Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: FIM und Dorna

Der schwere Moto3-Unfall in Austin verdeutlicht einmal mehr, dass sich in den Nachwuchsklassen etwas ändern muss - Die Verantwortlichen müssen reagieren

Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: FIM und Dorna

Liebe MotoGP-Fans,

ich bin nach diesem Renntag in Austin heilfroh, dass wir nicht um einen weiteren Fahrer trauern müssen. Die Szenen im Moto3-Rennen waren beängstigend. Alle Schutzengel haben bei diesem schweren Unfall ihre Hand auf die Fahrer gehalten.

Mit Jason Dupasquier, Hugo Millan und Dean Berta Vinales haben in diesem Jahr drei Nachwuchsfahrer ihr Leben verloren. Eine Situation wie bei Dupasquier im Qualifying wird sich wohl leider auch in Zukunft nicht verhindern lassen.

Aber spätestens seit der Rennsituation von Vinales beim Supersport-300-Rennen in Jerez wurden die Stimmen lauter, dass sich in den Nachwuchsserien grundlegend etwas ändern muss. Der Moto3-Unfall in Austin hat das noch einmal deutlich vor Augen geführt.

Fahrer fahren viel zu aggressiv

Die große Frage lautet natürlich, was man in den kleinen Rennserien machen könnte. Ich finde, man muss sich zwei Aspekte genau ansehen. Das ist einerseits das Verhalten der Fahrer auf der Strecke, und andererseits technische Änderungen.

Man kann Rennstrecken und Ausrüstung so sicher wie möglich machen, aber wenn sich die Fahrer verantwortungslos verhalten, bringt das nicht viel. Die Moto3 steuert schon seit langer Zeit auf die große Katastrophe zu.

Moto3 in Austin

Die Fahrer wechseln oft die Linien auf der Geraden und in der Bremszone

Foto: Motorsport Images

Man erinnere nur an das Barcelona-Rennen, als an der Spitze Fahrer das Gas zugedreht haben, um nicht als Führende auf die lange Gerade fahren zu müssen. Denn im Windschatten ist man chancenlos und wird überholt.

Diese Aktionen haben zu Kettenreaktionen geführt, wodurch Ayumu Sasaki im Mittelfeld gestürzt ist und von einem anderen Fahrer getroffen wurde. Der Japaner hatte sich eine schwere Gehirnerschütterung zugezogen und musste einige Wochen pausieren.

Rennsperre nur Symbolpolitik

Das hätte mit Pech auch anders ausgehen können. Außerdem wechseln die Fahrer auf der Geraden häufig die Linien, auch in den Bremszonen. Das ist schlichtweg brandgefährlich. Dass man Deniz Öncü als Auslöser für zwei Rennen gesperrt hat, halte ich eher für Symbolpolitik.

Freddie Spencer

Seit 2019 sitzt Ex-Weltmeister Freddie Spencer in der Rennkommission

Foto: JEP / Motorsport Images

Ob das als "abschreckendes Beispiel" dient, wage ich zu bezweifeln. Die Rennkommissare rund um Freddie Spencer oder Sicherheitsberater Loris Capirossi haben es als Ex-Rennfahrer bisher nicht geschafft, die jungen Fahrer zu mehr Vernunft zu bringen.

Aber es sind noch andere Dinge, die die FIM überdenken sollte. Beim Supersport-300-Rennen in Portimao waren zwei Wildcards zugelassen und das Fahrerfeld betrug 42 Fahrer. Das ist viel zu viel. Marc Marquez hat es, finde ich, gut auf den Punkt gebracht.

Er meinte, dass es früher nicht so viele Rennserien gegeben hat. Wenn man zu schlecht war, hatte man keinen Platz und musste zu Hause bleiben. Jetzt ist es möglich, sofern man es finanzieren kann, in anderen Rennserien fahren, wenn das Talent für die WM nicht reicht.

Motorräder müssten schwieriger zu fahren sein

Dass die Fahrer so aggressiv fahren müssen, hängt auch mit den technischen Voraussetzungen zusammen. Ein großes Talent wie beispielsweise Pedro Acosta kann kaum fahrerisch den Unterschied machen und dem Feld davonfahren.

Denn der Windschatteneffekt spielt so eine große Rolle. Die Moto3-Motorräder haben rund 60 PS. Manche im Fahrerlager sind der Meinung, dass die Bikes zu wenig Leistung haben und zu einfach zu fahren sind.

John McPhee

Der Windschatten spielt auf der Geraden eine zu große Rolle

Foto: Motorsport Images

Wären sie etwas schwieriger zu beherrschen, dann würde sich fahrerisch die Spreu vom Weizen trennen und das Feld würde sich weiter auseinanderziehen. Ob mehr Leistung wirklich die Antwort ist, kann ich nicht beurteilen. Das müssen sich schlaue Ingenieure überlegen.

Derzeit sind die Moto3-Motorräder von KTM und Honda bis einschließlich 2023 eingefroren. Meiner Meinung nach müssten sich die Verantwortlichen an einen Tisch setzen und über Lösungen diskutieren. Denn wenn sich nicht bald etwas ändert, dann ist der nächste tödliche Unfall leider vorprogrammiert.

Sportliche Grüße,

Gerald Dirnbeck

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Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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