der Motorrad-Weltmeisterschaft, der Grand Prix von Japan 2002 in Suzuka, wurde beinahe nicht von Valentino Rossi, sondern von Wildcard-Starter Akira Ryo gewonnen.

Vor 15 Jahren: 1. Rennen der MotoGP-Ära und fast ein Überraschungssieg

Beginnen wir mit einer Quizfrage: Wer war der bislang letzte Fahrer, der mit einer Wildcard ein Rennen der Motorrad-Weltmeisterschaft gewonnen hat?

Um die Antwort zu finden, muss man ganze 15 Jahre zurückgehen. Es war Osamu Miyazaki, der beim Saisonauftakt 2002, dem Grand Prix von Japan in Suzuka, das Rennen der 250er-Klasse gewann.

Am selben Tag, dem von Regen gekennzeichneten 7. April 2002, hätte es in Suzuka um ein Haar einen weiteren großen Überraschungssieger gegeben. Beim Rennen der Königsklasse führte Wildcard-Starter Akira Ryo mit seiner Suzuki 15 der 21 Runden an. Letzten Endes musste sich der Japaner nur knapp dem amtierenden Weltmeister Valentino Rossi (Honda) geschlagen geben.

Ryos Husarenritt ist heute genau 15 Jahre her und noch immer eine phänomenale Errungenschaft. Schließlich hätte ein 36-Jähriger, der in der Japanischen Superbike-Meisterschaft fuhr, beim 1. Rennen der MotoGP-Ära beinahe den Mann geschlagen, der bis heute als der erfolgreichste MotoGP-Pilot in die Geschichte eingehen sollte.

MotoGP bikes lined up

Mit eben jenem 1. Rennen der MotoGP-Ära wurden die seit den späten 1970er-Jahren eingesetzten 500er-Maschinen mit Zweitaktmotoren abgelöst und durch Viertakter mit 990 Kubikzentimetern Hubraum ersetzt.

Das Starterfeld für den Beginn der neuen Ära der Königsklasse umfasste 21 Bikes, wobei nur 9 davon (3 Honda, 3 Suzuki, 2 Yamaha und eine Aprilia) Viertakter waren. Die übrigen 12 Bikes waren Zweitakter (hauptsächlich Satelliten-Bikes von Honda und Yamaha, aber auch 2 Proton KR mit 3-Zylinder-Motor).

Das Qualifying fand bei trockenen Bedingungen statt. Die Pole-Position holte sich Rossi auf seiner Werks-Honda RC211V vor Loris Capirossi auf der Honda NSR500 aus dem Team von Sito Pons. Die übrigen Bikes in den Top 5 der Startaufstellung waren jedoch genau wie jenes von Polesitter Rossi Viertakt-Maschinen. Damit war der Anfang vom Ende der Zweitakter eingeläutet.

Ryo hatte seine Suzuki mit Dunlop-Reifen für den respektablen 7. Startplatz qualifiziert. Somit startete der Wildcard-Starter am Sonntag vor den Suzuki-Werkspiloten Kenny Roberts Jr. und Sete Gibernau. Doch es sollte noch besser kommen.

Race start

Beim Start übernahm Oliver Jacque mit der Zweitakter-Yamaha von Tech 3 die Führung. Doch schon bald wurde klar, dass der ehemalige 250er-Weltmeister vom 8. Startplatz kommend einen Frühstart hingelegt hatte.

Während Jacque bei den regnerischen Bedingungen auf Rang 3 zurückfiel, stürmte Ryo mit seiner Suzuki vom 7. Startplatz kommend bis auf Rang 2 nach vorn. Noch vor Ende der 1. Runde übernahm Ryo die Führung und zwar von einem anderen Lokalmatador: Honda-Testfahrer Shinichi Itoh, der bei seinem Heimspiel eine 3. RC211V im Werksteam fuhr.

Somit führte Ryo die 1. Runde in der Geschichte der MotoGP-Klasse an, gefolgt von Itoh, Jacque, Carlos Checa auf der Werks-Yamaha und Rossi.

Während sich die beiden Wildcard-Starter ganz vorn ihren großen Erfahrungsschatz auf dem Suzuka Circuit zu Nutze machten, begann Rossi seinerseits, in Richtung Spitze vorzudrängen. In Runde 2 ging Rossi in der Schikane an Checa vorbei. 2 Runden später wiederholte er das Manöver gegen Jacque, der zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht an der Box war, um seine Strafe abzusitzen.

Akira Ryo, Suzuki

Es dauerte bis zur 8. der 21 Runden, bis Rossi den 2. Rang von Itoh übernahm. Abermals bremste er sich in der Schikane vorbei. Fortan machte der letzte Weltmeister der 500er-Ära Jagd auf Ryo, der zu diesem Zeitpunkt mit 1,3 Sekunden Vorsprung führte.

Die Lücke fuhr Rossi schnell zu, aber für das Überholmanöver ließ er sich Zeit. "The Doctor" studierte die Linienwahl Ryos. Dabei fand er heraus, wo der Japaner stärker war und nutzte dieses Wissen anschließend, um selbst schneller zu werden. Der Führungswechsel erfolgte in Runde 16 – natürlich in der Anbremszone zur Schikane.

Valentino Rossi

Ryo hielt sich anschließend beachtlich, indem er Rossi wie ein Schatten folgte. Beim Überfahren der Ziellinie musste sich der Suzuki-Pilot um gerade mal 1,550 Sekunden geschlagen geben. Im Team konnte es zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen, aber dieser 2. Platz sollte als das beste Suzuki-Ergebnis der Saison 2002 in die Annalen eingehen.

"Ich bin sehr zufrieden. Ich bin mir aber sicher, dass mich das Team gerne als Sieger gesehen hätte", sagte Ryo nach dem Rennen, um anzufügen: "In der letzten Runde versuchte ich, Rossi noch einmal zu überholen, hätte dabei aber beinahe das Gleichgewicht verloren. Also entschied ich, den 2. Platz nach Hause zu fahren. So oder so bin ich sehr glücklich, gegen Rossi, den Weltmeister, gefahren zu sein."

Winner Valentino Rossi, Repsol Honda Team celebrates

Rossi war in erster Linie erleichtert. Als der Favorit schlechthin wurde von ihm nichts anderes als der Sieg erwartet. Capirossi scherzte vor dem Rennen sogar, dass sein Landsmann selbst "mit einem Arm auf dem Rücken" in der Lage sein würde, zu gewinnen.

Doch obwohl er von der Pole-Position startete, hatte der damals 23-jährige Rossi Zweifel, ob er im Regen würde mithalten können. Seine Vorstellung im Warmup am Sonntagmorgen war nämlich alles andere als überzeugend.

"Das ist natürlich ein besonderer Moment, weil es das 1. Rennen dieser neuen Klasse ist", sagte Rossi nach seinem Sieg. Mit diesem machte er sich zum ersten Fahrer seit Giacomo Agostini in der Saison 1976, der ein Rennen der Königsklasse mit einem Viertakter-Motorrad gewonnen hat.

"Dieser Sieg ist für mich noch aus einem anderen Grund wichtiger als normal, denn am Freitag und Samstag bin ich jeweils gestürzt. Auf trockener Strecke kannte ich mein Potenzial genau, auf nasser Strecke aber nicht. Im Warmup am Morgen war ich nur 14., also wusste ich nicht, ob es möglich sein würde, um einen Podestplatz zu kämpfen", so Rossi sichtlich erleichtert.

Podium: 1. Valentino Rossi, Repsol Honda Team; 2. Akira Ryo, Suzuki; 3. Carlos Checa, Yamaha Factory Racing

Checa holte sich den letzten Podestplatz, nachdem er in der Schlussphase an Itoh vorbeigegangen war. Bestplatzierter Fahrer auf einer Zweitakter-Maschine war Norick Abe auf dem abgeschlagenen 5. Platz. Mit seiner Yamaha aus dem Team von Luis d'Antin hatte der Japaner bereits 20 Sekunden Rückstand auf Sieger Rossi.

Rossi indes ließ im Verlauf der Saison weitere 10 Siege folgen und verteidigte seinen Titel mit noch größerem Vorsprung (140 Punkte) gegenüber Erzrivale Max Biaggi, der mit seiner Werks-Yamaha abermals der größte Gegner war.

Unterm Strich wurden alle 16 Rennen der MotoGP-Saison 2002 von Viertaktern gewonnen. Pons-Pilot Alex Barros nämlich erhielt 4 Rennen vor Schluss der Saison ebenfalls eine RC211V. Mit dieser gewann er prompt den Grand Prix von Pazifik in Motegi, nachdem er bis dahin mit einer NSR500 unterwegs gewesen war. Beim Saisonfinale in Valencia ließ Barros einen weiteren Sieg folgen.

Mitte der Saison 2003 waren die 500er-Maschinen endgültig von der Bildfläche verschwunden, als Ducati und Kawasaki das Feld mit ihren 990er-Prototypen bereicherten.

Die MotoGP-Ära war somit in vollem Gange, aber sie hätte im Regen von Suzuka beinahe mit einer der größten Überraschungen ihrer Geschichte begonnen.

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