Zeelenberg über Doviziosos Rücktritt: "Wir respektieren seine Entscheidung"

RNF-Teammanager Wilco Zeelenberg hätte es lieber gesehen, wenn Andrea Dovizioso die Saison beendet, respektiert aber dessen Entscheidung und hat sie kommen sehen

Zeelenberg über Doviziosos Rücktritt: "Wir respektieren seine Entscheidung"
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Am Donnerstag vor dem Motorrad-Grand-Prix von Großbritannien in Silverstone gab Andrea Dovizioso bekannt, dass er sich im Anschluss an den Grand Prix von San Marino in Misano (4. September) vom aktiven MotoGP-Fahren zurückziehen werde. Bei seinem Arbeitgeber RNF-Yamaha hatte man das schon kommen sehen.

Dovizioso ist es nicht gelungen, seinen Fahrstil so anzupassen, um mit der aktuellen Yamaha M1 schnell zu sein. Infolgedessen verbrachte er die gesamte erste Saisonhälfte im hinteren Teil des Feldes. Vor der Sommerpause gab es Spekulationen über die Zukunft des 36-jährigen Italieners. Zu Beginn des Silverstone-Wochenendes beendete "Dovi" die Spekulationen.

"Er fuhr mit einer anderen Herangehensweise als die jungen Fahrer. Er musste es nicht für das Geld oder den Ruhm tun", sagt RNF-Teammanager Wilco Zeelenberg gegenüber ausgewählten Medien, darunter unsere niederländische Schwesterplattform 'Motorsport.com Nederland'.

"Er wollte Leistung bringen und versuchen, wieder auf das Podium zu fahren", so Zeelenberg über Doviziosos letzte Saison und weiter: "Wenn sich aber abzeichnet, dass das nicht klappt, dann weiß man, dass es eine sehr lange Saison wird. Wir konnten ihn lange Zeit motivieren, um zu bleiben und Spaß zu haben. Er hat dafür gekämpft, aber Andrea ist ein offener und ehrlicher Kerl, der vor allem ehrlich zu sich selbst ist. Er nimmt sich selber sehr ernst."

Zeelenberg hat Doviziosos Entscheidung kommen sehen

Für den MotoGP-Routinier, der in der ersten Saisonhälfte nur zehn WM-Punkte an Land gezogen hat, war es schwer, den Spaß an seinem Job zu bewahren. "Er hat am meisten Spaß, wenn er Leistung bringt. Ihm war klar, dass das dieses Jahr nicht der Fall sein würde. Er hat bei uns nichts fallen lassen, aber in der Sommerpause hat er seine Entscheidung getroffen", bemerkt Zeelenberg.

Andrea Dovizioso

In der Sommerpause traf Andrea Dovizioso die Entscheidung zum vorzeitigen Rücktritt

Foto: Motorsport Images

Der RNF-Teammanager hatte die Entscheidung nach einem Telefongespräch zu Beginn der Sommerpause kommen sehen. "Nach Assen habe ich mit ihm über seinen Plan gesprochen. Ich habe nicht gefragt, wie oder was, aber ich habe angedeutet, dass wir die Flüge für [den Grand Prix von] Japan buchen. Da sagte er: 'Für Japan ist es noch ein bisschen zu früh, um zu buchen'. Mehr hat er nicht gesagt. Vor Silverstone rief Lin [Jarvis] an und teilte mir mit, dass er aufhören wird. Sein Vertrag wurde ja mit Yamaha direkt abgeschlossen."

Dovizioso betonte in seiner Dankesrede am Donnerstagabend in Silverstone, dass er das Mitgefühl des Teams sehr zu schätzen weiß. "Er wusste, wie wir uns fühlen", so Zeelenberg. "Ich habe ihm auch gesagt, er soll uns einfach wissen lassen, was los ist. Wir würden seine Entscheidung respektieren, egal was passiert."

"Ich habe ihm gesagt. 'Wir wollen wirklich, dass du die Saison beendest, aber wenn das nicht passiert, werden wir dir keine Steine in den Weg legen.' Man kann einen Fahrer nicht dazu zwingen, auf dem Motorrad zu sitzen. Das ist das Letzte, was man von einem Fahrer verlangen sollte", sagt der Teammanager von RNF-Yamaha.

Yamaha konnte Doviziosos Erfahrung nicht genug nutzen

Noch im Jahr 2021 - seinem Jahr "Auszeit" nach dem Abschied von Ducati - hatte Dovizioso ein MotoGP-Comeback mit Aprilia abgelehnt. Eine Rückkehr zu Yamaha aber sah er als einen guten Weg an, um sein zweites MotoGP-Kapitel zu beginnen. Für den japanischen Hersteller das eine große Chance, von Doviziosos immenser Erfahrung zu profitieren.

Der dreimalige MotoGP-Vizeweltmeister ist im Fahrerlager als ein sehr cleverer Fahrer bekannt, der versteht, wie das Motorrad funktioniert und wie man es verbessern kann. Die MotoGP-Szene aber hat sich in den vergangenen Jahren mit mehr und mehr Technik und Aerodynamik dramatisch verändert.

Zeelenberg ist überzeugt, dass Doviziosos "Sabbatical" für einen Großteil des Jahres 2021 nicht der einzige Grund für die schwachen Leistungen in diesem Jahr ist: "Er fuhr acht Jahre lang eine Ducati und hat unterschätzt, wie unterschiedlich diese beiden Motorräder geworden sind. In der Vergangenheit hatte er es mit der Yamaha schon auf das Podium geschafft, aber die Zeiten haben sich geändert."

Andrea Dovizioso

An seine Form auf der Tech-3-Yamaha aus der Saison 2012 kam "Dovi" bei RNF nicht heran

Foto: Yamaha

"Früher konnte man mit zehn Sekunden Rückstand auf den Sieger noch Vierter oder Fünfter werden. Heutzutage ist man mit so einem Rückstand Zwölfter oder noch weiter hinten. Wenn man in den ersten drei oder vier Runden eines Rennens im Verkehr steckenbleibt, verliert man direkt zehn Sekunden", weiß der RNF-Teammanager.

"Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg, aber wir als Team hätten uns gewünscht, dass er bis zum Ende der Saison weitermacht", sagt Zeelenberg und stellt heraus: "Man will einfach nicht das Team sein, in dem die Fahrer ständig zurücktreten. Voriges Jahr ist Valentino [Rossi] zurückgetreten."

Was Dovizioso betrifft, so hat nicht nur das ehemalige Petronas-Team, das seit Jahresbeginn 2022 RNF heißt, nicht ausreichend von seiner Erfahrung profitieren können. Auch auf Yamaha trifft das zu. "Yamahas Ansatz war es, von dem Motorrad zu lernen, das acht Jahre lang ein großer Konkurrent war", verweist Zeelenberg auf Ducati. Aber hat man das auch ausreichend getan?

"Das muss man Yamaha fragen. In Bezug auf die Entwicklung in einem Jahr war es für ihn nicht genug. Er wollte Dinge ändern, die Fabio [Quartararo] überhaupt nicht gefielen. Dann ist natürlich die Frage, ob man dafür Zeit und Mühe aufwenden sollte", so Zeelenberg.

"Die Ressourcen sind auch in dieser Hinsicht begrenzt, aber Fabio beschwert sich nicht über dieselben Dinge, über die [Dovizioso] sich beschwert. Dann muss man sich fragen, ob wir da viel Zeit und Energie investieren sollen. Er hat sich diese Frage ständig gestellt, weil sie ihn auch aufgrund seines Wissens verpflichtet haben."

"Er ging davon aus, dass damit jeder bei Yamaha schneller werden würde. Das war sein Ziel, und er war auch in der Lage, das Motorrad zu analysieren und auf bestimmte Dinge hinzuweisen, um die M1 zu verbessern. Dazu muss man aber die Mittel haben. Ich weiß nicht, ob es die bei Yamaha gab und ob das mit der aktuellen Aufstellung möglich war", so Zeelenberg.

Wiedersehen mit Crutchlow "wird Spaß machen"

Im Anschluss an Doviziosos Rücktritt wird Cal Crutchlow die letzten sechs Saisonrennen (Aragon, Motegi, Buriram, Phillip Island, Sepang, Valencia) für RNF-Yamaha bestreiten. Zeelenberg kennt den Briten bereits aus dessen Zeit in der Supersport-WM. 2009 errangen die beiden dort gemeinsam den Titel.

"Das wird Spaß machen", grinst Zeelenberg, wenn er an Crutchlows Andocken bei RNF denkt. Der ehemalige Honda-Fahrer zog sich Ende 2020 als MotoGP-Stammpilot zurück und wurde Testfahrer bei Yamaha. 2021 konnte er nicht viel fahren, aber in dieser Saison hat er ein umfangreicheres Testprogramm absolviert. Eigentlich hatte Crutchlow betont, dass er an einem Renn-Comeback nicht interessiert sei. Aber Yamaha hatte in diesem Fall kaum andere Optionen.

Cal Crutchlow

Yamaha-Testfahrer Cal Crutchlow fährt die Saison bei RNF anstelle von Dovizioso zu Ende

Foto: Motorsport Images

"Wen würdet ihr sonst darauf setzen?", fragt Zeelenberg. "Wir müssen schließlich sicherstellen, dass wir im Sinne des Teams und der Sponsoren einen Ersatz [für Dovizioso] haben. Wenn ihr mich fragt, ob wir vorne mitfahren werden? Nein, das glaube ich natürlich nicht. Ich hoffe es, aber ich bezweifle es. Andrea fährt seit einem Jahr mit unserer Maschine. Ich glaube nicht, dass sich in Sachen Leistung viel ändert, aber nennt uns mal jemanden, den wir sonst hätten einsetzen können."

Zeelenberg kann die Yamaha-Entscheidung pro Crutchlow nachvollziehen, auch wenn sie für das Satellitenteam RNF auf sportlicher Ebene wohl kein großer Fortschritt sein wird: "Das ist auch eine Yamaha-Entscheidung, es ist die Werksmaschine, auf der auch Fabio sitzt. Aber Cal testet bereits Entwicklungen für das nächste Jahr. Sie setzen nicht irgendjemanden drauf. Er ist der Testfahrer und sie haben wahrscheinlich noch etwas Arbeit vor sich."

"Wir schauen uns das Rennen für Rennen an. Wir müssen die positiven Dinge mitnehmen und dann geht es an die Arbeit für 2023. Man kann nicht so viel tun, aber was getan werden kann, das wird Yamaha tun. Es ist das Ziel von Yamaha, diese Gelegenheit zu nutzen", so Zeelenberg.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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