Stefan Nebel (ServusTV) exklusiv 2/2: Das große WSBK-Interview

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Stefan Nebel (ServusTV) exklusiv 2/2: Das große WSBK-Interview
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29.08.2019, 08:38

Wir haben uns exklusiv mit ServusTV-Experte Stefan Nebel über Markus Reiterberger, Sandro Cortese und die neue BMW S1000RR unterhalten

Die Sommerpause der Superbike-WM neigt sich dem Ende zu. Wir haben die Auszeit genutzt, um uns mit ServusTV-Experte Stefan Nebel über laufende Saison und die Entwicklungen der vergangenen Wochen zu unterhalten. Im ersten Teil des Exklusivinterviews thematisierten wir unter anderem Jonathan Reas weltmeisterliche Saison, Ducatis neues V4-Superbike, Alvaro Bautistas Transfer und den Rücktritt von Marco Melandri (zum Interview Teil 1).

Im zweiten Teil sprechen wir mit Nebel über die deutschen Fahrer und das Comeback von BMW. Markus Reiterberger kehrte in diesem Jahr in die WSBK zurück, muss seinen Platz aber im kommenden Jahr für Eugene Laverty frei machen (zur Meldung). Sandro Cortese absolviert seine erste Saison in der WSBK, doch die Zukunft bei Yamaha ist ungewiss.

Frage: "Höhen und Tiefen prägten die vergangenen Monate der deutschen Fahrer. Markus Reiterberger erlebte bisher mit Ausnahme des Assen-Wochenendes eine schwierige Saison. Wie beurteilen Sie das WSBK-Comeback des Obingers?"

Stefan Nebel: "Leider war es bis hierhin kein richtiges Comeback. Ich traue ihm deutlich mehr zu. Ich sehe noch nicht, dass Reiti zurück ist und sich akklimatisiert hat. Er hat einen relativ speziellen Fahrstil, der auch durch seine Größe bedingt ist. Er fährt die BMW relativ speziell, was das Set-up angeht. Aktuell ist das nicht kompatibel mit dem Druck, den Teamkollege Tom Sykes macht. Deshalb findet er nicht so viel Gehör."

Markus Reiterberger

Markus Reiterberger hamoniert nicht mit der 2019er-BMW

Foto: LAT

"Die Leistungen sind nicht gut. Er hat einen schwierigen Stand aktuell. Wenn man kein Glück hat, kommt auch noch Pech hinzu. Wenn man sich Australien anschaut, als er kaum den linken Arm heben konnte. Dann Donington Park, als er wegen einer Sommergrippe gar nicht erst fahren konnte. Es war keine normale Grippe sondern richtig ernst."

"Er hat schon andere Sachen unter anderen Voraussetzungen gemacht und einfach durchgezogen. Sein Schicksal gibt ihm schon ziemlich viel zu denken. Ich glaube, das ist im Moment das Problem. Er kommt nicht zum Fahren und hat keinen freien Kopf. Er kämpft permanent mit dem Motorrad oder hadert mit seiner eigenen Situation. Das macht es schwieriger."

Was macht Markus Reiterberger in der Saison 2020?

Frage: "BMW setzt die Zusammenarbeit nicht fort. Es ist offen, wie es 2020 bei Reiterberger weitergeht. Wo sehen Sie ihn in der kommenden Saison?"

Nebel: "Die Entscheidung von BMW hat mich ehrlich gesagt nicht wirklich überrascht. Natürlich hat ein Markus Reiterberger extrem viel für BMW getan, was den deutschen Markt angeht. Sein Talent ist unumstritten. Doch die Formkurve entwickelte sich nicht so, wie es sich das Werk vorstellte. Sie mussten überlegen, wie es in der Zukunft weitergeht. Es ist extrem schade, dass sie jetzt die Reißleine gezogen haben."

Frage: "Allzu viele Optionen gibt es für 2020 nicht in der Superbike-WM. Wohin geht Markus Reiterbergers Reise in der kommenden Saison?"

Nebel: "Diese Frage müsste man Markus stellen. Er muss sich als erstes durchringen, von BMW Abstand zu nehmen. Bisher ist er nichts anderes als BMW gefahren. Die Frage ist, ob er BMW die Treue halten will. Dann wird es ziemlich eng. Wenn er offen für alles ist, dann kann er sich mit seinem Talent auch bei anderen Teams vorstellen und hat dann eine andere Motivation."

Markus Reiterberger

Markus Reiterberger mit BMW-Crewchief Pete Benson

Foto: LAT

"BMW hat ihm in der Superbike-WM eine zweite Chance gegeben. Er hat aber erneut nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Ein Tapetenwechsel wäre sicher nicht verkehrt. Doch Reiti ist sehr BMW-lastig. Er muss sich die Frage beantworten, ob er BMW verlassen möchte."

"Wenn er bei BMW bleiben will, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er bei Werner Daemen im BMW-Langstreckenteam unterkommt, auch wenn die Fahrer eigentlich schon feststehen. Ich glaube aber, dass man gern auf Markus zurückgreifen würde. Das wäre für ihn eine Chance, um zu fahren. Es ist eine andere Frage, ob ihn das zufriedenstellt."

Sandro Cortese mit starken WSBK-Debüt

Frage: "Landsmann Sandro Cortese hatte einen starken Start in die Saison. Doch zuletzt lief es nicht mehr rund beim Supersport-Weltmeister."

Nebel: "Starker Beginn, viele Probleme und ich glaube auch ein Vertrauensverlust nach dem Assen-Sturz. Es waren schon einige harte Dinger dabei, die man erst einmal wegstecken muss. Natürlich wirkte sich auch die Schulterverletzung aus, die nicht so richtig verheilte. Er konnte sich nicht ausschließlich aufs Fahren konzentrieren."

"Aus meiner Sicht ist er in der Lage, permanent in die Top 5 zu fahren, wenn er ein paar Änderungen am Stil vollzieht. Auf Rennstrecken wie Katar zum Beispiel traue ich ihm viel zu. Den Kurs kennt er gut. Mit dem Superbike ist alles anders. Sämtliche Referenzpunkte sind anders. Zudem ist das Wochenende anders aufgebaut. Es gibt drei Rennen. Das ist auch mental eine ganz andere Herausforderung - auch für einen zweifachen Weltmeister."

Sandro Cortese

Sandro Cortese kommt gut mit der Yamaha R1 zurecht, musste aber heftige Stürze verdauen

Foto: LAT

Frage: "Sandro Corteses Fahrstil sticht im Yamaha-Lager etwas heraus. Im Vergleich zu seinen Markenkollegen fährt er deutlich rundere Linien. Sehen Sie das als Profi auch so?"

Nebel: "Ich würde unterschreiben, dass er weniger aggressiv fährt. Diese runden Linien und das weniger aggressive Fahren erschwert es ihm gegen Rennende, wenn der Reifen abbaut. Das wird immer das Problem sein, wenn man den 600er-Fahrstil anwendet. Auf dem hohen Niveau geht es meist nicht darum, was schneller oder langsamer ist. Entscheidend ist, was konstant schnell ist und was konstant abrufbar ist."

"Er kämpft mit einem ähnlichen Problem wie Rossi und Vinales zeitweise. Mit der Yamaha konnten sie eine Zeit lang nicht attackieren und waren immer in der Situation, nicht kontern zu können. Das erlebt Cortese auch. Er wächst immer mehr rein und gewöhnt sich daran, Kämpfe in der Superbike-WM zu haben. Man muss aber auch feststellen, dass er sehr viel Pech hatte."

"Er ist in den vergangenen Monaten einige Male böse gestürzt und musste danach erst einmal wieder klarkommen. Fahrstiltechnisch kann er sicher noch ein paar Dinge verbessern. Das liegt aber nicht an Sandro sondern an seinem Verständnis und der Anpassung an die Yamaha. Ich glaube, dass es im kommenden Jahr schon ganz anders aussehen kann."

Frage: "Es ist unklar, ob Cortese auch 2020 für GRT-Yamaha fährt. Hat er sich für eine zweite Saison qualifiziert?"

Nebel: "Ja. Aus meiner Sicht wüsste ich nicht, warum man nicht an Sandro festhalten sollte. Er ist ein Rookie und hat im vergangenen Jahr für Yamaha einen WM-Titel geholt. In diesem Jahr hat er in seiner Rookiesaison respektable Ergebnisse eingefahren. Es geht eher darum, ihn etwas kleiner zu machen, als er eigentlich ist. Das ist nur eine Verhandlungssache. Es würde mich wirklich wundern, wenn Sandro nicht in der Superbike-WM bleibt."

BMW kehrt mit Schwung in die Superbike-WM zurück

Frage: "BMW kam 2019 werksseitig zurück in die Superbike-WM und konnte bereits einige Podestplätze einfahren. Sind Sie vom starken Comeback der Münchner überrascht?"

Nebel: "Es ist keine Marke, die ein neues Motorrad gebaut hat und damit loslegt. Es ist eine Marke, die mit einem Modell Erfahrungen gesammelt hat und dann ein neues Modell gebaut hat mit den Vorzügen, um damit Rennen zu gewinnen."

BMW S1000RR

Die neue BMW S1000RR ist ein gelungener Wurf

Foto: LAT

"Das Werk, die Mitarbeiter und die Techniker haben das Potenzial. Das Motorrad hat auch ganz klar das Potenzial. Es überrascht mich aber schon ein bisschen, dass es momentan so konstant gut funktioniert - egal ob trocken oder nass, ob morgens oder nachmittags. Ich freue mich, dass sie die Früchte für die harte Arbeit ernten."

Frage: "Vielen Dank für das Interview. Gibt es eine abschließende Botschaft an die WSBK-Fans?"

Nebel: "Mir war die Sommerpause deutlich zu lang (lacht; Anm. d. Red.). Ich konnte zwar selbst viel fahren und hatte viel zu tun, aber die Pause in der Superbike-WM ist mir zu lang. Es fühlt sich an, als ob eine zweite Saison beginnt. Ich bin froh, dass es wieder losgeht und hoffe, dass die Fans weiterhin so fleißig bei ServusTV einschalten."

Mit Bildmaterial von ServusTV.

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Rennserie Superbike-WM
Urheber Sebastian Fränzschky