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Mitfahrt im elektrischen Opel Corsa-e Rally: Alles außer langweilig

Bei einer Mitfahrt mit Rallye-Ass Marijan Griebel konnte sich Redakteur Markus Lüttgens ein eigenes Bild vom elektrisch angetriebenen Opel Corsa-e Rally machen

Mitfahrt im elektrischen Opel Corsa-e Rally: Alles außer langweilig

Eine Industrie-Brache irgendwo im nirgendwo der Norddeutschen Tiefebene, an einem neblig nass-kalten Dezembertag mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Es mag zu dieser Jahreszeit malerische Orte geben, doch es sind drei Buchstaben, die das Herz des Rallyefans in mir erwärmen: IVG.

Das in einem Waldgebiet zwischen Sulingen und Nienburg gelegene IVG-Gelände war im zweiten Weltkrieg einer der größten Pulverfabriken des dritten Reichs, später wurden dort unter anderem Atomwaffen gelagert.

Heutzutage ist das Areal mit seinen verwinkelten Straßen, die teilweise eingefasst von Betonmauern an eine Bobbahn erinnern, vor allem für die Königsprüfung der Rallye "Rund um die Sulinger Bärenklaue" bekannt. Was die Panzerplatte für die Rallye Deutschland ist, das ist das IVG-Gelände für die Rallye Sulingen. Oder wie Marijan Griebel sagt: "Die anspruchsvollste Wertungsprüfung der Deutschen Rallye-Meisterschaft."

Fortsetzung der erfolgreichen Opel-Nachwuchsförderung

Kurzum der perfekt Ort, um ein Rallyeauto kennenzulernen, das dieser Form einzigartig ist. Mit dem Opel Corsa-e Rally hat die Motorsportabteilung von Opel das erste elektrisch angetriebene Fahrzeug entwickelt, welches speziell für den Einsatz bei Distanz-Rallyes konzipiert wurde.

Ab 2021 wird das Fahrzeug in einem eigenen Markenpokal eingesetzt werden, dem ADAC Opel-Rally-e-Cup. Dieser setzt die Tradition des Opel-Adam-Rallye-Cups fort, der nicht nur deutsche Top-Piloten wie Marijan Griebel, Fabian Kreim oder Dominik Dinkel hervorgebracht hat, sondern auch Fahrer wie Jari Huttunen oder Tom Kristensson, die sich Anfang Dezember bei der Rallye Monza die Titel in der WRC3 beziehungsweise Junior-WRC gesichert haben.

Marijan Griebel

Marijan Griebel war an der Entwicklung des Opel Corsa-e Rally maßgeblich beteiligt

Foto: Opel Motorsport

Die nächste Generation der Rallye-Stars will Opel nun mit Elektropower fördern. Der Opel Corsa-e Rally basiert auf dem Serienmodell des Opel Corsa-e. Äußerlich unterscheidet sich der Elektro-Corsa kaum von seinem benzinbefeuerten Bruder, dem Opel Corsa Rally4. Lediglich er Buchstabe E am Ende des Nummernschilds verrät, dass es sich hier um einen "Stromer" handelt.

Schalthebel verzweifelt gesucht

Auch im Innenraum erwartet einen vieles, was man aus jedem Rallyeauto kennt. Überrollkäfig, zwei Schalensitze und ein langer Hebel für die hydraulische Handbremse kommen zum Vorschein. Vergeblich sucht man aber den Ganghebel für das sequenzielle Getriebe. Eine Umstellung, die auch für Griebel zunächst ein wenig ungewohnt war.

"Anfangs wollte die rechte Hand immer zum Schalthebel greifen", sagt der zweimalige Junior-Europameister, der am heutigen Tag mein Chauffeur ist. "Im Endeffekt ist es wie auf der Kartbahn. Mit rechts gibt man Gas, mit links bremst man und mit den Händen lenkt man", bringt er die Anforderungen an den Piloten auf den Punkt. Und hin und wieder muss die Handbremse gezogen werden.

Spätestens nach dem Druck auf den Starterknopf wird aber klar, dass wir nicht in einem herkömmlichen Rallyeautos sitzen. Denn es passiert erst einmal so gut wie nichts. Nur ein leichtes Klacken verrät, dass das Auto nun abfahrtbereit ist. Und eine Warnleuchte an der Windschutzscheibe.

260 Newtonmeter schieben mächtig an

Beim Anfahren setzt sich der Opel Corsa-e Rally wie von sanfter Hand geschoben in Bewegung, und nicht ruckelnd wie bei so manchem Rennauto. Mit leisem Surren geht es in Richtung der Startline des Rundkurses auf dem IVG-Gelände, auf dem Griebel mit mir auf dem Beifahrersitz nun ein paar Runden drehen wird.

Opel Corsa-e Rally

"Nur" 136 PS, aber reichlich Drehmoment: Der E-Motor im Corsa-e Rallye

Foto: Opel Motorsport

Auf dem Papier mögen die 100 kW (136 PS) Leistung des Opel Corsa-e Rallye nicht sonderlich beeindruckend wirken. Mehr Pferde hatte allerdings auch sein Vorgänger, der Opel Adam nicht unter der Haube. Entscheidender als Spitzenleistung ist im Rallyesport aber ohnehin das Drehmoment, und hier kann der Elektro-Corsa punkten: 260 Newtonmeter liegen ab der ersten Umdrehung an.

Und das merkt man beim simulierten WP-Start. Quietschend suchen die noch nicht ganz warmen Vorderreifen auf dem schmierig-kalten Asphalt nach Haftung, aber dennoch ist die Beschleunigung erstaunlich gut. Doch nicht nur geradeaus kann der Corsa-e Rally überzeugen. Auch in den Kurven ist das über 1.400 Kilogramm schwere Auto äußerst agil und liegt für einen Fronttriebler sehr neutral auf der Straße.

Gute Balance dank tiefem Schwerpunkt

"Ich habe noch nie ein Auto erlebt, was so gut ausbalanciert ist", sagt Griebel, der als Opel-Markenbotschafter an der Entwicklung des Fahrzeugs mitgearbeitet hat. Dazu trägt auch der tiefe Schwerpunkt bei. Denn die Batterien sind beim Opel Corsa-e Rallye in einer speziellen Schutzwanne im Unterboden des Fahrzeugs untergebracht.

Ganz anders als bei einem benzingetriebenen Auto ist auch die Geräuschkulisse im Elektro-Corsa. Ohne den lauten Motorsound hört man das Quietschen der Reifen, das Klackern von Steinen in den Radkästen oder die Bewegungen des Fahrwerks beim Durchfahren von Schlaglöchern deutlicher als je zuvor.

Und noch einen Vorteil hat die ruhige Umgebung: Auch ohne Intercom-Anlage kann ich mich mit Marijan Griebel während der Fahrt unterhalten. Lediglich die wegen Corona obligatorischen FFP2-Masken, die wir beide tragen, dämpfen die Unterhaltung.

Soundsystem sorgt für mehr Sicherheit

Allerdings wird das Auto im Rennbetrieb nicht so leise bleiben. Denn Opel entwickelt ein Soundsystem, mit dem ein Motorensound simuliert werden soll. Damit will man den Zuschauern allerdings nicht den falschen Eindruck eines Benzinmotors vorgaukeln. Vielmehr ist das Soundmodul ein wichtiges Sicherheits-Feature, damit das an sich sehr leise Auto auf den Wertungsprüfungen und vor allem auch im Servicepark rechtzeitig wahrgenommen wird.

Opel Corsa-e Rally

Im Rennbetrieb wird der Opel Corsa-e Rally künstlich Sound erzeugen

Foto: Opel Motorsport

Ab März 2021 sollen die Fahrzeuge an die Kundenteams ausgeliefert werden. Nach einem Testevent im April oder Mai, bei dem die Abläufe und vor allem die Lade-Infrastruktur erprobt werden sollen, sind dann ab Mai acht Veranstaltungen des Opel-e-Rally-Cup geplant.

Die meisten sollen im Rahmen der Deutschen Rallye-Meisterschaft ausgetragen werden, darüber hinaus ist aber auch eine internationale Veranstaltung geplant. Im Anschluss findet dann mit den besten Teilnehmern eine Sichtung statt, deren Sieger weiter von Opel gefördert wird.

Fazit: Auch elektrisch macht Rallye Spaß

Meine Taxifahrt mit Marijan Griebel endet unterdessen nach knapp 15 Minuten. Allerdings nur aus Corona-Schutzgründen, und nicht weil die Batterie leer ist. Denn im WP-Modus schafft der Opel Corsa-e Rally gut 60 Kilometer.

Die wenigen Runden auf dem IVG-Gelände haben ausgereicht um zu beweisen, dass der Opel Corsa-e Rally ein vollwertiges Rallyeauto ist. Bei der Jagd um die engen Kurven oder dem Umlenken mit der Handbremse hatte ich zwischenzeitlich fast schon vergessen, dass ich in einem Elektroauto sitze.

Klar mag manchem der Motorensound fehlen. Aber ebenso wie bei Geisterspielen beim Fußball die Rufe der Trainer und Spieler erstmals wahrnehmbar werden, erlebt man das Fahren im Elektroauto auf völlig neue Weise. Und die ist nicht weniger spannend. Und alles andere als langweilig.

Mit Bildmaterial von Opel Motorsport.

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Rennserie Rallye
Urheber Markus Lüttgens