Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Alvaro Bautista
Die "Freude am Fahren" ist Alvaro Bautista abhanden gekommen: Entscheidet sich der amtierende Superbike-Weltmeister nach Donington zum Rücktritt?
Liebe Freunde des Motorrad-Rennsports,
am zurückliegenden Wochenende kehrte die Superbike-WM an ihre Geburtsstädte zurück, wo in der Saison 1988 alles begann. Spannende Duelle an der Spitze waren beim diesjährigen WSBK-Event in Donington leider Fehlanzeige, dennoch gab es viele schöne Momente.
Gut 52.000 Fans besuchten das Event und genossen den besonderen Charme, den Donington auf seine Besucher ausübt. Im Fahrerlager herrschte ein eifriges Treiben, die Paddock-Show war wie gewohnt ein Publikumsmagnet und auch auf den Rängen sah man viele WSBK-Fans.

Das Gastspiel in Donington ist eines der Highlights im WSBK-Kalender
Foto: Yamaha
Ausnahmekönner Toprak Razgatlioglu machte in Donington dort weiter, wo er in Misano aufgehört hatte. Nur war der BMW-Pilot dieses Mal noch dominanter. Bereits nach wenigen Runden am Freitag war klar, dass der Türke in einer eigenen Liga fährt.
Wir sehen in der Superbike-WM eine unerwartete Situation, mit der vor dem Saisonstart sicher niemand gerechnet hat. BMW-Neuzugang Razgatlioglu fährt Kreise um die Konkurrenz, dass man sich fragen muss, wer oder was den Überflieger aufhalten soll.

Toprak Razgatlioglu holte zum zweiten Mal in Folge die Maximalpunktzahl
Foto: Motorsport Images
Es gibt nicht viele, die Razgatlioglu die Erfolge nicht gönnen. Doch im Fahrerlager sieht man viele besorgte Gesichter, denn unterm Strich will die Superbike-WM die Fans unterhalten. Und das funktioniert nur bedingt, wenn der Führende zehn Sekunden vor dem Rest des Feldes seine Runden dreht.
Der Titelverteidiger sucht nach der Form der WSBK-Saison 2023
Vor allem Weltmeister Alvaro Bautista wirkt momentan etwas ratlos, weshalb er heute die Hauptrolle in der traditionellen Montags-Kolumne einnimmt. Gewann der Spanier im vergangenen Jahr noch 27 der 36 Rennen, so sieht die Bilanz in der laufenden Saison ziemlich trüb aus: Nach Donington liegt der Titelverteidiger 55 Punkte hinter Razgatlioglu. Und die kommenden Kurse spielen eher Razgatlioglu in die Karten.

Alvaro Bautista beklagt das fehlende Gefühl für sein Arbeitsgerät
Foto: Ducati
Aktuell bildet Bautista mit seiner Ducati Panigale V4R keine harmonische Verbindung (in Doninton stürzte er auf dem Weg in die Startaufstellung). Der Zauber der zurückliegenden Saison ist verflogen. Warum das so ist, kann momentan keiner richtig beantworten. Ich vermute, dass es wie so oft im Leben nicht nur eine Ursache gibt.

Die Ducati gibt Alvaro Bautista nicht die Rückmeldung, die er sich wünscht
Foto: Ducati
Viel mehr ist es ein Mix aus dem Zusatzgewicht und der nicht so harmonischen Leistungsentfaltung der Ducati auf Grund des Wechsels zum Sprit mit 40 Prozent Bioanteil. Bautistas Selbstvertrauen hat einen Knacks erhalten. Das starke WSBK-Debüt von Teamkollege Nicolo Bulega spielt vermutlich ebenfalls eine Rolle.
Alvaro Bautista zeigt kein Interesse an politischen Entscheidungen
Wie kann man Razgatlioglu schlagen? In der Vergangenheit bestand in der Superbike-WM stets die Gefahr, bei zu großer Dominanz eingebremst zu werden. Davon kann Bautista ein Lied singen.
Doch die Regelanpassungen von 2023 zu 2024 geben nicht viel Spielraum für gezielte Anpassungen der Balance. Und Bautista ist ohnehin nicht daran interessiert, Razgatlioglu durch politische Entscheidungen einzuholen.

Nur Toprak Razgatlioglu kämpft mit der BMW um Rennsiege
Foto: BMW Motorrad
Einige Verantwortliche bei Ducati sehen das aber offensichtlich anders. Denn in Donington sickerte durch, dass Ducati bei Motorrad-Weltverband FIM eine Überprüfung der Sitzeinheit von Toprak Razgatlioglus BMW angefordert hat.

Kontroverse um den Sitz der BMW: Toprak Razgatlioglu reagierte mit Humor
Foto: Motorsport Images
BMW reagierte blitzschnell und modifizierte den Sitz, um gefahrlos in den Sonntag zu starten. Das Regelwerk ist diesbezüglich nicht eindeutig formuliert, doch nach der Anpassung bestand laut BMW keine Gefahr mehr (wie sich Razgatlioglu über die Kontroverse lustig machte).
Wie lange will Alvaro Bautista seinen Arbeitgeber noch zappeln lassen?
Neben der ungeklärten Frage, wie Bautista die Dominanz von Razgatlioglu in Zukunft verhindern kann, schwirren auch noch die Gedanken zur Zukunft durch den Kopf des 39-jährigen Spaniers. Vor Misano tendierte ich noch dazu, dass Bautista auch 2025 für Ducati fährt. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher.

Zukunft von Alvaro Bautista: Es geht ums Geld, die Perspektive und das Gefühl
Foto: Ducati
Denn die bei BMW gern beworbene "Freude am Fahren" spürt Bautista bei Ducati momentan nicht. Spricht man ihn auf seine Zukunft an, dann erklärt er immer wieder, dass er seine Entscheidung vom Gefühl für die Panigale V4R abhängig macht. Und in Donington gab es diesbezüglich nicht viel Positives zu vermelden.
Neben dem Gefühl geht es Bautista natürlich auch ums Geld. Und wenn ich mir die Rennsport-Aktivitäten von Ducati anschaue, dann erhalte ich den Eindruck, dass die richtig fetten Jahre vorerst vorbei sind. Audi erlebt momentan schwierige Zeiten. Es ist gut vorstellbar, dass sich das auch auf das Budget von Ducati auswirkt.
Und wenn man ganz ehrlich ist, dann stellt sich die Frage, ob Bautista für Ducati überhaupt noch so wichtig ist. Denn Fakt ist, dass der bald 40-Jährige nicht die Zukunft von Ducatis WSBK-Projekts ist. Dass er aktuell hinter Teamkollege Nicolo Bulega nur WM-Dritter ist, stärkt nicht unbedingt die Verhandlungsposition.

Nicolo Bulega ist die Zukunft von Ducati
Foto: Ducati
Es ist auch nicht so, dass Ducati auf Bautista angewiesen ist, wie es 2019, 2022 und 2023 der Fall war. Viel mehr ist es ein Zeichen von Respekt und Loyalität, dass die Italiener so lange auf eine Entscheidung warten.
Einen Nachfolger zu finden, dürfte keine allzu schwierige Aufgabe sein. In der MotoGP werden voraussichtlich einige Fahrer arbeitslos. Ein Platz im WSBK-Werksteam von Ducati ist für diese Fahrer eine durchaus interessante Option.

Jack Miller hat noch keinen konreten Plan für 2025: Ist er eine Option für Ducatis WSBK-Team?
Foto: Motorsport Images
Was denkt ihr? Findet Bautista in der laufenden Saison noch einmal zu alter Stärke, stoppt Razgatlioglus Siegesserie und entscheidet sich daraufhin, seinen Vertrag bei Ducati zu verlängern? Teilt mir eure Meinung auf Facebook unter "Sebastian Fränzschky - Motorsport-Journalist" mit. Dort gibt es meine Texte, Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu diskutieren!
Sportliche Grüße,
Sebastian Fränzschky
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