Kolumne
MotoGP Austin
Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Gigi Dall'Igna
Die Ducati-Vormachtstellung in der MotoGP ist zu Ende - Es gab keine signifikanten Fortschritte seit 2024 - Kann Gigi Dall'Igna das Ruder noch herumreißen?
Gerald Dirnbeck
Veröffentlicht: 30.03.2026, 05:47
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Gigi Dall'Igna muss sich etwas für die Rennen in Europa überlegen
Foto: Getty Getty
Liebe MotoGP-Fans,
die Erfahrung lehrt mich, dass man nach drei von 22 Rennwochenenden noch keine endgültige Beurteilung des Kräfteverhältnisses treffen sollte. Die Überseerennen können im Vergleich zu den traditionellen, bestens bekannten Strecken in Europa ihre eigene Geschichte schreiben.
Ein Beispiel ist Pedro Acosta. In Buriram war er mit der KTM bärenstark, das war eigentlich etwas überraschend. In Goiania lief es dann deutlich schwieriger und jetzt in Austin kämpfte er wieder um das Podium. Also, wo steht KTM realistisch gesehen wirklich?
Nach dem Wintertest in Sepang bestand der Eindruck, dass Ducati weiterhin das Maß der Dinge ist, knapp vor Aprilia. Auch beim Wintertest in Buriram gab es daran keine wesentlichen Zweifel, aber das Rennwochenende verlief für Ducati dann deutlich mühsamer als erwartet.
Ducati rätselte über die Ursachen. Die Gripverhältnisse hatten sich im Vergleich zum Test geändert. Anschließend war Goiania für alle eine neue Strecke. Dazu kamen die Probleme mit dem Asphalt. Realistisch betrachtet war das nicht repräsentativ, vor allem mit Blick auf die Rennen in Europa.
Der technisch sehr anspruchsvolle Circuit of The Americas ist da schon eher aussagekräftiger, und das Bild ist eindeutig: Aprilia dominiert derzeit die MotoGP auf allen Strecken und unter praktisch allen Bedingungen. Neben Marco Bezzecchi und Jorge Martin war auch Ai Ogura stark unterwegs.
Fünf Grand-Prix-Siege und 121 Führungsrunden in Folge von Bezzecchi sind mehr als eine deutliche Sprache. Im vergangenen Herbst hat es noch geheißen, dass Marc Marquez verletzungsbedingt fehlte. Alex Marquez konzentrierte sich darauf, WM-Platz zwei abzusichern.
Aprilia hatte also "kaum" Gegner und praktisch "freie Bahn". Aber die Dominanz bei den ersten drei Grands Prix 2026 ist einfach nicht zu verleugnen. Wäre Bezzecchi bei den Sprints in Buriram und in Austin nicht gestürzt, wäre sein WM-Vorsprung noch größer.
Marc Marquez fühlt sich nicht wohl
Titelverteidiger Marc Marquez hat als WM-Fünfter bereits 36 Punkte Rückstand. Das ist nicht wenig. Fabio Di Giannantonio präsentiert sich bisher wirklich toll, ihm muss man gratulieren. Aber als wirkliche Ducati-Speerspitze für den WM-Kampf habe ich ihn nicht auf dem Zettel.
Vor dem Austin-Wochenende hat Marc Marquez klar gesagt, dass er sich im "besten Team" mit dem "besten Motorrad" sieht und es "in seinen Händen liegt". Aber herausreißen konnte er Ducati abgesehen vom Sprint-Sieg in Goiania bisher nicht.
An seiner Körpersprache ist ganz klar zu sehen, dass sich der 33-Jährige auf der aktuellen Desmosedici nicht wohlfühlt. Dazu schränkt ihn die rechte Schulter auch noch mehr ein, als er im Winter erhofft hatte. Nun hat er knapp einen Monat Zeit, um sich bis Jerez zu regenerieren.

Marc Marquez in Austin im Duell mit Enea Bastianini
Foto: Getty Images North America
Meiner Meinung nach ist aber das größere Problem, dass sich der Weltmeister auf dem Motorrad nicht wohlfühlt. Auch Alex Marquez hat bisher nicht an seine Form des Vorjahres anknüpfen können. Von Francesco Bagnaia war abgesehen vom Austin-Sprint ebenso nicht viel zu sehen.
Ducati scheint mit dem Motorrad 2024 den Zenit erreicht zu haben. Klare technische Fortschritte gab es 2025 nicht. Nur Marc Marquez hat mit seinem herausragenden Talent und seiner damaligen Überform die Ducati-Dominanz fortgesetzt.
Auch das diesjährige Paket scheint nicht so gelungen zu sein, wie man an der Performance, der Körpersprache und den Aussagen der Fahrer erkennen kann. Man könnte zugespitzt formulieren, dass Ducati 2024 stehengeblieben ist, seither das Gefühl der Fahrer aber schlechter wurde.
Aprilia hat als Gesamtpaket kaum noch Schwächen
Gleichzeitig hat sich Aprilia konsequent als gesamte Motorsportabteilung weiterentwickelt. Konnte Aleix Espargaro vor wenigen Jahren auf zwei, drei Strecken im Jahr gewinnen, so ist die RS-GP mittlerweile überall stark.

Aprilia eroberte den zweiten Doppelsieg in Folge
Foto: Getty Images North America
Es gibt noch einen weiteren, extrem wichtigen Aspekt. Aprilia kann sich jetzt im Laufe des Wochenendes von Tag zu Tag steigern. Ich vermute, dass hier die Erfahrung von Technikdirektor Fabiano Sterlacchini, der sich im zweiten Jahr bei Aprilia befindet, zum Tragen kommt.
Bei den drei Rennwochenenden habe ich nur eine kleine Schwäche gesehen. Mit dem weichen Hinterreifen ist die Balance des Motorrads nicht perfekt. Der Medium-Hinterreifen passt besser zur RS-GP, wie die Siege von Bezzecchi zeigen. Auch Martin hat das im Austin-Sprint bestätigt.
Kann Ducati bis Jerez reagieren?
Gigi Dall'Igna und die komplette Technikabteilung bei Ducati in Borgo Panigale werden sich in der Pause bis Jerez etwas überlegen müssen, wenn man Aprilia Paroli bieten will. Am Montag nach dem Rennen in Jerez gibt es einen offiziellen Testtag.
Könnte dieser Testtag Ducatis letzte Chance sein, das Ruder doch noch herumzureißen? Es stellt sich natürlich auch die Frage, ob und wie viele Ressourcen für die aktuelle 1.000er noch zur Verfügung stehen. Denn im Hintergrund wird schon alles für das neue Reglement 2027 vorbereitet.
Komplett abschreiben würde ich Ducati und vor allem Marc Marquez noch nicht. Vielleicht finden die Ingenieure etwas beim Set-up, wodurch die Fahrer bei den Rennen in Europa mehr Vertrauen finden. Mehr Vertrauen und ein besseres Gefühl bedeuten natürlich auch eine bessere Performance.
Marc Marquez ist es zu wünschen, dass seine Schulter in der Pause bis Jerez besser wird, denn ihm derzeit beim Fahren zuzusehen, während er sich offensichtlich nicht wohlfühlt, ist nicht besonders schön. Wir wissen aus Erfahrung, dass man ihn nie abschreiben darf.
Aber momentan hält Aprilia im WM-Kampf mit Bezzecchi und Martin die Karten in der Hand.
Euer
Gerald Dirnbeck
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