Yamaha mahnt zu Geduld: "Wir haben einen Berg zu erklimmen"
Yamahas Rückstand mit dem neuen V4-Bike wurde in Buriram mehr als deutlich - Rennleiter Paolo Pavesio spricht offen über den Status Quo und den weiteren Plan
Paolo Pavesio ruft nach der Auftaktpleite in Buriram zum Durchhalten auf
Foto: Gold Gold
Beim Saisonauftakt der MotoGP in Thailand stellte sich - statt der Fahrer selbst - Yamaha-Rennleiter Paolo Pavesio den Fragen der Medien. Man wollte nach dem desaströsen Abschneiden des japanischen Herstellers wohl vermeiden, dass einer der Piloten seinem Frust ungefiltert freien Lauf lässt.
"Zunächst einmal: Ich bin nicht der neue Fahrer von Yamaha", begann Pavesio scherzhaft und stellte direkt klar, dass es ihm wichtig gewesen sei, persönlich Stellung zu beziehen.
Nach dem Start in eine "neue Reise" und einem Wochenende, an dem die Fahrer "ihr Bestes gegeben" hätten, sei es richtig, dass ein Unternehmensvertreter erkläre, wo das Projekt stehe. Man werde ihn nicht häufig an den Rennwochenenden sehen, betonte er, doch in dieser Phase sei Transparenz entscheidend.
Pavesio: Alle zu "110 Prozent" dabei
Und so macht Pavesio unmissverständlich klar: Der Neustart mit dem V4-Projekt wird kein Selbstläufer. Bereits im Vorjahr habe man den Umstieg angestoßen - "irgendwie vorgezogen", wie der Yamaha-Boss erklärt. Herzstück ist ein neuer Motor, eingebettet in ein grundsätzlich neues Motorradkonzept.
"Jetzt sehen wir sehr klar nach dem ersten Rennwochenende, wie groß der Abstand ist", räumt er ein. Man habe "einen ziemlichen Berg zu erklimmen". Doch die Entschlossenheit sei ungebrochen. Fahrer und Werk gäben "110 Prozent", versichert er.
Einen magischen Durchbruch werde es allerdings nicht geben: "Ein Schritt nach dem anderen, eine Sekunde nach der anderen." Ziel bleibe, wieder konkurrenzfähig zu werden.
Yamaha hat schnelle Runde geopfert
Pavesios Analyse des Wochenendes fällt differenziert aus. Yamaha habe gewusst, dass man zu Saisonbeginn bei der reinen Rundenzeit etwas einbüßen würde. 2025 sei die schnelle Runde noch eine Stärke gewesen, doch nun habe man bewusst Performance geopfert, um mehr Konstanz über die Renndistanz zu gewinnen.
Im Sprint entsprach der Abstand der besten Yamaha zum Sieger laut Pavesio exakt dem des Vorjahres. "Das war es nicht allzu schlecht", meint er mit Blick auf die Zahlen. Allerdings habe man im langen Rennen stärker gelitten als erhofft.
Wie lange die Aufholjagd dauern wird, will der Yamaha-Rennleiter nicht prognostizieren. Eine konkrete Monatszahl sei unmöglich zu nennen. Jedes Rennwochenende bringe neue Erkenntnisse über Defizite, aber auch über das optimale Set-up.
Dank der Konzessionen könne Yamaha zum Glück mehr testen als die Konkurrenz. Die Saison werde eine Lernkurve mit steigender Tendenz zeigen, davon ist Pavesio überzeugt.
Emotionale Herausforderung für alle
Besonders sensibel ist die Situation für die Fahrer. Das weiß auch Pavesio: "Natürlich sind es die Fahrer, die am Wochenende Leistung bringen müssen und stärker im Rampenlicht stehen". Doch im Hintergrund arbeiteten in Japan und Europa seit Monaten viele Menschen "Tag und Nacht", betont der Yamaha-Rennleiter.
"Wir müssen also einfach verstehen, und deshalb wollte ich auch selbst hierherkommen, dass dies eine Reise ist und dass es die einzige Reise ist, um dorthin zurückzukehren, wo wir hinwollen. Emotional ist das manchmal nicht einfach, aber es gibt auch keine Zauberformel. Es geht darum, weiter zu arbeiten."
Auch der Präsident aus Japan stehe weiterhin voll hinter dem Projekt. Er sei in Thailand vor Ort gewesen - nicht etwa, um nach dem Rechten zu sehen oder zu kontrollieren, sondern um die volle Unterstützung des Mutterkonzerns zu bekräftigen.
Evolution am Motorrad setzt sich fort
Seit dem ersten Wildcard-Einsatz in Misano habe sich die Yamaha tiefgreifend verändert. Das stellt Pavesio unmissverständlich klar: "Das Motorrad hat sich seit dem ersten Wildcard-Einsatz im vergangenen Jahr in Misano stark verändert. Ich glaube, wir sind inzwischen bei Rahmen Nummer drei und Schwinge Nummer drei."
Dabei gehe es nicht darum, wahllos neue Teile zu montieren. "Man muss sie richtig kombinieren. Wir sind noch dabei, das beste Paket zu finden." Erst wenn dieses Gesamtpaket definiert sei, könne man konstanter arbeiten, weiß der Yamaha-Chef.
"Der Motor ist eine andere Geschichte, denn ihn misst man auf dem Prüfstand. Wir wissen, dass wir Leistung finden müssen, und wir haben einen Plan." Mit Blick auf die Topspeed-Werte kündigt er an: "Wenn Sie auf die Höchstgeschwindigkeit schauen, hoffe ich, dass Sie in den kommenden Rennen Fortschritte sehen werden."
Pavesio: Wir lernen jetzt schon für 2027
Entscheidend sei der Spagat zwischen Performance und Zuverlässigkeit. "Das ist der heikle Teil", insbesondere angesichts noch mangelnder Erfahrung mit dem V4-Konzept. "Es ist eine komplett neue Motorenkonfiguration, die wir gerade erst lernen."
Und dabei gehe es nicht nur um den Motor, denn mit ihm verändert sich das Motorrad grundlegend. "Wenn man von einem Reihenvierzylinder auf einen V4 wechselt, sind viele Dinge neu: die Balance, das Set-up, die Länge des Motorrads, die Position des Fahrers." Genau diese Aspekte erarbeite man sich derzeit.
Das soll sich vor allem langfristig bezahlt machen, wie Pavesio mit Blick auf 2027 und die neue Regelära erklärt: "Während wir das 2026er-Bike entwickeln, lernen wir fundamentale Dinge, die wir auf das 2027er-Bike übertragen werden."
Dabei gehe es "nicht nur um physische Teile, sondern vor allem um Konzepte, die für 2027 entscheidend sind". Für das Chassis bedeute das: "Das 2027er-Projekt hat bereits begonnen." Die Motorenentwicklung laufe ohnehin parallel.
Co-Entwicklung zwischen Japan und Italien
Die Antriebseinheit entsteht in enger internationaler Zusammenarbeit. "Es ist eine echte Co-Entwicklung", sagt Pavesio. Im italienischen Gerno di Lesmo arbeiten demnach inzwischen mehr als 30 Ingenieure an verschiedenen Teilen des Motorrads, während die Kernentwicklung im Werk in Japan verbleibe.
Durch die Zeitverschiebung könne man effektiv im Zwei-Schicht-System arbeiten: "Wenn es gut läuft, arbeitet jemand nachts und jemand anders, wenn dort Nacht ist."
Spekulationen über eine neue Motorspezifikation in Buriram weist der Yamaha-Rennleiter klar zurück: "Es wäre ein bisschen verrückt gewesen, hier mit einer anderen Spezifikation zu fahren als in Sepang." Die in Thailand eingesetzten zwölf Aggregate entsprächen exakt dem Stand vom Vorsaisontest in Malaysia.
Das Problem, das Yamaha dort zu einer längeren Pause zwang, sei "kein Konstruktionsfehler gewesen, sondern ein Bauteil, das wir identifizieren und beheben konnten".
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