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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Alberto Puig (HRC)

Kein Honda-Pilot in den Top 10 der WM: HRC-Teammanager Alberto Puig kämpft mit vielen offenen Baustellen und muss weiter auf den "alten" Marc Marquez warten

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Alberto Puig (HRC)

Liebe Freunde der MotoGP,

ein Ducati-Doppelsieg in Jerez? Damit hätte vor dem Renn-Wochenende in Andalusien wohl keiner gerechnet. Der winklige Kurs in Südspanien zählte in den vergangenen Jahren eher zu den Angststrecken der Roten. Doch um die Gewinner soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Während Sieger Jack Miller nach dem Befreiungsschlag am Sonntag sicher wie ein Baby geschlafen hat, dürften den Verantwortlichen von Honda einige Fragen durch den Kopf geschossen sein. Für die heutige Kolumne nominiere ich deshalb HRC-Teammanager Alberto Puig.

Honda-Werkspiloten sind in Jerez nur Mittelmaß

Aus gesundheitlichen Gründen konnte Puig bei den beiden vergangenen Wochenenden nicht dabei sein. Doch was er im Fernseher und über die Standleitung nach Jerez mitbekam, dürfte dem knurrigen Spanier überhaupt nicht gefallen haben.

Ohne die Probleme einiger anderer Fahrer hätten es die hoch gehandelten Honda-Werkspiloten nicht einmal in die Top 10 geschafft.

Marc Marquez auf Platz neun, direkt vor Honda-Teamkollege Pol Espargaro: Auch beim vierten MotoGP-Event der laufenden Saison konnte das erfolgsverwöhnte Repsol-Honda-Team nicht ums Podium kämpfen.

Marc Marquez

Marc Marquez und Pol Espargaro wurden nur durch die Probleme der anderen Fahrer in die Top 10 gespült

Foto: Motorsport Images

Bitter: Aktuell liegt kein Honda-Pilot in den Top 10 der Meisterschaft. Sieht man von Takaaki Nakagamis gutem Ergebnis ab, dann kann man den Spanien-Grand-Prix als großen Reinfall bezeichnen.

Marc Marquez noch weit von seiner Form entfernt

Für Marc Marquez lief in Jerez - einer seiner Paradestrecken - wenig zusammen. Der heftige Sturz im FT3 am Samstagvormittag war daran natürlich nicht ganz unschuldig. Doch erinnern Sie sich mal zehn Monate zurück. Beim Saisonauftakt im Vorjahr fuhr Marquez in Jerez in einer eigenen Liga. Bei seiner Aufholjagd nach dem Ausritt ins Kiesbett pflügte die Nummer 93 durchs Feld, als ob die anderen Fahrer Amateure sind.

Marc Marquez

Marc Marquez geht deutlich vorsichtiger zu Werke als in der Vergangenheit

Foto: Motorsport Images

Von dieser Form ist Marquez momentan meilenweit entfernt. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich wäre es unrealistisch gewesen, beim zweiten Rennen nach der langen Verletzungspause einen dominanten Sieg zu erwarten. Aber andererseits hätte ich eine Steigerung im Vergleich zu Portimao erwartet.

In den Wochen vor dem großen Comeback in Portimao grübelten wirklich alle, ob Marquez nach der langen Pause der Alte sein wird. So richtig konnte das keiner beantworten. Als ich ihn in Portimao im ersten Training sah, dachte ich, die Frage sei klar beantwortet. Wer nach neun Monaten Pause gleich in die Top 3 fährt, der hat sein Mojo nicht verloren. Doch mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Die Verletzungspause hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen

Wenn ich Marc reden höre, dann erkenne ich da einen anderen Marc. Einen vorsichtigeren Marc, einen der die Gefahren ganz anders wahrnimmt als in der Vergangenheit. "Man hat nur einen Körper", hat er im Rahmen seines Comebacks immer wieder gesagt. Diese Erkenntnis ist wichtig und richtig, aber sie dürfte nicht helfen, wenn man am oder über dem Limit agiert.

Marc Marquez

Der Sturz im FT3 war für Marc Marquez' Selbstvertrauen keine Hilfe

Foto: Motorsport Images

Bei sicherheitsrelevanten Diskussionen nimmt Marquez eine extrem konservative Haltung ein. Wenn es nach ihm gehen würde, dann wären die aktuellen MotoGP-Bikes nicht so schnell und die Sicherheit der Kurse würde über allem stehen. Ich möchte nicht so weit gehen und diese Aussagen als Schwäche einstufen. Doch sie zeigen, dass wir es mit einem deutlich reflektierten Marc Marquez zu tun haben als in der Vergangenheit.

Das Verlangen nach Sicherheit überstimmt die Logik

Der Strategiefehler im Qualifying stützt diesen Eindruck zusätzlich. Marquez entschied sich im Q1 für den weichen Vorderreifen. Diese Entscheidung verhinderte den Aufstieg ins Q2 und bewirkte genau das Gegenteil von dem, was er damit bezwecken wollte.

Der Sturz im FT3 hatte Marquez so verunsichert, dass er mit dem weichen Vorderreifen weitere Stürze über das Vorderrad verhindern wollte. Doch der weiche Vorderreifen war für Marquez und die Honda nie eine echte Option. Das Verlangen nach Sicherheit dominierte über den Verstand. Der "alte" Marquez hätte nie so eine Fehlentscheidung getroffen.

Aktuell kann ich mir schwer vorstellen, zeitnah wieder den Marquez zu sehen, den wir bis Juli 2020 sahen. Rückschläge, wie der Sturz am Samstag, bremsen diese Entwicklung natürlich. Aber solche Stürze waren jahrelang Teil von Marquez' Arbeitsroutine. Klingt abgedreht, aber ist so.

Droht Honda eine weitere sieglose MotoGP-Saison?

Und jetzt kommen wir zu Alberto Puig zurück. Aktuell dürften dem ehemaligen 500er-WM-Pilot viele Fragen durch den Kopf schießen. Sowohl bei den Fahrern als auch bei der Technik läuft es nicht rund. Schnelle Auswege aus der Krise sehe ich nicht.

Alberto Puig

Welche Ideen hat Alberto Puig für die Zukunft?

Foto: Motorsport Images

In der MotoGP-Saison 2020 wurde aufgedeckt, was Honda ohne Marc Marquez ist. Die RC213V verfügt über keine echten Stärken, verlangt den Fahrern aber ziemlich viel ab. Marquez konnte die Schwächen regelrecht überfahren. Die anderen Honda-Piloten können das nicht.

Ich möchte den vierten Platz von Takaaki Nakagami nicht kleinreden. Der Japaner hat für Honda wichtige Punkte sichergestellt und lag nach 25 Runden nur 3,2 Sekunden zurück. In Jerez konnte Nakagami schon einige Male glänzen. Deshalb sehe ich im vierten Platz eher eine Momentaufnahme.

Verliert Pol Espargaro die Geduld?

Nakagami ist nicht DAS Talent, auf dem Honda seine Zukunft aufbauen kann. Und auch die beiden anderen Fahrer sind mit dieser Rolle offensichtlich überfordert. Honda-Neuzugang Pol Espargaro tut sich weiterhin schwer. In Jerez wirkte der ehemalige KTM-Pilot frustriert und ließ sich zu kritischen Aussagen hinreißen, was die Entwicklungsarbeit bei Honda betrifft.

Pol Espargaro

Pol Espargaro wollte mit Honda um Siege und Podestplätze kämpfen

Foto: Motorsport Images

Zu viele Chassis-Varianten und kein klarer Plan, bemängelt Espargaro. Das hatte sich der ehemalige Moto2-Weltmeister sicher anders vorgestellt. Aktuell ist der Spanier nur 14. der WM-Wertung. In Katar lieferte Espargaro genau genommen zwei solide Rennen ab, auch wenn die Ergebnisse das nicht so richtig gezeigt haben. In Portimao und Jerez konnte er die Erwartungen aber nicht erfüllen.

Der Druck steigt: Alex Marquez muss abliefern

Und auch Alex Marquez erfüllte bisher nicht die Erwartungen. Der erhoffte Sprung im zweiten Jahr blieb völlig aus. Der jüngere der Marquez-Brüder machte nur mit seinen vielen Stürzen Schlagzeilen.

LCR-Teamchef Lucio Cecchinello war mit Cal Crutchlow bereits abgehärtet, was die Rechnungen für Sturzteile angeht. Doch Alex Marquez und auch Takaaki Nakagami strapazierten Cecchinellos Nerven seit dem Testauftakt ordentlich.

Alex Marquez

LCR-Pilot Alex Marquez ist aktuell nur WM-18.

Foto: Motorsport Images

Zurück zur Zukunft von Alex Marquez: In den kleinen Klassen benötigte der Mann aus Cervera Zeit, bis er es an die Spitze schaffte. In der Moto2 waren fünf Jahre nötig. So viel Zeit wird ihm Honda in der MotoGP nicht geben.

Ich erwarte, dass er spätestens nach drei Jahren einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben muss. Mehr Zeit bekamen Stefan Bradl und Jack Miller von HRC auch nicht. Da dürfte auch der prominente Nachname nicht weiterhelfen.

Muss sich Honda komplett neu aufstellen?

Wie kommt Honda also aus der Krise? Um kurzfristig wieder erfolgreich zu sein, sehe ich nur einen Weg: Marc Marquez muss wieder zur alten Form finden. Langfristig sollte Alberto Puig aber nach einem Plan B Ausschau halten. Ich denke da an die Namen Pedro Acosta oder Raul Fernandez.

Pedro Acosta

Moto3-Überflieger Pedro Acosta zieht das Interesse der MotoGP-Manager auf sich

Foto: Motorsport Images

Und dann gibt es noch einen Joker: Stefan Bradl. Der Zahlinger ist das Arbeitstier bei Honda. Mit den Ressourcen des weltgrößten Motorradherstellers der Welt und dem Arbeitswillen von Bradl sind zwei wichtige Voraussetzungen vorhanden, um den Weg zurück an die Spitze zu finden.

Wenn Honda bei der Entwicklung der 2022er-Maschine ein glückliches Händchen hat, könnte die Welt in zehn Monaten schon wieder ganz anders aussehen. Doch bis dahin stehen Alberto Puig und HRC wohl oder übel schwierige Zeiten bevor.

Sportliche Grüße,

Sebastian Fränzschky

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Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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