Zarco vor MotoGP-Rückkehr gelassen: "Es hilft, weniger Druck zu haben"
Johann Zarco steht vor seinem Comeback in Aragon und geht den Neustart bewusst ohne großen Druck an - Dabei kommt ihm die doppelte Long Lap fast gelegen
Johann Zarco saß zum letzten Mal in Barcelona auf seiner MotoGP-Honda
Foto: Getty Getty
Nach sechs verpassten MotoGP-Wochenenden steht Johann Zarco vor seinem Comeback. Beim Grand Prix von Aragon will der Honda-LCR-Pilot erstmals seit dem schweren Unfall in Barcelona wieder auf seiner RC213V sitzen.
Die Rückkehr kommt etwas früher als ursprünglich geplant: Zunächst hatte Zarco mit einem Comeback im September gerechnet, nach Fortschritten in der Rehabilitation wurde Aragon nun zur realistischen Option. Die endgültige Freigabe erfolgte nach der medizinischen Untersuchung an der Strecke am Donnerstag.
Viel Zeit, sich langsam wieder an den Rennalltag heranzutasten, bleibt Zarco allerdings nicht. Sein erster Grand Prix nach der Verletzung beginnt direkt mit einer besonderen Hypothek: Wegen des Unfalls in Barcelona muss der Franzose im Grand-Prix-Rennen am Sonntag zwei Long-Lap-Penaltys absolvieren.
Die FIM hatte Zarco für seine Rolle beim Startunfall mit Francesco Bagnaia und Luca Marini bestraft. Er selbst sieht die Entscheidung der Rennkommissare differenziert.
Zarco: "Ich habe die Strafe akzeptiert"
Der 36-Jährige betont, dass er beim Anbremsen von Kurve 1 keineswegs versucht habe, mit einer besonders aggressiven Aktion mehrere Konkurrenten auf einmal zu überholen. "Meine Absicht war in diesem Moment nicht, den Superhelden zu spielen, mehrere Plätze gutzumachen und dadurch ein Risiko einzugehen und andere zu gefährden, weil ich zu optimistisch war", erklärt der Franzose rückblickend.
Vielmehr habe er sein Motorrad bereits aufgerichtet und etwas früher gebremst als die anderen Fahrer. Gleichzeitig räumt er ein, dass er die Kontrolle über die Honda verlor. "Vielleicht hatte ich Schwierigkeiten, die Gabel zu entriegeln, oder ich habe den Bremsdruck etwas verringert. Das führte zum Kontrollverlust."

Zarcos Bein hatte sich beim Unfall im Bike von Francesco Bagnaia verfangen
Foto: Getty Images Europe
Genau daraus leitet Zarco die Sichtweise der Rennkommissare ab: "Die Strafe lautet: Du verlierst die Kontrolle über dein Motorrad, du bist dafür verantwortlich und deshalb ist eine Strafe gerechtfertigt." Entscheidend sei für ihn gewesen, sich mit dem Vorfall auseinanderzusetzen und die Entscheidung anzunehmen.
Das erklärt auch, weshalb er die Videoaufnahmen des Unfalls noch einmal besonders intensiv studiert hat. "Die meisten Aufnahmen vom Sturz habe ich gesehen, als ich die Entscheidung treffen musste, die Strafe zu akzeptieren", sagt Zarco.
Doppel-Long-Lap kommt gerade recht
Dass ausgerechnet sein Comeback-Rennen durch zwei Long Laps erschwert wird, nimmt Zarco daher gelassen. Statt die Strafe als zusätzliche Belastung zu sehen, will er den gesamten Aragon-Grand-Prix bewusst mit weniger Druck angehen.
"Das Team und ich haben entschieden, dieses Wochenende wie ein normales Wochenende zu behandeln, aber mit weniger Druck, weil wir gewissermaßen bereits wissen, dass wir das Rennen am Sonntag mit den zwei Long Laps verloren haben", sagt er. Pessimismus sei damit nicht verbunden. Vielmehr könne die Ausgangslage helfen, die Erwartungen an das erste Rennen nach der langen Pause zu reduzieren.
Das passt zu Zarcos genereller Einschätzung seiner Rückkehr. Er erwartet nicht, sofort wieder auf dem Niveau vor seiner Verletzung zu sein. Gleichzeitig sieht er nach seinen bisherigen Tests keinen Grund, sich wegen des Knies übermäßig zu sorgen.
"Ich glaube nicht, dass ich Schmerzen haben werde", erklärt der 36-Jährige. Möglich sei allerdings, dass sich die lange Rennposition bemerkbar macht. "Wenn ich zu lange nach vorne gebeugt bleibe, sagen wir länger als 20 Minuten während eines Rennens, könnte ich etwas hinken, weil die Sitzposition sehr anspruchsvoll ist."
In Bezug auf die eigentliche Performance und das Fahrgefühl der Honda erwartet der LCR-Fahrer dagegen keine größeren Einschränkungen: Nach dem, was er bereits testen konnte, sollte es "normalerweise keine Beschwerden" geben.
Auch beim Motorrad selbst erwartet Zarco keine bösen Überraschungen. Seit seinem letzten Einsatz hat Honda zwar weitergearbeitet, doch an seiner RC213V wurden nach seiner Einschätzung keine grundlegenden Veränderungen vorgenommen.
"Für mich nicht", antwortet Zarco auf die Frage, ob er auf eine deutlich veränderte Honda steigen werde. Lediglich bei der Elektronik könne es kleinere Anpassungen geben. Das Team habe ihm jedoch erklärt, dass es sich dabei um die üblichen Feinabstimmungen handle. "Sie können kein Hindernis sein, sondern nur eine Hilfe."
Zarco befürwortet Holeshot-Verbot
Eine technische Neuerung gibt es aber: Im Zuge der Unfälle in Barcelona wurden die vorderen Holeshot-Systeme inzwischen verboten. Zarco begrüßt das ausdrücklich.
Dabei übt er auch Selbstkritik an den Fahrern: "Ich glaube, dass es eine gute Sache ist, und ich finde es schade, dass wir Fahrer uns nicht stärker über dieses System beschwert haben, als es eingeführt wurde." Der Grund für die Zurückhaltung sei jedoch nachvollziehbar gewesen: Die Systeme brachten beim Start messbare Vorteile.
"Wir waren zu sehr darauf fixiert, den schnellstmöglichen Start hinzulegen", sagt Zarco. Die Beschleunigungsvorteile seien erheblich gewesen: "Wir sind von 0 auf 300 km/h in acht Sekunden gekommen." Doch die Sicherheitsprobleme, die daraus insbesondere im Pulk entstehen können, habe man unterschätzt.
Von der ersten Startreihe aus sei das System noch leichter zu handhaben, weil der Fahrer beim Anbremsen relativ freie Wahl habe, beschreibt Zarco die Situation und ergänzt: "Sobald du aber im Pulk bist, wird es schwieriger. Im Nachhinein hätten die Fahrer deshalb wesentlich deutlicher intervenieren müssen. Wir im Pulk, mich eingeschlossen, hätten uns darüber wirklich viel mehr beschweren sollen."
Lob für Moreira: "Er ist ein Topfahrer"
Im Rückblick auf seine Verletzungspause verrät Zarco schließlich noch, dass er zu Beginn bewusst darauf verzichtet habe, sich die Rennen im Fernsehen anzuschauen. "Das war nicht einfach, denn obwohl ich nicht zuschauen wollte, wusste ich, sobald ein Rennwochenende begann, dass es losging", erzählt der 36-Jährige.
"Es ist verrückt, wie ich wusste, dass ich um 10 Uhr morgens eigentlich auf der Strecke sein sollte. Beim zweiten oder dritten Rennwochenende gelang es mir dann, abzuschalten."
Das habe ihm zwar "unglaublich gutgetan", sagt Zarco. Es sei aber der Zeitpunkt gekommen, an dem er wieder den Drang verspürt habe, die Rennen zumindest anzuschauen. "Das hat mir geholfen, wieder ein bisschen Anschluss zu finden."
Dabei verfolgte er die Performance seines Teamkollegen Diogo Moreira besonders aufmerksam. Dessen Auftritt in Ungarn, als er starker Sechster wurde, habe ihn "wirklich sehr gefreut". Auch das Rennen in Mugello sei "unglaublich" gewesen.
Zwar seien die folgenden Wochen schwieriger verlaufen, doch aus der Distanz lasse sich schwer beurteilen, welche Faktoren dahinterstecken. An seiner grundsätzlichen Einschätzung ändere das nichts. "Für mich gibt es bei Diogo keine Zweifel. Er ist ein Topfahrer", betont Zarco. Moreira besitze "diese angeborene Intelligenz dafür, zu verstehen, wie man ein Motorrad fährt", schwärmt er.
Sollte der Erfolg sich nicht sofort einstellen, ist das für Zarco kein Grund zur Sorge: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er auf seinem höchsten Niveau fährt."
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