Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Joan Mir
Joan Mir liefert in Assen erneut die bekannten Bilder - In beiden Rennen stürzt er in der ersten Runde - Aber nur er ist es, der das Limit der Honda wirklich auslotet
Ein bekanntes Bild: Die Honda von Joan Mir liegt im Kiesbett
Foto: Gold Gold
Liebe MotoGP-Fans,
der Sturz von Marco Bezzecchi in der schnellen Ramshoek-Kurve in Assen war brutal. Zum Glück hat sich der Italiener dabei keine schweren Verletzungen zugezogen, denn wie schnell es gehen kann, haben wir am Freitag erlebt.
Fermin Aldeguer hat sich bei seinem Sturz in Kurve 11 eine Fraktur des siebten Rückenwirbels zugezogen. Glücklicherweise ist es nicht so schlimm, denn am Sonntag war er wieder an der Strecke und verfolgte das Rennen aus der Box. Den Sachsenring wird Aldeguer auslassen.
Bezzecchi wäre heute ein Kandidat für unsere traditionelle Montagskolumne gewesen, weil sein Momentum im WM-Kampf vollständig verloren gegangen ist und sich stattdessen die anderen Aprilia-Fahrer in Szene gesetzt haben.
Bisher war Bezzecchis Schwäche eigentlich nur der Sprint am Samstag, wo er durch Stürze viele WM-Punkte liegen gelassen hat. Das hat er dann in Mugello und im Balaton Park einigermaßen in den Griff bekommen.
In Ungarn wurde Bezzecchi beim Start von seinem Teamkollegen Jorge Martin aus dem Rennen gerissen. Dafür konnte er nichts. Aber der Sturz im Brünn-Sprint, die Ohrfeige für den Sportwart und die daraus resultierende Sperre waren seine Schuld.
In Assen war Bezzecchi auf Wiedergutmachung aus. Mit Bestzeiten in den drei Freien Trainings war er auch auf Kurs dazu, aber im Sprint lief es schwieriger und es wurde Platz vier. Anschließend kam der schwere Sturz im Grand Prix.
Bezzecchi hat die WM-Führung an Martin verloren und das Trackhouse-Duo hat voll aufgetrumpft. Ai Ogura ist jetzt auch im WM-Rennen dabei. Bezzecchi steht jetzt unter Druck, zu zeigen, dass er die Speerspitze bei Aprilia ist.
Die Schmerzen nach dem Sturz haben ihn bestimmt nicht gut schlafen lassen. Deshalb wünsche ich ihm eine gute Erholung und bin gespannt, ob er die Abwärtsspirale der vergangenen Rennen wieder umkehren kann.
Joan Mir stürzt in beiden Rennen in der ersten Runde
Deshalb habe ich heute Joan Mir für unsere traditionelle Montagskolumne nominiert. Ich meine, in beiden Rennen in der ersten Runde zu stürzen, ist wahrlich kein Ruhmesblatt.
Ich weiß, dass es schon ein Running Gag ist, dass es nur ein normales Rennen ist, wenn eine Grafik zu Mirs Sturz eingeblendet wird. Der Fahrer mit den meisten Stürzen ist aber bisher Martin, und der führt die WM-Wertung an.
Aber Martin ist mehr in den Trainings als in den Rennen zu Boden gegangen. Mir stürzt hauptsächlich in den Rennen, und das schon seit er seit 2023 für Honda fährt. Es stellt sich die Frage, warum das so ist.
Assen war hier ein gutes Beispiel. Den Sturz im Sprint nahm er auf seine Kappe. Es war ein Rennsturz, wie er eben passieren kann. "Die Erklärung ist ganz einfach", berichtete Mir nach dem Sprint.
"Ich hatte einen guten Start und habe den Fahrer, der rechts neben mir war, direkt beim Start überholt. Das hat mich dann gewissermaßen dazu gezwungen, nicht innen zu bleiben, sondern außen zu fahren."

Der zweite Sturz ließ Joan Mir ratlos zurück
Foto: AFP
"In den ersten Kurven war ich hinter 'Pecco'. Dann habe ich Kurve drei außen neben ihm genommen. Dort war es ein wenig schmutzig. Mein Tempo war genauso wie seines. Dann habe ich das Vorderrad verloren. Es war mein Fehler."
Den Sturz im Grand Prix kann er sich allerdings nicht erklären: "Ich weiß es nicht, ich weiß wirklich nicht, warum. Das ist etwas, das ziemlich oft passiert: Man stürzt und weiß nicht warum. Das ist ein bisschen die Realität."
"Wenn man nicht versteht, warum man stürzt, ist es sehr schwierig, es nicht zu wiederholen, weil man es eben nicht versteht. Ich habe niemanden überholt. Ich war einfach dahinter, gleiches Tempo, und dann habe ich das Vorderrad verloren."
"Was andere Leute denken, ist eine andere Geschichte. Aber innerlich ist die Realität, dass ich nicht angegriffen habe. Aus irgendeinem Grund passiert mir das ziemlich oft."
Joan Mir zeigt die Grenzen der Honda auf
Grundsätzlich ist Mir meistens der schnellste Honda-Fahrer. Er ist die Referenz und zeigt das Limit auf. Luca Marini hat in allen Grands Prix bisher gepunktet, aber er ist in der Regel auch langsamer als Mir.
Deswegen glaube ich, dass die Honda am absoluten Limit beim Gefühl für das Vorderrad immer noch kritisch ist. Wir erinnern uns, wie oft Marc Marquez über das Vorderrad gestürzt ist.

Joan Mir ist in der Regel der schnellste Honda-Fahrer
Foto: Getty Images Europe
Ich habe mit Klaus Nöhles, dem Crewchief von Diogo Moreira, über diese Thematik gesprochen. Er hat bestätigt, dass Mir in der Bremsphase die Referenz für die anderen Honda-Fahrer ist.
"Joan Mir ist wahnsinnig stark", sagt der ehemalige Rennfahrer. "Er ist die Referenz für uns, was die Bremse und den Kurveneingang angeht. Er ist an dieser Stelle mehr am Limit. Nur man muss halt aufpassen."
"Das weiß ich aus eigener Erfahrung vom Motorradfahren. Hinten kann man immer managen, am Vorderrad verzeiht es nicht viel. Natürlich passieren dann Stürze." Und genau deshalb erlebt Mir für ihn oft unerklärliche Stürze.
Wie wird es Quartararo mit der Honda gehen?
Interessant wird es im nächsten Jahr, wenn Fabio Quartararo auf der Honda sitzt. Natürlich wissen wir nicht, wie gut die RC214V sein wird, aber ich könnte mir vorstellen, dass die grundsätzliche Charakteristik der Honda gleich bleiben wird.
Quartararo hat schon oft festgehalten, dass für ihn das Gefühl für das Vorderrad entscheidend ist. Beim alten Yamaha-Reihenvierzylinder war die Gewichtsverteilung mehr nach vorne ausgelegt.

Wie wird Fabio Quartararo mit der Honda klarkommen?
Foto: Getty Images Europe
Bei der neuen V4-Yamaha tut sich Quartararo schwer, dieses Gefühl wiederzufinden. Ich bin sehr gespannt darauf, wie er in dieser Hinsicht mit der Honda zurechtkommen wird und ob er auch so oft stürzen wird wie Marc Marquez und Mir.
Wenn wir bedenken, wie kritisch sich Quartararo schon über die Yamaha geäußert hat, dann können wir uns ausmalen, wie das mit der Honda sein könnte. Aber das ist alles Zukunftsmusik und werden wir im nächsten Jahr sehen.
Sehr gespannt bin ich auch, wie Mir im nächsten Jahr mit der Gresini-Ducati zurechtkommen wird. Ich glaube, dass er ein etwas unterschätzter Fahrer ist und sich diese faire Chance verdient hat.
Wenn er in einem guten Team das gleiche Motorrad wie Marc Marquez und Pedro Acosta fährt, werden wir sehen, wie gut oder schlecht er wirklich ist.
Euer
Gerald Dirnbeck
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