Warum die Ein-Motorrad-Regel den MotoGP-Paddock in Aufruhr versetzt
Der Vorschlag, die Anzahl der Bikes pro MotoGP-Pilot in Trainings von zwei auf eines zu reduzieren, hat potenziell weitreichende Konsequenzen, die für Zündstoff sorgen
In den MotoGP-Trainings 2027 könnte es Bilder wie dieses nicht mehr geben
Foto: Gold Gold
Der Grand Prix von Ungarn 2026 könnte sich sowohl kurz- als auch langfristig als Wendepunkt für die MotoGP-Szene erweisen. Auf der Strecke kehrte Marc Marquez auf die Siegerstraße zurück und weckte damit Zweifel bei denen, die bereits davon ausgegangen waren, dass der Titelkampf für Aprilia so gut wie gewonnen sei.
Abseits der Strecke hat sich die Aufmerksamkeit jedoch zunehmend auf die Saison 2027 verlagert, genauer gesagt auf die Auswirkungen des Vorschlags der Herstellervereinigung (MSMA), während der MotoGP-Trainings nur noch ein einziges Motorrad pro Fahrer zur Verfügung zu haben.
Wir haben im Monat Mai erstmals über diese Möglichkeit berichtet. Seitdem haben die Hersteller weiter daran gearbeitet, die Maßnahme zu formalisieren. Was viele zunächst als unwahrscheinliche Idee abgetan hatten, steht nun nach dem jüngsten MSMA-Treffen, das am vergangenen Sonntag am Balaton Park Circuit stattfand, kurz vor der Umsetzung.
Das Treffen begann um 9 Uhr morgens, unmittelbar nach dem Warm-up, in den Büros der MotoGP Sports Entertainment Group (MotoGP SEG), dem Promoter der Motorrad-Weltmeisterschaft (vormals Dorna Sports). Das Treffen dauerte etwa 50 Minuten, wobei die meisten Hersteller waren durch zwei Führungskräfte vertreten waren.
Ducati wurde durch Gigi Dall'Igna und Mauro Grassilli vertreten. Yamaha entsandte Takahiro Sumi und Paolo Pavesio. Honda wurde durch Mikihiko Kawase und Alberto Puig vertreten, KTM durch Jens Hainbach und Pit Beirer, während Aprilia durch Massimo Rivola vertreten war. Ebenfalls anwesend war Biense Bierma, der die Hersteller bei den Sitzungen der Grand-Prix-Kommission vertritt.
Letztendlich ist es die Grand-Prix-Kommission, die die Regeländerung durch eine Abstimmung formell genehmigen muss. Unsere Kollegen von Motorsport.com gehen jedoch davon aus, dass die meisten Teams den Vorschlag als sehr wahrscheinlich ansehen - trotz erheblicher Vorbehalte in den Teams und wachsender Kritik an den möglichen Folgen.
Die Hintergründe des Vorschlags sind erwähnenswert. Die Hersteller brachten die Idee zunächst als Druckmittel in den Verhandlungen mit der MotoGP SEG ein, um einen größeren finanziellen Anteil aus dem nächsten kommerziellen Vertrag für den Zeitraum 2027 bis 2031 zu erlangen. Kostensenkungen wurden als zentrales Argument angeführt.

Dass die Ein-Motorrad-Regel 2027 wirklich kommt, wird immer wahrscheinlicher
Foto: Gold & Goose Photography / Getty Images
Nach Schätzungen mehrerer von Motorsport.com Spanien befragter Führungskräfte könnten sich die Einsparungen auf rund 1,5 Millionen Euro pro Team belaufen. Diese Einsparungen würden vor allem aus zwei Bereichen stammen.
Der erste Bereich wäre ein geringerer Personalbedarf, der zweite eine geringeren Laufleistung der Prototypen auf zwei Rädern. Gleichzeitig drängen die Hersteller auch auf kürzere Trainingssitzungen - eine Idee, die erstmals beim Grand Prix von Italien in Mugello aufkam.
Die Teams verließen Mugello mit einem faktischen mündlichen Konsens zugunsten des Ein-Motorrad-Konzepts. Dieser Eindruck verstärkte sich am folgenden Donnerstag im Balaton Park noch. Dort festigte ein weiteres, mehr als dreistündiges Treffen die Unterstützung für den Vorschlag weiter.
Die Aussicht, eines der beiden Motorräder aus dem Blick der Öffentlichkeit zu entfernen, während die Ersatzmaschine während der Trainingssitzungen im hinteren Teil der Box oder im Transporter aufbewahrt wird, bleibt höchst umstritten.
Denn dies hätte nicht nur erhebliche sportliche Auswirkungen, sondern würde auch die Motorradentwicklung erheblich verlangsamen, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, an dem man sich auf das grundlegend neue technische MotoGP-Reglement 2027 vorbereitet.

Verlgeichstests von Teilen im Training wären mit der neuen Regel nicht möglich
Foto: Gold & Goose Photography / Getty Images
"Aus Sicht der Entwicklung würde sich der Zeitaufwand für die Evaluierung neuer Teile verdoppeln", erklärt ein KTM-Ingenieur gegenüber der spanischsprachigen Ausgabe von Motorsport.com, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, unter der Bedingung der Anonymität.
"Wenn wir heute eine neue Schwinge oder ein neues Chassis erhalten, montieren wir die Teile an einem Motorrad und vergleichen sie direkt mit dem anderen. Mit nur einem verfügbaren Motorrad wird dieser Prozess viel länger und weitaus ineffizienter", so der KTM-Ingenieur.
Die MSMA-Mitglieder wollen sich am Mittwoch erneut per Videokonferenz treffen. Nach den Entwicklungen in Ungarn scheint es jedoch realistischer, davon auszugehen, dass sich die Diskussionen auf die noch zu klärenden Details konzentrieren werden (einschließlich einer möglichen Sperrstunde zur Begrenzung der Arbeitszeiten und Einschränkungen, welches Personal an den Motorrädern arbeiten darf), anstatt auf ernsthafte Versuche, den Kurs umzukehren.

Die Ein-Motorrad-Regel hätte auch massive wirtschaftliche Konsequenzen
Foto: Getty Images North America
Abgesehen von den sportlichen und organisatorischen Auswirkungen wirft der Vorschlag auch erhebliche wirtschaftliche Fragen auf. Seit der Übernahme der Motorrad-WM durch Liberty Media verfolgen die Verantwortlichen der Weltmeisterschaft eine ehrgeizige Wachstumsstrategie, die darauf abzielt, die weltweite Attraktivität zu steigern und das Spektakel auf der Rennstrecke zu maximieren. Es ist schwierig, dieses Ziel mit einer Regelung in Einklang zu bringen, die jedem Fahrer faktisch eines seiner zwei Motorräder streicht.
Das Problem wird besonders im Falle von Stürzen deutlich. Nach dem vorgeschlagenen System könnten Fahrer, die im Verlauf des Rennwochenendes stürzen, erst in der nächsten Session auf die Strecke zurückkehren. Das würde zwangsläufig die Präsenz der Sponsoren auf der Strecke verringern und könnte kommerzielle Partner dazu veranlassen, Vereinbarungen zu überdenken, die unter ganz anderen Annahmen ausgehandelt wurden.
Für eine Weltmeisterschaft, die ihre Sichtbarkeit erhöhen und neue Zielgruppen gewinnen will, ist dieser Widerspruch kaum zu übersehen. Was als kostensparender Vorschlag begann, könnte letztlich nicht nur die sportliche MotoGP-Landschaft neu gestalten, sondern auch die Art und Weise, wie sich die Rennserie gegenüber Herstellern, Sponsoren und Fans präsentiert.
Diese Story teilen oder speichern
Registrieren und Motorsport.com mit Adblocker genießen!
Von Formel 1 bis MotoGP berichten wir direkt aus dem Fahrerlager, denn wir lieben unseren Sport genau wie Du. Damit wir dir unseren Fachjournalismus weiterhin bieten können, verwendet unsere Website Cookies. Dadurch wird Dein Nutzererlebnis optimiert und die Werbung auf Deine Interessen zugeschnitten. Wir wollen dir aber natürlich trotzdem die Möglichkeit geben, eine werbefreie Website zu genießen.