Vor MotoGP-Test in Brünn: Pirelli will keinen "Marquez-Reifen" entwickeln
Beim MotoGP-Test in Brünn dürfen erstmals Stammfahrer mit Pirelli-Reifen testen - Der italienische Hersteller will alle Teams und Fahrer gleichbehandeln
Pirelli ist gespannt auf den Montagstest in Brünn
Foto: Alexander Trienitz
Am Montag nach dem Grand Prix von Tschechien findet in Brünn ein Testtag mit Hinblick auf die MotoGP-Saison 2027 statt. An diesem Tag dürfen erstmals die Stammfahrer die neuen Prototypen mit 850 Kubikzentimetern Hubraum und Pirelli-Reifen fahren.
Allerdings ist noch unklar, wie viele Fahrer und Satellitenteams überhaupt teilnehmen werden. Beispielsweise hat das VR46-Ducati-Team gegenüber Motorsport-Total.com bestätigt, dass man nicht an diesem Test teilnehmen wird.
Es gibt auch nur wenige Stammfahrer, die im nächsten Jahr derselben Marke treu bleiben werden. Das sind Marco Bezzecchi (Aprilia), Toprak Razgatlioglu (Yamaha), Diogo Moreira (Honda) sowie die Ducati-Piloten Fermin Aldeguer und Marc Marquez.
Falls es keine kurzfristigen Änderungen gibt, wird KTM keinen vertraglich gebundenen Fahrer zur Verfügung haben und in Brünn weiterhin auf die Testfahrer zurückgreifen müssen.
Allerdings schließen einige Hersteller nicht aus, dass aktuelle Fahrer, selbst wenn sie im nächsten Jahr nicht mehr Teil des Teams sein werden, die 2027er-Maschine mit den neuen Reifen testen könnten.
Diese Tests sind sowohl für die Entwicklung der Motorräder als auch für die der Reifen entscheidend. Seit im März 2025 bekannt wurde, dass Pirelli Michelin ablösen wird, arbeitet der italienische Hersteller intensiv an der Entwicklung.
Im Oktober 2025 wurde eine erste Charge von 70 Reifen an jeden Hersteller geliefert. Ende April dieses Jahres folgte eine zweite Lieferung im gleichen Umfang. Denn es wurden mit den Testteams schon einige Privattests durchgeführt.
"Ich kann die Zahlen nicht bestätigen, aber ja, zwei Chargen Reifen wurden bereits ausgeliefert", sagt Giorgio Barbier, Motorsport-Direktor von Pirelli Motorrad, gegenüber Motorsport.com Spanien, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com.

Gigi Dall'Igna und Giorgio Barbier im Gespräch
Foto: Mirco Lazzari/Getty Images
Die zweite Lieferung brachte im Vergleich zur ersten bereits eine Weiterentwicklung mit sich. "Das stimmt. Wir werden die drei Tests in diesem Jahr nutzen, um die Reifen weiterzuentwickeln."
"Erstens wollen wir verstehen, welche Karkassen am besten zu diesen neuen Motorrädern passen. Zweitens wollen wir eine Palette für die kommende Saison entwickeln, die unterschiedliche Anforderungen abdeckt."
Testteams konnten mit bisherigen Reifen gut arbeiten
Nach Brünn wird es auch nach den Rennwochenenden in Spielberg und Valencia offizielle Tests geben. Der Test in Brünn findet hinter verschlossenen Türen statt. Für Spielberg und Valencia steht diese Entscheidung noch aus.
Bisher hat Pirelli bei den Privattests der Testteams Eindrücke und Daten für die Entwicklung gesammelt. Da der Vertrag mit Michelin noch bis zum Saisonende besteht, dürfen sich die Testfahrer noch nicht konkret über die Pirelli-Reifen äußern.
Auch Barbier darf nicht viel dazu sagen: "Ich möchte keine Fahrerkommentare übermitteln. Ich kann nur sagen, dass wir bereits viele Versuche und Tests durchgeführt haben."
"In Mugello wurden die Reifen aus der ersten Charge zurückgegeben, und sie wurden alle verwendet. Dass alle genutzt wurden, zeigt, dass die Hersteller mit dem Material arbeiten konnten."

Pol Espargaro hat den neuen KTM-Prototypen schon getestet
Foto: Getty Images AsiaPac
"Es gab keine Lösung, bei der gesagt wurde: 'Nein, das funktioniert nicht, nach zwei Runden geht nichts mehr.' Sie konnten arbeiten und verschiedene Komponenten vergleichen: Aerodynamik, Elektronik, Motor, Chassis."
"Und das mit allen Reifen, die wir geliefert haben. Das ist ein positives Signal", bewertet der Pirelli-Manager. Auch wenn keine genauen Details bekannt sind, ist davon auszugehen, dass die gelieferten Reifen verschiedene Mischungen umfassen.
"Wir haben mit einer Basis begonnen, die wir kennen, und haben versucht, die leistungsfähigsten, ich würde nicht sagen wettbewerbsfähigsten, sondern die weichsten Materialien einzusetzen."
"Es sind Reifen mit gutem Grip, die Gefühl und Vertrauen vermitteln, damit der Fahrer sicher arbeiten kann", erklärt Barbier und ergänzt, dass es "verschiedene Karkassen und Mischungen" gibt.
Es handelt sich um einen umfassenden Reifenkatalog mit klar definierten Eigenschaften: "Wir kennen die Stärken der Pirelli-Rennreifen: Grip, schnelles Aufwärmen und das Vertrauen, das sie dem Fahrer sofort vermitteln."
Das Problem ist, dass bislang kein Stammfahrer die Pirelli-Reifen getestet hat. "Keiner, am ehesten vielleicht Augusto Fernandez, der sie bereits gefahren hat", nennt Barbier den Yamaha-Testfahrer.
Pirelli betont: Es wird kein Marquez-Reifen entwickelt
Für Pirelli ist es jedoch entscheidend, dass die Topfahrer testen. "Das ist immer extrem wichtig, denn Unterschiede im Fahrstil, bei den Rundenzeiten und in der Fähigkeit, Motorrad und Reifen ans Limit zu bringen, sind entscheidend."
Deshalb ist der kommende Test in Brünn von zentraler Bedeutung. "Absolut", blickt Barbier voraus. Allerdings werden voraussichtlich nur Fahrer wie Marquez, Bezzecchi, Aldeguer, Razgatlioglu oder Moreira teilnehmen.
Und es ist offensichtlich, dass insbesondere die Rückmeldungen von Weltmeister Marquez aufgrund seiner Erfolgsbilanz von den Pirelli-Ingenieuren besonders aufmerksam verfolgt werden könnten.

Marc Marquez könnte die 850er-Ducati mit Pirelli in Brünn testen
Foto: Getty Images Europe
Es stellt sich die Frage, ob deshalb die 2027er-Reifen zu "Marquez-Reifen" werden könnten. "Nein, Pirellis Absicht ist es nicht, einen 'Marquez-Reifen' zu entwickeln. Das entspricht nicht unserer Arbeitsweise und nicht unserem Stil."
"In 23 Jahren in der Superbike-WM haben wir stets ein Gleichgewicht gewahrt, und genau das ist auch jetzt unser Ziel, ebenso wie das der Dorna. Wir wollen nicht anders arbeiten", stellt Barbier klar.
"Klar ist, dass Fahrer, die uns mehr Informationen und besseres Feedback liefern können, auch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wir werden sehr genau auf ihre Aussagen achten, um die Reifen weiterzuentwickeln."
"Entscheidend ist also die Fähigkeit eines Fahrers, Feedback zu verstehen und zu kommunizieren, egal ob Marquez oder jemand anderes." Für die Stammfahrer könnte es ein Vorteil sein, je früher sie die Pirelli-Reifen erstmals testen.
Bulega könnte einen Vorteil haben
"Das stimmt", meint auch Barbier. "Wer früher mit Pirelli testet, kann die Entwicklung des Motorrads beeinflussen, nicht aber die des Reifens. Das ist ein großer Vorteil, denn beides hängt schließlich zusammen."
"Dasselbe gilt für Ducati, die mit Michele Pirro und anschließend mit Nicolo Bulega testen. Sollte Bulega 2027 MotoGP-Fahrer bei Ducati werden, wird er dank der Testarbeit bestens vorbereitet sein, sowohl beim Motorrad als auch bei den Reifen."

Nicolo Bulega hat die 850er-Ducati mit Pirelli bereits in Mugello getestet
Foto: Mirco Lazzari/Getty Images
Im Fall Bulega könnte seine umfangreiche Erfahrung mit Pirelli-Reifen in der Superbike-WM ein Vorteil sein, sollte er in die MotoGP aufsteigen. "Was das Vertrauen betrifft: ein enormer Vorteil", ist auch Barbier überzeugt.
"Er wird dieses typische Gefühl wiederfinden, denn er selbst hat beim Test der 850er-Maschine gesagt, dass er den Pirelli-Charakter erkannt hat. Als er im vergangenen Jahr MotoGP gefahren ist, hatte er Schwierigkeiten mit den Reifen."
Dennoch sieht der Pirelli-Manager ein Problem: "Der Fahrermarkt ist derzeit chaotisch, fast unkontrollierbar, mit vielen Wechseln zwischen Teams und Herstellern. Das wird für Verwirrung sorgen."
"Ich möchte nicht, dass ein Fahrer zum Valencia-Test am 1. Dezember kommt, ohne zuvor Pirelli-Reifen getestet zu haben - was soll er dort dann überhaupt testen?" Trotzdem dürfte genau das eintreten.
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