Warum Barcelona die MotoGP-Piloten zum Zusammenschluss zwingen könnte
Bislang ist in der Motorrad-WM die Idee einer Fahrervereinigung nach F1-Vorbild gescheitert - Kommt es nach den Warnsignalen vom Katalonien-GP nun endlich dazu?
Finden sich die MotoGP-Piloten nun doch in einer Vereinigung zusammen?
Foto: Gold Gold
Die Debatte, die am vergangenen Sonntag am Circuit de Barcelona-Catalunya darüber entbrannte, das MotoGP-Rennen trotz zweier roter Flaggen nicht abzubrechen, könnte der letzte Anstoß sein, den die Fahrer brauchen, um sich zusammenzuschließen. Zusammenzuschließen in einem Verband, der ihre Interessen vertreten kann - ähnlich wie es die Fahrergewerkschaft GPDA in der Formel 1 tut.
Der Rennsonntag beim Grand Prix von Katalonien vereinte alle Elemente, die diese Disziplin in der globalen Sportlandschaft einzigartig machen - etwas, das Liberty Media klar erkannte, als man vor zwei Jahren mehr als vier Milliarden Dollar in den Erwerb der Motorrad-Weltmeisterschaft investierte.
Barcelona 2026 nun hat einmal mehr deutlich gemacht, dass MotoGP-Piloten im Motorsport so etwas wie Astronauten oder Außerirdische sind - aufgrund ihrer Fähigkeit, sich mental wieder zu fangen, nachdem sie zwei schreckliche Unfälle miterlebt hatten, die eine zweimalige Unterbrechung des Rennens erzwangen.
Acosta und Martin hinterfragen Abläufe in Barcelona
Während Alex Marquez und Johann Zarco nach ihren separaten Unfällen auf dem Weg ins Krankenhaus waren, musste der Rest des Feldes für einen dritten Start wieder auf die Motorräder steigen - ein Start, der in den Augen der meisten von ihnen niemals hätte stattfinden dürfen.
"Es stimmt, dass wir bereits Erfahrung haben mit Situationen wie der, die wir gerade durchgemacht haben. Und ich verstehe, dass die Show nach einer roten Flagge weitergehen muss", sagte Pedro Acosta, an dessen KTM ein technisches Problem unbeabsichtigt den heftigen Sturz von Alex Marquez auslöste, der zur ersten Unterbrechung führte.
"Aber ich bin nicht damit einverstanden, dass wir nach zwei so schlimmen Zwischenfällen ein drittes Mal neu starten müssen", so Acosta. Die erste Diagnose von KTM ergab, dass ein elektronischer Defekt an der RC16 Ursache dafür war, dass der Beschleunigungsvorgang unterbrochen wurde, als Alex Marquez direkt hinter Acosta fuhr und keine Zeit mehr zum Reagieren hatte.

Pedro Acosta und Jorge Martin kritisieren im Nachhinein, dass es drei Starts gab
Foto: Getty Images Europe
Jorge Martin äußerte eine fast identische Ansicht. "Man sagt immer, die Show muss weitergehen, aber ich denke, es kommt ein Punkt, an dem man anfangen muss, über die menschliche Seite nachzudenken. Ich weiß nicht, inwieweit es notwendig war, dieses Risiko weiter einzugehen", sagte Martin.
"Ich bin ein Angestellter. Ich tue, was mir gesagt wird", so der Aprilia-Werkspilot, bevor er hinzufügte: "Aber wir müssen innehalten und darüber nachdenken, ob es sich wirklich lohnt, unser Leben so zu riskieren. Dreimal neu zu starten ist sehr gefährlich und übertrieben. Ich komme mental damit klar, aber andere können das nicht. Die Atmosphäre, die dabei entsteht, lädt geradezu dazu ein, dass solche Dinge passieren."
Nicht das erste warnende Beispiel
Sogar Fabio Di Giannantonio, letztlich der Sieger des Rennens, gab zu, dass er Zweifel hatte. War es angemessen, an einem Sonntag voller Warnsignale ein drittes Mal auf die Strecke zurückzukehren? "Es stellt sich immer die Frage, ob man weitermacht oder aufhört. Das ist zwar eine Show, aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir Menschen sind", sagte der VR46-Pilot.
Das letzte Mal, dass ein bereits gestartetes MotoGP-Rennen vollständig abgesagt wurde, ohne dass der Rennbetrieb wieder aufgenommen wurde, das war am 23. Oktober 2011 in Sepang, dem tragischen Tag, an dem Marco Simoncelli ums Leben kam. Die Aufregung um Vorfälle wie die am Sonntag auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya hält im Fahrerlager meist nur kurz an.

Welche Auswirkungen hat der Grand Prix von Katalonien 2026, wenn überhaupt?
Foto: Eric Alonso / Getty Images
Die Atmosphäre der Bestürzung in Barcelona ähnelte der, die im vergangenen Jahr in Sepang nach der Kollision zwischen Noah Dettwiler und Jose Antonio Rueda in der Besichtigungsrunde des Moto3-Rennens herrschte. Auch damals, inmitten der Ungewissheit über Dettwilers Zustand, hinterfragten mehrere Stimmen die Entscheidung, das Rennen tatsächlich zu starten. "Dieses Rennen hätte niemals starten dürfen", sagte Pedro Acosta an jenem 26. Oktober 2025 in Malaysia.
Was am vergangenen Sonntag in Barcelona geschah, veranschaulicht perfekt das Ungleichgewicht zwischen der Rolle, die die Fahrer spielen, und dem tatsächlichen Einfluss, den sie in so kritischen und extremen Momenten wie denen beim Grand Prix von Katalonien ausüben.
Am Sonntag herrschte unter den Fahrern breiter Konsens darüber, dass die Absage des Grand Prix die richtige Entscheidung gewesen wäre, da sie sich nicht in der richtigen mentalen Verfassung befanden, um zu fahren. Doch dieser Konsens hatte nicht genug Gewicht, um die Entscheidung der Organisatoren, nämlich das geplante Programm fortzusetzen, in Frage zu stellen.
Die Sache mit der Sicherheitskommission
Das Szenario hätte ganz anders aussehen können, hätten die Fahrer gemeinsam gesprochen, vereint unter einer Dachorganisation, die sie vertreten kann. Die Rede ist von dem seit Jahren diskutierten Fahrerverband, der jedoch nie vollständig zustande gekommen ist. Individualismus, mangelnder Zusammenhalt und das Fehlen einer echten kollektiven Denkweise sind wohl die Hauptgründe dafür.
Diese Einschätzung wird durch Beschwerden mehrerer Fahrer über die geringe Teilnahme an den Sitzungen der Sicherheitskommission an den Freitagen aller MotoGP-Rennwochenenden untermauert. In diesen Sitzungen setzen sich die Fahrer hinter verschlossenen Türen mit den Organisatoren zusammen, um alle Themen zu besprechen, die sie betreffen.
"Es spielt keine Rolle, ob wir Freunde sind oder nicht. Was zählt, ist Respekt", sagte Francesco Bagnaia. "Wenn es um wichtige Dinge wie die Sicherheitskommission geht, müssen wir einfach da sein, Punkt. Wir sind diejenigen, die wissen, wo die Grenzen liegen. Und wenn wir der Meinung sind, dass etwas so ernst ist, dass wir nicht fahren sollten, dann müssen wir das auch sagen."

"Pecco" Bagnaia kritisiert seine Kollegen für das Fehlen bei den Freitags-Meetings
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"Aber wenn nur drei Fahrer zu den Sitzungen der Sicherheitskommission erscheinen, dann verlieren wir enorm an Einfluss", beklagte Bagnaia und bezog sich dabei auf den Freitag in Le Mans, als nur er selber, Jack Miller und Luca Marini an der Sitzung teilnahmen.
Am Le-Mans-Freitag wurde nach dem Vorfall um Marc Marquez zwei Wochen zuvor in Jerez eine sofortige Regeländerung bezüglich der Regeln für die Einfahrt in die Boxengasse beschlossen. "Ich war schon immer der Meinung, dass solche Änderungen am Ende der Saison vorgenommen werden sollten", fügte Bagnaia hinzu und gab zu bedenken: "Aber welchen Einfluss haben wir schon, wenn nur drei von uns so denken?"
In der Formel 1 wurde die Grand Prix Drivers' Association (GPDA) ursprünglich 1961 unter dem Vorsitz von Stirling Moss gegründet, bevor sie 1994 neu ins Leben gerufen wurde. Seitdem hat die Organisation - derzeit unter der Leitung von Alexander Wurz, George Russell und Carlos Sainz Jr. sowie mit rechtlicher Unterstützung durch die Anwaltskanzlei von Anastasia Fowle - den Fahrern eine gemeinsame Stimme verliehen, wann immer sie dies für notwendig erachteten.
Fahrer-Manager: "MotoGP-Piloten verstehen Offensichtliches nicht"
Vor zwei Jahren sandte die GPDA einen Brief, in dem sie die FIA und ihren Präsidenten Mohammed Bin Sulayem dafür kritisierte, dass sie die Fahrer "wie Kinder" behandelten und ihnen wegen der Verwendung beleidigender Sprache mit Sanktionen drohte. 2022 stand das Formel-1-Fahrerfeld kurz davor, während des Grand-Prix-Wochenendes in Saudi-Arabien den Start zu verweigern, nachdem es nur wenige Kilometer von der Rennstrecke entfernt Explosionen gegeben hatte.
Die Motorrad-WM mit ihrer Königsklasse MotoGP kam 2023 der Gründung einer ähnlichen Organisation wie der GPDA am nächsten. Damals war sich das Fahrerfeld einig, dass Sylvain Guintoli die richtige Person als Vertreter und Sprecher sei. Der Prozess scheiterte, als es um die Finanzierung und die Deckung der Betriebskosten ging. Erwähnenswert ist auch, dass die Dorna die Initiative mit einem gewissen Misstrauen betrachtete, da ein potenzielles Machtgleichgewicht geschaffen werden könnte.
"MotoGP-Piloten unterscheiden sich von Formel-1-Fahrern. Hier kümmert sich jeder um sich selber, und sie verstehen etwas Offensichtliches nicht: Gemeinsam wären sie weitaus stärker und könnten viel mehr für das Gemeinwohl erreichen", erklärt ein Manager, der mehrere Fahrer vertritt, gegenüber der spanischsprachigen Ausgabe von Motorsport.com, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network.
"Denn mit der Mentalität, die sie an den Tag legen, werden sie bei jedem Streit oder jeder Konfrontation mit der Dorna immer auf der Verliererseite stehen. Es ist eine Frage der Aufklärung und des Bewusstseins", so der Manager.
Die MotoGP-WM ruht auf vier Säulen: dem Veranstalter, den Herstellern, den Teams und den Fahrern. Der Veranstalter hält natürlich den größten Teil der Macht. Die Hersteller sind in der MSMA zusammengeschlossen, während die Teams von der IRTA vertreten werden.
Die einzigen Akteure, die noch ungeschützt sind, sind die Fahrer selber - die Hauptgladiatoren dieses Zirkus und paradoxerweise auch diejenigen, die in jeder Hinsicht am meisten verwundbar sind.
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