Zu viele Spanier: Frage des Passes wird in der MotoGP immer wichtiger
Ein anderer Pass kann eine MotoGP-Karriere retten oder beenden - Liberty Media setzt auf internationale Vielfalt - Und das spüren die Fahrer bereits
Neun der 22 MotoGP-Fahrer stammen aus Spanien
Foto: Getty Getty
Mehr als 40 Prozent der Fahrer im aktuellen MotoGP-Feld sind Spanier. Dieser Wert steigt auf knapp 60 Prozent, wenn man die Italiener hinzuzählt. Unter dem neuen Konzept, das Liberty Media verfolgt, ist ein anderer Pass doppelt so viel wert.
Die MotoGP ist nicht mehr nur Sport: Sie ist Wettkampf und vor allem Unterhaltung. Damit sie eine möglichst große Reichweite erzielt, braucht es eigene Botschafter und Aushängeschilder in jedem Land.
Derzeit umfasst die MotoGP-Weltmeisterschaft drei Klassen und insgesamt 76 Fahrer, die zusammen 21 verschiedene Nationalitäten vertreten. Eine durchaus beachtliche Vielfalt.
Das Detail, das offenbar gerade korrigiert wird: Von diesen 76 Fahrern sind 32 Spanier und zwölf Italiener, was knapp 60 Prozent (57,89 Prozent) entspricht. Im Feld der Königsklasse wurden mehr als 40 Prozent der Fahrer in Spanien geboren.
Noch vor nicht allzu langer Zeit schien die Herkunft der Fahrer für den CEO der Meisterschaft kein Problem zu sein. "Wir wollen die Besten, egal woher sie kommen", war die Devise von Carmelo Ezpeleta.
Das sagte er noch vor der Übernahme durch Liberty Media als neuen Eigentümer der MotoGP. Im September des vergangenen Jahres konnte Motorsport.com Spanien, eine Schwesterplattform von Motorsport-Total.com mit ihm sprechen.
Dabei wurde ein deutlicher Wandel in der Philosophie sichtbar. "Bei den Olympischen Spielen, wenn du Amerikaner bist und in deinem Land Vierter wirst, fährst du nicht hin. Fertig. Das war es."
"Es kann nicht sein, dass wir das Feld mit Spaniern füllen. Das ist eine klare Entscheidung der Meisterschaft", legt Ezpeleta die neuen Richtlinien dar. "Was wir wollen, sind die besten Fahrer der Welt."
"Wenn sie aus vielen verschiedenen Ländern kommen, umso besser. Mehr Fahrer aus verschiedenen Ländern zu haben, ist nichts, was wir als Dorna vorschreiben. Die Teams verstehen, dass es wichtig und vorteilhaft ist."
Ezpeleta versichert, dass diese Linie nicht von Liberty Media vorgegeben wird. "Absolut nicht", erklärte er damals. Die Botschaft hat sich jedoch festgesetzt, und die Teams beginnen, nach Fahrern zu suchen, die weder Spanier noch Italiener sind.
Unter diesem neuen Blickwinkel könnten 2027 einige MotoGP-Fahrer ohne Motorrad dastehen. Etwa Joan Mir, Weltmeister 2020, oder die Rennsieger Maverick Vinales und Alex Rins.
Andere, wie Jack Miller, Australier, oder Brad Binder, Südafrikaner, sind aufgrund ihres Passes nach wie vor sehr gefragt, obwohl sie kein hohes Leistungsniveau mehr zeigen. Sie versperren damit jungen Talenten wie Manuel Gonzalez den Weg.
Gonzalez scheiterte für 2026 am Aufstieg in die MotoGP, weil er Spanier ist. Im Moment suchen die Teams Fahrer wie Ai Ogura (Japan), Diogo Moreira (Brasilien) oder David Alonso (Kolumbien).

Diogo Moreira mit einem Helmdesign von Ayrton Senna
Foto: Getty Images South America
Das wurde in Goiania eindrucksvoll bewiesen, wo Moreira Tausende brasilianische Fans anzog und von einer riesigen Menschenmenge gefeiert wurde. Der Rummel um seine Person war unübersehbar.
Natürlich zweifelt niemand an diesen drei jungen Talenten, doch der Trend, die Zahl der Spanier und Italiener zu reduzieren und Fahrer mit anderen Pässen zu belohnen, kann sich für Liberty zu einem zweischneidigen Schwert entwickeln.
Denn "Unterhaltung" braucht sichtbare Helden. Seit dem Karriereende von Valentino Rossi hat nur Marc Marquez das Spektakel zumindest in Teilen am Laufen gehalten.
Der Wert der doppelten Staatsbürgerschaft
Einer jener Fahrer, die in der nächsten Saison möglicherweise ohne Platz dastehen, ist Franco Morbidelli. Der VR46-Fahrer wurde in Rom geboren. Er hat einen italienischen Vater und eine brasilianische Mutter.
Der brasilianische Pass hätte ihm vielleicht einige Türen mehr geöffnet, wenn er sich bei seinem Einstieg in die WM 2013 dafür entschieden hätte. Morbidelli besitzt sowohl den italienischen als auch den brasilianischen Pass.
"Ich habe tatsächlich erwogen, als Brasilianer zu fahren, als ich meine Karriere in der Weltmeisterschaft begann", sagt Morbidelli gegenüber Motorsport.com Spanien. "Zwischen 2013 und 2014 haben wir das geprüft."

Franco Morbidelli hätte auch als Brasilianer antreten können
Foto: Getty Images South America
"'Uccio' (Salucci, Valentino Rossis rechte Hand; Anm. d. Red.) erwähnte es mir gegenüber als eine Möglichkeit, die interessant sein könnte. Aber letztendlich traf ich die Entscheidung, unter der italienischen Flagge zu fahren."
"Ich wurde in Italien geboren und habe immer dort gelebt, und so habe ich diese Entscheidung damals getroffen." Ein Passwechsel kommt für Morbidelli jedoch nicht mehr infrage.
"Ich werde die Flagge nicht wechseln. Ich habe mit der italienischen begonnen und werde mit ihr aufhören. Aber alle wissen, welch große Liebe ich für meine beiden Heimatländer hege, nämlich Italien und Brasilien", erklärt der 32-Jährige.
Andere hingegen haben in der doppelten Staatsbürgerschaft einen interessanten Ausweg in ihrer Karriere gesehen. Einer der Ersten, der die Entscheidung traf, die Flagge seines Vaters anzunehmen, war Gabriel Rodrigo.
Er fuhr zwischen 2014 und 2021 in der Moto3 und trat Mitte der Saison 2022 aus der Moto2 zurück. Rodrigo vertrat stets Argentinien, obwohl er in Barcelona geboren wurde und sein ganzes Leben dort verbracht hatte.

Gabriel Rodrigo trat immer als Argentinier an
Foto: Motorsport Images
Anfangs trat Rodrigo noch unter spanischer Flagge an. 2013 kämpfte er mit Fabio Quartararo um den Titel der spanischen Meisterschaft, den sich schließlich der Franzose sicherte.
"Die ersten Male stand ich mit spanischer Flagge auf dem Podium", erinnert sich Rodrigo. "Obwohl ich meinen Startplatz in der WM für 2014 sicher hatte, sagte mir die Dorna, dass es eine gute Idee wäre, mit dem argentinischen Pass zu fahren."
"Und tatsächlich stand ich bei meinem letzten Podium in der CEV bereits unter dieser Flagge. Niemand hat mich dazu gezwungen. Es war ein Vorschlag, den ich gemeinsam mit meiner Familie abgewogen habe."
"Es schien eine gute Idee zu sein, vor allem weil ich trotz meines gesamten Lebens in Spanien stets ein starkes Gefühl der doppelten Zugehörigkeit hatte. Wir dachten damals auch, dass es etwas Vorteilhaftes für meine Karriere sein könnte."
"Sowohl sportlich als auch im Hinblick auf argentinische Sponsoren ... die nie kamen. Über die persönliche Seite hinaus hat es mir deshalb keinen wirklichen Vorteil gebracht", so Rodrigo.
Diesen Weg schlug 2023 auch David Alonso ein. Der talentierte Fahrer wurde in Madrid geboren, er tritt aber mit dem Pass und der Flagge Kolumbiens an, das Heimatland seiner Mutter.
Alonso, Moto3-Weltmeister 2024 und bereits Sieger von 19 Rennen in der Weltmeisterschaft, bestreitet sein zweites Jahr in der Moto2, bevor er in der nächsten Saison mit Honda in die MotoGP aufsteigt.

David Alonso ist erster Weltmeister aus Kolumbien
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Obwohl Alonso in nationalen Meisterschaften als Jugendlicher noch unter der spanischen Flagge gefahren war, trat er bereits bei seinen ersten beiden Wildcard-Einsätzen in der Weltmeisterschaft in den Jahren 2021 und 2022 als Kolumbianer an.
Nach seinem enormen Erfolg im Jahr 2023 wurde Alonso zu einem echten Idol im Land seiner Großeltern mütterlicherseits und besucht es seitdem jedes Jahr, um seine Fans zu treffen und die zahlreichen Sponsoren dort zu betreuen.
"Es ist eine Entscheidung, die gemeinsam mit dem Team und meiner Familie getroffen wurde, als Hommage an meine Mutter", erklärt Alonso. "Wenn die Hymne auf dem Podium gespielt wird und man sie mitsingt, spürt man sie noch mehr."
"Das macht diesen Moment viel besonderer. Es ist der Moment des Triumphs. Sie zu hören lässt dich besser fühlen. Es ist wunderschön und erhebend." Alonso ist Kolumbiens erster Motorrad-Weltmeister.
Zwei neue "Argentinier" in der Weltmeisterschaft
Valentin Perrone tritt mit einem argentinischen Pass in die Moto3-Weltmeisterschaft an, obwohl er in Barcelona geboren wurde und den Großteil seines Lebens dort verbracht hat.
"Es war weniger eine Entscheidung als etwas, das ich schon von klein auf gespürt habe. Schon bei den ersten Rennen bin ich mit der argentinischen Flagge gefahren", erklärt er gegenüber Motorsport.com Spanien.
Perrone bestreitet seine zweite Saison in der kleinen Klasse und hat bislang drei Podestplätze gesammelt, darunter einen in diesem Jahr in Thailand, wo er Dritter wurde.

Valentin Perrone hat eine enge Verbindung zu Argentinien
Foto: Gold & Goose Photography/Getty Images
"Wir leben in Spanien, aber die argentinische Kultur war durch meinen Vater immer in meinem Zuhause präsent. Wir haben alle River-Fußballspiele verfolgt, das Essen, das 'Asado' - alles."
"Argentinien war immer an meiner Seite. Ich habe diese Flagge immer vertreten, schon von klein auf", fügt der 18-Jährige hinzu. Die gleiche Entscheidung traf Marco Morelli, der in Barcelona geboren wurde und seine erste Moto3-Saison bestreitet.
Dennoch hat auch er seine Verbindung zu Argentinien durch seinen Vater stets sehr präsent gehabt. "Zu Hause bin ich von vielen argentinischen Gepflogenheiten umgeben aufgewachsen", sagt Morelli gegenüber Motorsport.com Spanien.

Auch Marco Morelli hat sich für Argentinien entschieden
Foto: EVARISTO SA / AFP via Getty Images
"Von den Grillabenden am Wochenende bis zum Mate, die Teil des familiären Alltags waren und mich seit meiner Kindheit mit dieser kulturellen Verbindung in Kontakt gehalten haben."
"Mein Vater emigrierte auf der Suche nach einem besseren Leben und neuen Möglichkeiten von Argentinien nach Spanien. Diese Geschichte und die damit verbundenen Entbehrungen waren für mich stets ein wichtiger Antrieb."
"Seit ich fahre, wollte ich es immer unter der argentinischen Flagge tun, als natürlichen Ausdruck meiner Verbundenheit mit den Wurzeln und der Geschichte meiner Familie."
"Es war keine bewusste Entscheidung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt getroffen wurde, sondern etwas, das ich vom Beginn meiner sportlichen Karriere an gespürt habe."
Dennoch sieht Morelli in seiner doppelten Staatsbürgerschaft eine Chance und einen kleinen Vorteil, wie sein Agent Santi Costa erklärt: "Aus sportlicher Sicht ist es auch eine Entscheidung, die langfristig Sinn ergibt."
"Im Vergleich zu Spanien, wo es eine große Anzahl von Fahrern und einen sehr wettbewerbsintensiven und gesättigten Markt gibt, hat Argentinien in internationalen Kategorien eine viel geringere Präsenz."
"Ein Land mit geringerer Präsenz vertreten zu können, kann zu einem Mehrwert werden. Kurz gesagt ist es eine Entscheidung, die eine sehr starke persönliche und familiäre Komponente mit einer sportlichen Zukunftsvision verbindet."
Costa fasst damit den neuen Trend treffend zusammen. Ein "anderer" Pass als der spanische ist unter den neuen Prämissen von Liberty Media für die MotoGP-Weltmeisterschaft doppelt so viel wert.
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