Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Franco Morbidelli
In Barcelona hat Franco Morbidelli wieder einmal ein "typisches" Morbidelli-Wochenende gezeigt - Das eigentliche Thema ist die Auslegung des Strafmaßes
In Barcelona hat Franco Morbidelli wieder für Zwischenfälle gesorgt
Foto: VR46 VR46
Liebe MotoGP-Fans,
nach dem Sturz im Sprint hat Alex Marquez im Rennen eine souveräne, fehlerlose Leistung gezeigt und verdient gewonnen. Gratulation! Nach den seit Assen doch durchwachsenen Wochenenden ist er wieder da. Erstmals hat er im Duell um den Grand-Prix-Sieg seinen Bruder in Schach gehalten. Es ist auch aus diesem Grund wahrscheinlich der größte Erfolg seiner Karriere.
Ja, was uns Francesco Bagnaia am Freitag und Samstag gezeigt hat, war desaströs. Ich hatte schon das Gefühl, dass er aufgegeben hat. Aber am Sonntag war es dann eigentlich recht ordentlich. Geben wir ihm noch etwas Schonfrist und schauen, wie es bei seinem Heimrennen in Misano läuft.
Mir ist aufgefallen, dass Franco Morbidelli schon einige Zeit nicht mehr Gast in unserer traditionellen Montagskolumne war. Und das Barcelona-Wochenende war ein "typisches" Morbidelli-Wochenende: inkonstante Performance und unnötige Zwischenfälle.
Abseits der Rennstrecke ist der Italiener die gechillteste Person im Paddock - was er für eine stoische Ruhe ausstrahlt! Manchmal wirkt er auch etwas abwesend, er spricht langsam, philosophiert über irgendwelche Dinge.
Es hat manchmal den Anschein, als würde er in seinem eigenen Universum leben. Aber er ist super sympathisch, total nett und ein richtig cooler Typ. Auf der Rennstrecke zeigt er jedoch oft einen komplett gegenteiligen Charakter. Er ist gelinge gesagt immer wieder ein Rüpel.
Es ist immer wieder Morbidelli, der in unnötige Aktionen verwickelt ist oder die Brechstange auspackt. Sehen wir uns zunächst die Liste seiner Vergehen in diesem Jahr, für die er auch eine Strafe erhalten hat, der Reihe nach an.
Buriram: Im Training langsam auf der Ideallinie, Bagnaia behindert. Strafe: +3 Startpositionen
Silverstone: Im Training langsam auf der Ideallinie, Bezzecchi behindert. Strafe: +3 Startpositionen
Mugello: Kollision mit Vinales im GP, Vinales stürzt. Strafe: 1x Long-Lap-Penalty
Barcelona: Kollision mit Martin im Sprint, beide stürzen: Strafe: 1x Long-Lap-Penalty

Franco Morbidelli brachte im Sprint Jorge Martin zu Sturz
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
Im Barcelona-Grand-Prix ist Morbidelli dann selbst kurz vor Rennende in Kurve 10 gestürzt und ausgeschieden. Danach hat er mit den Sportwarten diskutiert und diese Szene hatte - ähnlich wie bei Fabio Quartararo in Le Mans - Konsequenzen.
Denn mit diesem "verantwortungslosen Verhalten" hat er potenziell sich und andere in Gefahr gebracht. Die Rennkommissare sprachen deshalb einerseits eine Geldstrafe von 2.000 Euro aus. Andererseits muss Morbidelli in Misano die ersten zehn Minuten vom ersten Training aussetzen.
Sollte es wieder ein Strafpunkte-System geben?
Ich finde, der Italiener ist bei all diesen fünf aufgelisteten Vergehen relativ glimpflich davongekommen. Denn wirklich gravierende Konsequenzen zogen die jeweiligen Strafen in der Praxis nicht nach sich.
Meiner Meinung nach sollte darüber diskutiert und nachgedacht werden, ob es nicht zusätzlich zu diesen Strafen wieder ein Strafpunkte-Konto geben sollte. Das gab es schon einmal in der MotoGP, wurde aber Ende 2015 abgeschafft.
Man könnte beispielsweise das System der Formel 1 übernehmen. Sammelt jemand innerhalb von zwölf Monaten zwölf Strafpunkte, wird man für ein Rennwochenende gesperrt. Hätte Morbidelli bei jedem Vergehen zwei Strafpunkte gesammelt, gäbe es beim nächsten eine Rennsperre.
Auslegung des Strafmaßes kaum nachvollziehbar
Denn nachvollziehen kann ich die Strafauslegung insgesamt nicht wirklich. Zunächst habe ich es so verstanden, dass es bei einem Vergehen eine bestimmte Strafe gibt. Bei einem vergleichbaren zweiten Vergehen wird diese Strafe verdoppelt, und so weiter.
Aber das ist in der Praxis nicht der Fall. Beim zweiten Mal Bummeln auf der Ideallinie hat Morbidelli die gleiche Strafe erhalten wie beim ersten Mal. Und für den Unfall mit Martin gab es die exakt gleiche Strafe wie beim ersten Mal mit Vinales - und nicht zwei Long-Lap-Strafen.
Selbst in den Dokumenten der Rennkommissare heißt es "für das zweite Vergehen in dieser Saison ist die angebrachte Strafe eine Long-Lap-Strafe". Sollte Morbidelli einen dritten Unfall verursachen, gibt es dann auch nur eine Long-Lap-Strafe wie beim ersten Mal?
Das Strafmaß ist für mich deshalb nicht nachvollziehbar. In Barcelona hat Nicola Carraro im Freitagstraining der Moto3 Scott Ogden zu Sturz gebracht. Das war Carraros zweites diesbezügliches Vergehen in diesem Jahr. Dafür gab es eine Long-Lap-Strafe.
Jose Antonio Rueda hat am Freitag Maximo Quiles behindert. Auch für dieses zweite Vergehen in diesem Jahr gab es eine Long-Lap-Strafe. Diese Strafen entsprechen dem bisherigen Vorgehen in der MotoGP.
Nicht nachvollziehbar wurde es dann am Samstag. Ryusei Yamanaka hat im Moto3-Qualifying Scott Ogden behindert. Es war sein zweites Vergehen in diesem Jahr. Die Strafe: Er wurde ans Ende der Startaufstellung versetzt.

Ryusei Yamanaka wurde gleich ans Ende der Startaufstellung versetzt
Foto: David Ramirez/Soccrates/Getty Images
Im Moto2-Qualifying fuhren fünf Fahrer in einem oder mehr Sektoren langsamer als 135 Prozent der Bestzeit. Weil das bei ihnen zum zweiten Mal in dieser Saison vorkam, wurden diese Fahrer in der Startaufstellung um neun Startplätze zurückversetzt.
Das halte ich auch für richtig, aber wenn man einen anderen Fahrer zu Sturz bringt, erhält man nur eine Long-Lap-Strafe? Selbst wenn man das schon mehrmals gemacht hat? Laut dem Dokument der Rennleitung verliert man in Barcelona durch eine Long-Lap-Strafe drei Sekunden.
Ist das aktuelle System fair, gerecht und vor allem nachvollziehbar? Ich finde nicht. Denn speziell in der MotoGP kommt man bei unsportlichem Verhalten sehr glimpflich davon - auch als Wiederholungstäter.
Warum es aktuell nicht transparent ist
Die Vorgehensweise ist alles andere als transparent. Es gibt zwar die Dokumente der Rennkommissare. Aber darin stehen einige Codes, die nicht im Reglement stehen. Sie sind zwar den Teams bekannt, aber es gibt kein öffentlich zugängliches Dokument mit Erklärungen.
Beispiele: Bei Morbidellis Kollision mit Martin wird von einem Zwischenfall "Typ MGP-CC3" gesprochen. Yamanakas Versetzung ans Ende der Startaufstellung ist ein Zwischenfall "Typ M3-SR5". Die +9 Rückversetzungen in der Moto2 sind ein Typ "M2-SR7".
Es wird also jedes Vergehen isoliert betrachtet, was ich prinzipiell auch in Ordnung finde. Aber solange nicht für alle, und natürlich vor allem für die Fans, transparent kommuniziert wird, warum welche Strafe ausgesprochen wurde, wirkt das mehr wie ein Casino.
Mich würde eure Meinung zu dieser Thematik interessieren! Schreibt sie gerne in die Kommentare.
Euer
Gerald Dirnbeck
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