BMW M1000RR: Mythen rund um die verschiedenen WSBK-Rahmen aufgedeckt

Bei BMW kommen verschiedene Rahmen zum Einsatz: Wir haben uns exklusiv mit dem BMW-Motorradsport-Direktor und dem Teamchef von Jonas Folger unterhalten

BMW M1000RR: Mythen rund um die verschiedenen WSBK-Rahmen aufgedeckt

Mit dem Wechsel zur M1000RR konnte BMW in diesem Jahr das Topspeed-Problem der S1000RR aus der Welt schaffen. Die zusätzliche Leistung der M-Version kreierte aber beim Fahrverhalten Probleme, die in den beiden vergangenen Jahren kein Thema waren. BMW reagierte auf die Wünsche der Fahrer und präsentierte in Donington einen überarbeiteten Rahmen, der vor allem beim harten Bremsen ein besseres Gefühl vermitteln sollte.

Die Ingenieure haben auf Grund der im Reglement vorgeschriebenen Seriennähe in der Superbike-WM nur wenige Freiheiten, um Änderungen am Chassis durchzuführen. Es kursierten einige Gerüchte, was die Steifigkeit angeht. Ist der neue Rahmen mehr oder weniger verwindungssteif?

BMW-Motorradsport-Direktor Marc Bongers liefert im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' Einblicke, was hinter den Kulissen getan wurde: "Der Hauptrahmen muss der Serie entsprechen, doch es darf Material hinzugefügt werden. Man darf den Rahmen in gewissen Bereichen versteifen."

 

Marc Bongers

BMW-Motorradsport-Direktor Marc Bongers sprach exklusiv mit 'Motorsport-Total.com'

Foto: BMW Motorrad

"Es muss sichergestellt werden, dass die FIM eine Zeichnung erhält. Vor Ort wird der neue Rahmen dann abgenommen und in den Homologations-Unterlagen hinterlegt. Dieses Chassis muss man innerhalb einer gewissen Preisgrenze und innerhalb eines gewissen Zeitfensters auch an die Kundenteams in dieser Meisterschaft liefern", schildert der BMW-Verantwortliche.

"Jeder Hersteller in der Superbike-WM hat sein Chassis bearbeitet oder verstärkt", stellt Marc Bongers klar und fügt hinzu: "Die Arbeit am Chassis ist hochkomplex. Man erhält nie einen Vorteil, ohne gleichzeitig auch einen Nachteil zu erhalten."

Nicht alle BMW-Piloten verwenden den steiferen Rahmen

Werkspilot Michael van der Mark und Satelliten-Pilot Jonas Folger hatten ähnliche Wünsche. Die Fahrstile der beiden BMW-Piloten sind ähnlich. Beide wünschten sich beim Bremsen ein besseres Gefühl für die Front der Maschine. Diesem Wunsch kam BMW nach. "Mit diesem neuen Rahmen konnten wir die Bremsstabilität verbessern", bestätigt Marc Bongers.

Michael van der Mark, Jonas Folger

Michael van der Mark und Jonas Folger verwenden den steiferen Rahmen

Foto: Motorsport Images

Doch nicht alle BMW-Piloten verwenden die Neuentwicklung. Tom Sykes blieb beim bisherigen Rahmen. Der Grund: Sykes kann mit seinem extremen Fahrstil die Schwächen umfahren.

"Tom hat im Vergleich zum Michael van der Mark einen ganz anderen Fahrstil. Tom bremst sehr lange aufrecht und tief in die Kurve. Danach legt er die Maschine um und beschleunigt wieder aus der Kurve heraus. Van der Mark hat eher einen runden Fahrstil, genau wie Jonas. Wenn die Fahrstile ähnlich sind, dann sind meist auch die Rückmeldungen zu neuen Teilen ähnlich", begründet Marc Bongers.

Fahrer müssen die Probleme umfahren können

Mit dem Wechsel zum neuen Rahmen konnte BMW einige Probleme lösen. Doch klar ist auch, dass aus der BMW M1000RR keine Yamaha R1 wird. Michael van der Mark und Jonas Folger, die im Vorjahr noch für Yamaha fuhren, müssen sich also fahrerisch anpassen.

"Es gibt bei den unterschiedlichen Motorradkonzepten gewisse Limits, die man als Fahrer umfahren kann", bemerkt Marc Bongers. "Wenn man von einer Yamaha kommt, dann versucht man auf der BMW gewisse Sachen zu machen, die mit der BMW nicht möglich sind. Man muss in diesem Fall die Stärken der BMW erkennen und nutzen. Der Fahrer muss seinen Stil immer ein wenig anpassen, wenn er das Motorrad wechselt."

Jonas Folger

Jonas Folger fällt die Umstellung von der Yamaha R1 zur BMW M1000RR schwer

Foto: Motorsport Images

Der BMW-Verantwortliche verweist auf Valentino Rossi, um zu verdeutlichen, dass sich der Fahrer immer wieder auf die Gegebenheiten einstellen muss. "Er musste sich immer wieder anpassen, um so lange dabei sein zu können", so Marc Bongers. "Valentino Rossi hat in den vergangenen 20 Jahren sämtliche Stile erlebt - egal ob es um verschiedene Reifen, Motorkonzepte oder Fahrstile geht."

Neuer Rahmen sorgt bei Jonas Folger nicht für den finalen Durchbruch

Jonas Folger gelang diese Anpassung bisher nicht besonders gut. Nach den ersten acht Wochenenden hat der Deutsche nur magere 14 Punkte auf seinem Konto und liegt in der Gesamtwertung auf Platz 19. Damit reiht sich der ehemalige MotoGP-Pilot hinter Fahrern wie Christophe Ponsson und Isaac Vinales ein.

Wir haben bei Teammanager Michael Galinski nachgefragt, welche Vorteile der steifere Rahmen für Jonas Folger bringt. "Wir hatten das Problem, dass der Rahmen in der Bremsphase zu viel gearbeitet hat. Klar, ein Rahmen muss sich verwinden, vor allem in Schräglage, weil dann die Federelemente nicht so viel Wirkung haben. In diesen Situationen muss der Rahmen flexibel sein", erklärt er.

Jonas Folger

Jonas Folger wünscht sich ein besseres Gefühl am Kurveneingang

Foto: Motorsport Images

"In der geraden Achse beim Bremsen muss er aber steif sein. Es gibt aber auch Fahrer, die sich in dieser Fahrsituation Verwindungen wünschen, wie Sykes, der viel mit der Hinterradbremse arbeitet. Der haut da voll drauf und will, das sich das Motorrad ein bisschen verbiegt, damit er besser einlenken kann", berichtet Folgers Teamchef.

"Unser Hauptproblem war die Verzögerungsphase. Deshalb haben wir zusammen mit Van der Mark den Weg eingeschlagen, auf einen in Bremsrichtung stabileren Rahmen zu setzen", erläutert Michael Galinski. "Wenn man etwas beim Bremsen spannt, dann entspannt sich das irgendwann. Jonas kämpfte beim Lösen der Bremse mit Untersteuern oder Chattering."

"BMW kann viel simulieren, aber nicht alles. Die finalen Erfahrungen werden auf der Rennstrecke gesammelt", kommentiert Galinski. "Die Verstärkung, die wir verwenden, hat bei uns und auch bei Van der Mark für positive Rückmeldungen gesorgt. Sykes fährt den weniger steifen Rahmen. Es ist nicht so, dass sich alle komplett in eine Richtung entwickeln. Es ist von Fahrer zu Fahrer abhängig", bestätigt der Folger-Teamchef.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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