Rea-Crewchief exklusiv: Warum 2021 Kawasakis WSBK-Dominanz zu Ende ging

Die Fortsetzung der Erfolgsserie von Jonathan Rea ist in Gefahr: Wir haben uns exklusiv mit Kawasaki-Crewchief Pere Riba getroffen und nach den Gründen gefragt

Rea-Crewchief exklusiv: Warum 2021 Kawasakis WSBK-Dominanz zu Ende ging

Superbike-Weltmeister Jonathan Rea reiste mit 20 Punkte Rückstand zum finalen Europa-Event der WSBK-Saison 2021 nach Portimao. Am vergangenen Wochenende in Jerez gewann Yamaha-Pilot Toprak Razgatlioglu beide Rennen und baute damit seinen Vorsprung aus. Jonathan Rea und Kawasaki konnten seit Juli kein Hauptrennen für sich entscheiden. Wir haben uns in Portimao mit Crewchief Pere Riba getroffen und hinterfragt, warum die Titelverteidigung in diesem Jahr so schwierig ist.

"Was passiert ist, ist für mich logisch und normal", beginnt Pere Riba zu erklären. "Wir beendeten die Saison 2020 und konzentrierten uns wie immer darauf, Verbesserungen für das Folgejahr zu erzielen. Uns war klar, welche Bereiche wir verbessern müssen. Kawasaki arbeitete im Winter sehr hart."

Pere Riba deutet die kontroverse Drehzahleinstufung der 2021er-Kawasaki an und erklärt, wie er die Situation erlebt hat: "Wir bereiteten uns vor und fuhren den ganzen Winter über mit einem Motor, der 500 Umdrehungen mehr hatte im Vergleich zum Ende der Saison 2020. Das beeinflusst das komplette Motorrad."

Angespannte Stimmung vor dem Saisonstart im Mai

"Es wirkt sich auf den Charakter des Motors, die Übersetzung, die interne Getriebeübersetzung, die Arbeit mit der Elektronik und das komplette Paket aus. Wir konnten einen Fortschritt machen. Es waren kleine Fortschritte. Man sucht nach einer oder zwei Zehntelsekunden. Zwei Zehntelsekunden pro Runde sind in einem Rennen vier Sekunden. Das ist ein massiver Unterschied. Es entscheidet darüber, ob man gewinnt oder auf Platz vier ins Ziel kommt", bemerkt der Kawasaki-Crewchief.

Pere Riba

Pere Riba traf sich in Portimao mit uns zum Exklusiv-Interview

Foto: Kawasaki

"Wir hatten einen guten Winter und verfügten über ein solides Paket. Eine Woche vor dem ersten Rennen bekam ich die Information, dass wir nicht mit der Homologation fahren können, mit der wir uns vorbereitet haben", schildert Pere Riba.

"Ich musste alles neu organisieren. 500 Umdrehungen weniger führten zu Änderungen am Getriebe, an der Elektronik und an der Balance der Maschine. Wir mussten einen Schritt zurück machen. Gleichzeitig war es für die Fahrer nicht gerade zuträglich, wie man sich vorstellen kann", erklärt der Spanier im Gespräch mit 'Motorsport.com'.

Plötzlich war Yamaha der größte Herausforderer von Kawasaki

Nach vielen Jahren, in denen Ducati der härteste Gegner war, fand Kawasaki in diesem Jahr einen neuen Herausforderer vor: Yamaha-Pilot Toprak Razgatlioglu zeigte im Vergleich zum Vorjahr eine deutliche Steigerung und war auf allen Strecken schnell.

Toprak Razgatlioglu, Jonathan Rea

Toprak Razgatlioglu verpasste Jonathan Rea zuletzt einige Niederlagen

Foto: Motorsport Images

"Jeder in diesem Fahrerlager kennt das Potenzial von Toprak. Das war bereits vor drei Jahren klar. Er zeigte schon damals, dass er sehr viel Potenzial hat", kommentiert Pere Riba. "Er musste sich nur noch weiterentwickeln. Bereits bei Kawasaki entwickelte er sich sehr gut und besiegte Jonathan Rea mit dem gleichen Motorrad. Das zeigt, dass Potenzial vorhanden war. Yamaha konzentrierte sich voll auf Toprak."

"Yamaha startete auf einem ordentlichen Niveau in die Saison. Doch sie konnten sich weiter steigern. Bei uns stagnierten die Leistungen, weil wir mit dem gleichen Material fahren müssen und das Motorrad bereits sehr gut kennen", berichtet Pere Riba.

Auch die Reifen spielten Yamaha in die Karten

"Dann präsentierte Pirelli neue Reifen. Es gab einen neuen SCX-Hinterreifen", nennt der Kawasaki-Crewchief einen weiteren Faktor. "Unser Motorrad verfügt über sehr viel mechanische Traktion. Deshalb nutzen wir den harten Reifen sehr gut. Die Yamaha aber profitiert von diesem zusätzlichen Grip (des weichen Reifens). Sie konnten damit einen guten Schritt machen."

Kawasaki ZX-10RR

Die Kawasaki ZX-10RR kann den SCX-Reifen nicht so gut nutzen wie die Yamaha R1

Foto: Kawasaki

"Ich sage nicht, dass sie Glück hatten mit diesem Reifen oder dass sie ohne diesen Reifen nicht in der Lage wären dazu", stellt Pere Riba klar. "Es ist aber keine Überraschung, wenn man alles zusammenbringt: Yamahas Entwicklung nach einem Jahr mit Toprak, das Wissen und die Bemühungen von Yamaha und die Reifen."

"Ich muss Yamaha loben. Sie arbeiten als Werk richtig gut. Sie haben das Werksteam und das Satelliten-Team. Beide Teams sind sehr gut vernetzt. Alle Fahrer arbeiten zusammen und bringen Informationen ein. Sie arbeiten sehr gut. Das muss ich anerkennen", lobt der Kawasaki-Crewchief.

Eine schnelle Kawasaki gegen drei schnelle Yamahas

In den vergangenen Jahren war Jonathan Rea stets die Speerspitze von Kawasaki. Der Brite setzte sich teamintern klar gegen Tom Sykes, Leon Haslam und zuletzt auch gegen Alex Lowes durch.

"Bei Kawasaki haben wir Jonathan Rea. Alex Lowes ist ebenfalls ein Spitzenfahrer. Das wissen wir. Er ist sehr schnell. Doch er erlebt kein gutes Jahr auf Grund seiner Verletzungen", kommentiert Pere Riba.

Jonathan Rea; Alex Lowes

Teamkollege Alex Lowes (22) war in diesem Jahr nur selten eine Gefahr für Jonathan Rea (1)

Foto: Kawasaki

"Alex kann sein Potenzial nicht zeigen. Ich bin mir sicher, dass es eine Hilfe sein könnte, wenn wir die Informationen von fünf verschiedenen Fahrern auf hohem Niveau hätten. Doch wir haben nicht die Struktur, die Yamaha hat", bedauert der Spanier und betont: "Kleine Details machen aber einen Unterschied aus. Oft kommen Toprak und Jonathan innerhalb einer Sekunde ins Ziel."

"Auf einigen Strecken ist Jonathan schneller als im Vorjahr. Er leistet tolle Arbeit. Er ist der beste Johnny, den es je gab. Doch auf einigen Strecken und unter einigen Voraussetzungen reicht das nicht mehr", stellt Pere Riba fest.

Kawasaki nach Jahren der Dominanz noch hungrig genug?

Seit der WSBK-Saison 2015 dominierte Kawasaki die Serie und holte sechs Jahre in Folge den Titel. Ist das Team noch so hungrig wie zu Beginn der Rea-Ära? "Wenn man immer gewinnt, dann kann das auch negativ sein. Vielleicht lehnt man sich ein bisschen mehr zurück. Und andere machen keine Pause", grübelt Pere Riba.

Jonathan Rea

Jonathan Rea bescherte Kawasaki Jahr für Jahr neue Erfolge

Foto: Kawasaki

"Es ist verrückt, wenn man im Rennsport so viel gewinnt, wie es bei uns in den vergangenen sechs Jahren der Fall war. Doch dieser Traum war real. So etwas ist nicht normal. Doch wenn dann jemand kommt, der seine Werkzeuge perfekt nutzt und man selbst nichts mehr in der Tasche hat, dann kreiert das Stress, Nervosität und Druck. Druck ist in keinem Sport hilfreich. Es arbeitet gegen einen", erklärt der Kawasaki-Crewchief, der eine Analogie zu 2019 erkennt, als Alvaro Bautista auf der damals brandneuen V4-Ducati von Sieg zu Sieg fuhr.

Erinnerungen an die WSBK-Saison 2019

"2019 wurden wir bei elf Rennen von einem anderen Motorrad und einem anderen Fahrer klar besiegt. Das können wir nicht vergessen. Wir sind nicht die einzigen in dieser Meisterschaft. Wenn Jonathan nicht gewinnt, dann fragen sich alle, was los ist. Doch es ist möglich, dass andere gut arbeiten und einen Schritt nach vorn machen und wir stagnieren", bemerkt Pere Riba.

"Die Situation jetzt erinnert an 2019. Wir reisten damals von Australien nach Thailand und danach nach Aragon und wir wurden bei jedem Wochenende knallhart besiegt. Ich versuchte damals, Johnny so gut es geht zu beruhigen. Es ist wichtig, keinen Stress zu empfinden", erklärt der Crewchief des Weltmeisters.

Alvaro Bautista, Jonathan Rea

WSBK 2019: Alvaro Bautista gewann zu Saisonbeginn elf Rennen in Folge

Foto: Motorsport Images

"Doch es ist normal, Stress zu empfinden, wenn plötzlich jemand kommt, der mit zehn Sekunden Vorsprung gewinnt, obwohl man selbst derjenige war, der jahrelang gewann. Damals war es ähnlich wie jetzt", erkennt Pere Riba. "Doch damals konnten wir sie unter Druck setzen und das hat Fehler verursacht. Jetzt ist es anders, weil wir bereits seit dem Saisonstart kämpfen."

An diesem Wochenende hat Kawasaki eine gute Chance, den Rückstand zu verringern. Portimao zählt zu den absoluten Paradestrecken von Jonathan Rea. "Die Meisterschaft ist noch nicht zu Ende. Es stehen noch drei Wochenenden bevor und wir geben nicht auf", betont Pere Riba.

Bringt Kawasaki für 2022 ein überarbeitetes Superbike?

Und wie geht es Kawasaki weiter? Gibt es bei der 2021er-Ninja noch Raum für Verbesserungen? "Wir nutzen bereits das volle Potenzial der Maschine aus", winkt Pere Riba ab und fügt hinzu: "Die Superbikes haben alle ihren eigenen Charakter."

"In der MotoGP können die Hersteller von einem Event zum nächsten den Rahmen austauschen. Hier kann der Charakter des Motorrads nicht verändert werden. Man kann sich von Strecke zu Strecke die Abstimmung ändern, doch der Charakter bleibt gleich. Einige Strecken liegen dem jeweiligen Charakter besser als andere", erklärt der Crewchief des Rekord-Weltmeisters.

Mit Bildmaterial von Kawasaki.

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