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Stefan Nebel (ServusTV) exklusiv 1/2: Das große Interview zur WSBK-Saison 2019

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Stefan Nebel (ServusTV) exklusiv 1/2: Das große Interview zur WSBK-Saison 2019
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28.08.2019, 09:08

ServusTV-Experte Stefan Nebel spricht im ersten Teil des Interviews über Alvaro Bautistas Aus bei Ducati, Jonathan Reas weltmeisterliche Saison und Ducatis V4-SBK

Die Sommerpause der Superbike-WM neigt sich dem Ende zu. Wir haben die Auszeit genutzt, um uns mit ServusTV-Experte Stefan Nebel über laufende Saison und die Entwicklungen der vergangenen Wochen zu unterhalten.

Im ersten Teil des Exklusiv-Interviews thematisieren wir unter anderem Jonathan Reas weltmeisterliche Saison, Ducatis neues V4-Superbike, Alvaro Bautistas Transfer und den Rücktritt von Marco Melandri.

Frage: "Jonathan Rea ging als Favorit in die Saison 2019. Doch WSBK-Neuling Alvaro Bautista startete mit einer Siegesserie in seine erste Superbike-Saison und befand sich voll auf Kurs zum Titel. Zuletzt verlor der Spanier viele Punkte und brachte sich in eine schwierige Situation. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?"

Stefan Nebel: "Ich habe damit gerechnet, um ehrlich zu sein. Das war unter anderem ein Grund, warum ich froh war, diese Serie begleiten zu dürfen. Nach den Tests von Bautista war relativ schnell klar, dass er das Motorrad mag. Einerseits war seine Dominanz bei den ersten Rennen unerwartet, andererseits aber auch klar. Er kannte viele der Strecken gut."

"Ab dem Punkt, an dem Bautista zu unbekannten Kursen kam, war Jonathan Rea clever genug, um die Situation auszunutzen. Das macht er aktuell. Bautista kehrte in sein altes Schema zurück und landete einige Male auf der Nase. Ich erwartete aber nicht, dass die WM-Führung so schnell wechselt und dass Jonathan Rea die Führung so schnell ausbaut. Das ist überraschender als die Tatsache, dass Bautista in seiner ersten Saison vorne dabei ist."

Bautista-Zauber: Nur eine Ducati an der Spitze

Frage: "Lange Zeit war Bautista der einzige Ducati-Pilot, der das Potenzial der neuen V4-Maschine richtig nutzen konnte. Sehen Sie als ehemaliger Profi, was Bautista anders macht als seine Markenkollegen?"

Nebel: "Er fährt eine Spur härtere Linien. Er fährt aggressivere Linien, ähnlich wie in der MotoGP. Chaz Davies versucht es auch. Die anderen Ducati-Piloten machen es nicht schlecht, aber bei der Kombination Bautista/Ducati harmoniert alles. Der Charakter der Maschine passt zu Bautista und die Größe ebenfalls. Dadurch ergibt sich eine perfekte Balance. Deshalb ist klar, dass Bautista der bessere Mann sein sollte im Vergleich zu Davies."

Alvaro Bautista, Jonathan Rea

Zu Saisonbeginn fuhr Alvaro Bautista Kreise um seine Gegner

Foto: LAT

"Ich glaube, Davies hat zu Beginn zu knabbern gehabt, weil er in den beiden vergangenen Jahren Vizeweltmeister war und dann kommt einer in deine Box und haut dir den Lappen um die Ohren. Davon musste sich Davies erst einmal erholen und neues Vertrauen finden in die Crew."

"Er musste erneut eine vernünftige Arbeitsatmosphäre herstellen. Zeitweise war er mit dabei, hatte dann aber immer wieder Pech, wie zum Beispiel in Imola. Ich glaube, Davies brauchte einfach mehr Zeit. Bautista erhielt mehr Aufmerksamkeit. Jetzt kommen beide Ducati-Piloten zusammen an ihr Ziel."

Frage: "Also trauen Sie Chaz Davies nach der Sommerpause konstant gute Ergebnisse mit der Ducati zu?"

Nebel: "Genau genommen gibt es in der laufenden Saison nur einen konstant schnellen Fahrer: Jonathan Rea. Toprak Razgatlioglu fuhr zuletzt auch konstant vorne mit. Aber egal ob Tom Sykes, Leon Haslam oder sonst wer, keiner war so konstant wie Jonathan Rea. Bautista ist ganz extrem. Entweder wirft er es weg oder er fährt an der Spitze."

Chaz Davies

Chaz Davies holte vor der Sommerpause den ersten Sieg mit der V4-Ducati

Foto: Ducati

"Ich glaube nicht, dass Davies so konstant vorne fahren kann. Dafür ist die Leistungsdichte zu groß. Kleine Probleme haben große Auswirkungen auf die Resultate. Eine richtige Konstanz traue ich neben Rea eigentlich nur Bautista zu, sofern er sich wieder fängt. Allen anderen würde ich es wünschen, weil sie alle geil Motorrad fahren können, sehe aber kaum Chancen."

Ducati setzt mit der V4-Panigale "neue Maßstäbe"

Frage: "Die Ducati Panigale V4R polarisierte bei ihrem Debüt in der Superbike-WM. Einige Gegner kritisieren die Philosophie der Maschine. Ihre Meinung dazu?"

Nebel: "Ducati hat nicht die Regeln gemacht. Sie haben sich hingesetzt und die Regeln italienisch bearbeitet (lacht; Anm. d. Red.). Sie haben sich gesagt, wenn wir können, dann tun wir das jetzt mal. Ich glaube weniger, dass das Motorrad firmenintern einen Sinn hat, wenn es darum geht, Geld damit zu verdienen."

"Stattdessen geht es darum, einen Standpunkt klar zu machen. Es wird eine neue Ära eingeläutet. Selbst bei einem Renntraining mit 200 Fahrern hört man die eine Ducati heraus. Der Schritt, den Ducati gemacht hat, ist grandios. Sie haben neue Maßstäbe gesetzt und ich finde es gut, dass sich ein Werk so etwas traut."

Frage: "Wird es in Zukunft eine Voraussetzung sein, MotoGP-Erfahrungen in der Superbike-WM anzuwenden, um erfolgreich zu sein?"

Nebel: "Wer führt momentan die Weltmeisterschaft an (lacht; Anm. d. Red.)? Es gibt sicher spezielle Situationen, in den die Ducati besser ist. Aber es ist auch nicht so einfach, einen dermaßen guten Allrounder wie die Kawasaki hinzubekommen. Die aktuellen Werksmaschinen der Hersteller sind das Maximum, was mit der jeweiligen Basis möglich war. Ducati hat die Basis verschoben. Ich glaube deshalb, dass die neuen Serienmaschinen der Gegner nachziehen müssen, um weiterhin mithalten zu können."

Ducati Panigale V4 R

Ducati Panigale V4 R: Das radikalste Superbike im Feld

Foto: LAT

"Aus meiner Sicht ist es aber keine Voraussetzung, in der MotoGP Erfahrungen zu sammeln und diese anzuwenden. Das Problem ist der Preis. MotoGP-Technologien führen zu einem hohen Preis, der sich im Verkauf widerspiegelt. Eine Ducati kann man für 50.000 Euro verkaufen. Ich glaube aber kaum, dass sich jemand für 50.000 Euro eine Kawasaki kauft. Das führt natürlich dazu, dass die Werke politisch anders denken."

Frage: "Die Ducati verfügt über einen grandiosen Motor, hat aber beim Chassis einige Schwächen, die vor allem auf Oldschool-Kursen wie Donington ans Licht kommen. Ist das Motorrad zu steif oder wie begründen Sie die Probleme?"

Nebel: "Ja, es ist für sie auf manchen Strecken schwieriger. Das ist genau das, was ich mit dem Allroundpaket meinte, das bei der Kawasaki besser ist. In meinen Augen kann Bautista seinen Stil nur in bestimmten Situationen ausspielen. Das geht nur auf Strecken wie Aragon - vom Typ her Grand-Prix-Strecken. Auf Hackerstrecken wird es schwieriger, weil das Motorrad diffiziler ist. Das Fenster, in dem die Ducati funktioniert, ist kleiner."

"Die Abstimmung ist schwieriger, wenn es auf alte Strecken geht, wie zum Beispiel Donington. Es ist nicht unmöglich, aber schwieriger. Dann muss man den Verlauf des Wochenendes sehen. Bautista hatte in Donington kein gutes Wochenende. Durch den Regen konnten sie nicht so viel arbeiten, wie es mit einem neuen Motorrad nötig gewesen wäre. Das führte zum schlussendlichen Ergebnis. Ich würde aber nicht sagen, dass das Motorrad gar nicht zur Strecke passt. Es ist eine Abstimmungssache. Ducati weiß nicht immer eine Antwort."

Mega-Transfer: Alvaro Bautista verlässt Ducati

Frage: "Alvaro Bautista verlässt Ducati nach nur einem Jahr. Hat sich der WSBK-Sensationsrookie damit um die Chance gebracht, im Herbst seiner Karriere ein paar WM-Titel nachzuschieben?"

Nebel: "Ich habe den großen Glauben daran, dass Rennfahrer nicht in erster Linie ans Geld denken. Man sieht auch am Beispiel von Lorenzo, dass man Erfolg braucht, um so agieren zu können, wie man es gewohnt ist."

Alvaro Bautista

Alvaro Bautista fährt 2020/2021 vermutlich für Honda

Foto: LAT

"Ich würde von außen behaupten, dass Alvaro Bautista eine große Chance sieht, mit Honda die Zukunft zu gestalten. Doch andererseits wundert es mich, denn die Fahrdynamik der Ducati hat er geliebt. Deshalb erstaunt es mich, dass er nicht bei seinen Leisten bleibt."

"Auf der einen Seite kann ich es verstehen. Wenn es zwei oder drei Jahre bei Ducati gewesen wären, dann hätte er sich neue Motivation holen können. Doch nach nur einem Jahr und den Erfolgen bin ich mir nicht sicher, ob es die richtige Entscheidung war. Aber er wird sich schon irgendwas dabei denken."

Frage: "Scott Redding wird vermutlich die Maschine von Bautista übernehmen. Damit verfügt Ducati über eine interessante Fahrerpaarung. Trauen Sie Redding zu, in der Superbike-WM vorne mitzumischen?"

Nebel: "Zu 100 Prozent. Da mache ich mir gar keine Sorgen. Chaz Davies und Scott Redding sind auf einem Niveau. Doch Redding ist im Kopf jünger und hat mit der Zwischenstation BSB und der Saison auf den extrem komplizierten Rennstrecken bewiesen, dass er das Motorrad verstanden hat. Er mag die Ducati zu 100 Prozent. Er wird in der Superbike-WM sehr gut zurechtkommen."

Scott Redding

Scott Redding ist der heißeste Anwärter auf Bautistas Platz bei Ducati

Foto: Ducati

Frage: "Toprak Razgatlioglu hat sich in den Rennwochenenden vor der Sommerpause für mehr empfohlen. Ist er das neue Supertalent der WSBK?"

Nebel: "Toprak ist schon immer ein riesiges Talent. Von seiner Art, wie er das Motorrad fährt, war er schon immer sehr spektakulär und aggressiv. Er hat viel Mut zur Lücke (lacht; Anm. d. Red.). Er startete gut in die Saison, doch dann kam ein kleines Loch. Sofort wurde ihm gesagt, dass er nicht zum Spaß fährt. Von ihm wurden Podiumsplatzierungen erwartet. Danach war Kenan (Sofuoglu) wieder mit in der Box und es hat sich alles geändert. Toprak war wieder vorne dabei."

"Der Typ ist ein riesiges Talent und hat nur eins im Kopf: Motorradfahren, so schnell es geht. Das erkennt man auch in seinen Interviews. Er sagt nie viel und denkt nur ans Fahren. Er lebt den Rennsport. Sobald er merkt, dass er mit seinem Motorrad vorne mitfahren kann, dann macht er es auch. Er hat einen Lehrer, der mehr als ein Mal Weltmeister geworden ist. Kenan stärkt ihn auch mental, was auf Grund seiner Religion schwierig ist. Es ist ein geiles Team. Sie haben einen geilen Zusammenhalt. Er macht es wirklich gut."

Honda trotz HRC-Hilfe abgeschlagen Letzter

Frage: "Honda kehrte im Winter mit einem Werksteam in die WSBK zurück. Doch die Rückkehr in die Superbike-WM war bisher eine totale Enttäuschung, oder?"

Nebel: "Ja. Es ist ja nicht nur so, dass man Letzter und Vorletzter wird. Sie werden Letzter und Vorletzter mit drei Sekunden Rückstand auf die schnellste Runde. Zeitweise ist es unterirdisch schlecht. Wenn man dann die Begründung hört, dann versteht man nicht mehr, worum es in dem Team geht."

"Aber auch das hat seine Berechtigung. Man weiß nicht, was hinter den Kulissen passiert. Sie haben mit Kiyonari viel für die 8 Stunden von Suzuki getestet. Sie wollten das Motorrad unter Rennbedingungen verbessern. Dafür war mir aber Kiyonari ein bisschen zu langsamen. Honda wird hoffentlich wissen, was sie tun. Ich hoffe, dass sie sich bald an der Spitze etablieren können."

Leon Camier

Die Basis der Honda Fireblade hat laut Stefan Nebel nicht genug Potenzial

Foto: LAT

Frage: "Für 2020 gibt es große Erwartungen, was das neue Honda-Superbike angeht."

Nebel: "Die Frage zu Beginn des Interviews war, ob man MotoGP-Wissen haben muss, um Superbikes bauen zu können. Honda ist überall involviert. Sie fahren MotoGP, sie nehmen an den 8 Stunden teil und sind in der Superbike-WM. Eigentlich sollten sie wissen, worauf es ankommt."

"Ich glaube, dass das alte Modell mit seinem Aufbau nicht mehr zeitgemäß ist. Das Potenzial ist nicht vorhanden. Ich bin gespannt auf das neue Motorrad. Ich traue ihnen sehr viel zu. Es ist ein guter Moment, um die Erfahrung umzusetzen. Ich würde sie niemals nicht auf dem Zettel haben."

Marco Melandri verabschiedet sich aus der WSBK

Frage: "Mit Marco Melandri verliert die Superbike-WM einen großen Namen. Wird das vor allem mit Blick auf den italienischen Markt zu einem Problem?"

Nebel: "Es geht ein wirklich großer Name verloren. Doch die Italiener sind von Grund auf so begeistert vom Motorsport, dass sie die Serie schon alleine wegen Ducati feiern. Es gibt zudem weitere gute Italiener, die sich einen guten Namen machen können. Ich glaube nicht, dass es einen direkten Einfluss auf die WM haben wird. Aber es ist mehr als nur ein Wort wert, wenn so ein Fahrer zurücktritt."

Marco Melandri

Marco Melandri verlässt die WM-Bühne am Saisonende

Foto: LAT

"Man darf nicht vergessen, was er an Kilometern abgespult hat und wie viele verschiedene Klassen er gefahren ist - von der Zweitakt-Ära zu den Viertaktern. Er hat überall gewonnen und war immer vorne dabei. Er hat sich immer wieder durchgefuchst. Wir sollten die Zeit genießen, in der wir ihn noch sehen. Sein Fahrstil ist etwas Besonderes. Melandri sticht unter 100.000 Leuten heraus. Manche Manöver sind legendär. Ich finde es sehr schade, dass er zurücktritt. Aber ich kann es gut verstehen."

"Wenn ihm Yamaha ein Motorrad bereitgestellt hätte, mit dem er gewinnen kann, dann hätte er bestimmt nicht gesagt, dass er am Jahresende aufhört. Es spielen im privaten Leben sicher einige Dinge eine Rolle, die ihn einen Denkanstoß gegeben haben. Ich denke aber nicht, dass Marco Melandri von heute auf morgen einfach verschwindet. Ein Rennfahrer ist ein Rennfahrer und das bleibt er immer. Auch ein Marco Melandri wird weiter versuchen, Action zu erleben. Aber man kann von dem Ganzen auch müde werden. Die Reiserei über die vielen Jahre, das Leben in Hotels kann einen richtig müde machen."

Im zweiten Teil (erscheint am Donnerstag) sprechen wir mit Stefan Nebel über die deutschen Fahrer.

Mit Bildmaterial von ServusTV.

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Urheber Sebastian Fränzschky